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KW 28 - Beady Belle / Dedication (Jazzland)

Beady Belle ist mit neuem Album zurück und schon geht gleich wieder das große „Schubladisieren“ los. Ist das jetzt Jazz, elektronischer Pop, Funk, Soul oder Gospel? Die Antwort ist relativ einfach: Ja! Auf „Dedication“ bringt die norwegische Sängerin wieder einmal gekonnt mehrere Einflüsse unter einen Hut, inspiriert von alten Legenden und neuen Ikonen, unterstützt von ihrem neuen Quartett.

Wurde das letzte Album erin noch mit einer akustischen Jazzband in New York City aufgenommen, wendet sich Beate S. Lech auf dem in ihrer Heimat Oslo aufgenommenen „Dedication“ wieder elektrischen Pop-Sounds zu, allerdings ohne ihre Soul- und Gospel-Wurzeln zu verleugnen. 

„Das Album ist eine erneute Verneigung vor meinen Helden Marvin Gaye, Donny Hathaway und Aretha Franklin“, sagt die Sängerin, die am 10. April 44 Jahre alt geworden ist. „Gleichzeitig flüsterten mir während der Sessions jüngere Künstler wie Alicia Keys, Lauryn Hill und Frank Ocean ins Ohr.“

„Dedication“ bezieht sich auf die Hingabe für all das, für das es sich zu kämpfen lohnt: sei es ein rauschender Triumph oder einfach nur ein kurzer Moment des Glücks. Auch diesmal hat Beady Belle das Album komplett im Alleingang komponiert - Musik voller Abgründe und Euphorie. Und Texte, die eine erhebende Kraft besitzen, die Mut machen. 

„Dedication“ ist live in einem Osloer Studio mit Beady Belles neuem Quartett aufgenommen worden: zu ihrem langjährigen Bassisten und Ehemann Marius Reksjø gesellten sich Drummer Bjørn Sæther und Tastenmann David Wallumrød. Wallumrød zählt zu den gefragtesten Keyboardern Norwegens. Hier ist er nicht nur an unzähligen Keyboards und Vintage-Synthesizern zu hören, sondern glänzt auch an Gitarre, Glockenspiel und Kastenzither. 

Beady Belle hat schon Neo-Soul aufgenommen, Elektronisches, Country und Jazz – stets geprägt von einer uneingeschränkten Verehrung für Soul und R&B. Die Frau mit der samtig-verführerischen Stimme hat schon immer Pop-Musik komponiert, mit einem untrüglichen Gespür für eingängige Melodien.

„Meine Musik mag sich mit jedem Release verändert haben. Doch ich versuche immer, Freude und Traurigkeit gleichzeitig zu vermitteln. Das ist für mich Aufrichtigkeit.“ Diesere "Versuch" ist mit "Dedication" mehr als gelungen – Anspieltipps:  „Traces“ und „Last Drop Of Blood“.

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KW 27 - Yxalag / Fun Tashlikh (gpARTS)

Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft“ wusste schon Wilhelm von Humboldt. Und so suchen auch die Musiker der Band Yxalag auf ihrer neuen CD „Fun Tashlikh“ nach neuen Spielarten des Klezmer, nicht ohne sich von den großen Klezmer-Koryphäen der Vergangenheit inspirieren zu lassen. 
 
Vor genau zehn Jahren lernten sich die sieben Freunde im Studium an der Lübecker Musikhochschule kennen. Aus den damals „jungen Wilden“ sind inzwischen professionelle Musiker geworden, mit noch mehr unbändiger Freude am gemeinsamen Musizieren. Die Band hat in stetiger und unermüdlicher musikalischer Arbeit und durch ihr gemeinschaftliches Arrangieren ein eigenes Klangideal gefunden: Mitreißend, verzaubernd und verklärend.

Das exzellent eingespielte Ensemble mit dem besonderen Sound macht seine Konzerte zum Erlebnis: Das Tanzen, Tosen, Lachen und Weinen des Publikums ist für die Gruppe dabei der beste Antrieb die Liebe zum Klezmer weiterzutragen. Mit ihrem jugendlichen Charme und der beschwingten Art sind sie gern gesehene Gäste auf den Bühnen internationaler Festivals wie etwa dem Klezmerfestival Fürth, den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, dem Schleswig-Holstein-Musikfestival oder dem Klezmer-Festival Malta.
 
Das Bandjubiläum feiert Yxalag mit dem Erscheinen der vierten CD „Fun Tashlikh“. Das Wortspiel aus dem Namen des jüdischen Bußefests „Tashlikh“ und dem englischen Wörtern „fun“ und „fantastic“ ist ursprünglich Titel eines Klassikers von Naftule Brandwein, einem großen Vorbild der sieben Musiker. Inspiriert durch ihn und andere Größen des Klezmers wie etwa Dave Tarras sucht die junge Klezmerband auf diesem Album nach neuen Wegen.

Stets ist sich Yxalag der Herkunft und Ursprünglichkeit der Musik bewusst, interpretiert sie aber neu, anders, zukunftsweisend. Treibende Kräfte sind dabei ihre große Neugier und Offenheit für Neues. So versuchen die Musiker sich selbst und damit auch den Klezmer weiterzuentwickeln.

Die Band steht auf dieser CD mehr denn je mit beiden Beinen im Hier und Jetzt – Nele Schmidt (vi, va), Juliane Färber (vi, va), Kayako Bruckmann (vi, va), Jakob Lakner (u.a. cl, bcl, sax), Lukas Stankvic (tb), Uli Neumann-Cosel (b), Nicolas Kücken (g) verlieren dabei aber nie den Bezug zu den Wurzeln des Klezmers. Anspieltipps: „Mocca Swing“ und die dreisätzige „Yankel's Suite“.

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KW 26 - Morcheeba / Blaze Away (Kartel Music Group)

Damit war nicht unbedingt mehr zu rechnen: Morcheeba feiern nach all den Irrungen und Wirrungen der letzten Jahre mit „Blaze Away“ ein bemerkenswertes Comeback! 

Die Trip-Hop-Pioniere haben ja eine durchaus bewegte Geschichte hinter sich - 2004 ekelten die Godfrey-Brüder Paul und Ross ihre Frontfrau Skye Edwards aus der Band, mit der sie zuvor neun Jahre lang große Erfolge feierten, um dann - mäßig erfolgreich - mit wechselnden Sängern und Sängerinnen weiterzumachen; ein Konzept, das nicht wirklich erfolgreich war.

Also raufte sich die alte Besetzung zusammen, veröffentlichte gemeinsam gewohnt tolle Musik und ging auch immer wieder ausgedehnt auf Tour. Dass es aber im Gebälk wohl wieder kräftig knirschte, konnte man als Beobachter in den vergangenen Jahren mehr als nur erahnen. Diesmal aber nicht zwischen den Godfreys auf der einen Seite und Skye auf der anderen, sondern zwischen den beiden Brüdern.

Paul ging immer seltener mit auf Tour. Irgendwann gründeten Skye und Ross ein Duo, veröffentlichten 2016 ohne Paul sogar Musik, also der definitive Cut. Paul ist, wie man nun erfuhr, seit 2014 raus aus der Band. Ein Rechtsstreit um den Namen folgte, gewonnen haben ihn Ross Godfrey und Skye Edwards, die nun unter dem „alten“ Namen Morcheeba mit „Blaze Away“ ein wunderbares, herrlich entspannt daher kommendes Album präsentieren.

Auf dem vermischen sie auf zwölf Songs mit viel Lust jede Menge verschiedene Genres zu einem stimmigen Ganzen. Und so ist das nun vorliegende Album “Blaze Away”, das insgesamt neunte der Band, auch eine Art Neustart, wenn auch mit den altbekannten musikalischen Ingredienzien. “We brought back a lot of the influences of early Morcheeba records – from ‘50s blues, ‘60s psychedelic rock and ‘70s dub reggae to ‘80s electro and ‘90s hip hop. Whatever felt right, we went with”, erklärt Produzent Ross Godfrey, der auf einigen Songs mal wieder seine Gitarre auspackt, was dem Album durchaus gut tut.

Dazu hat die Platte auch die ein oder andere einige zusätzliche klangliche „Farbergänzung“ zu bieten. Rapper Roots Manuva ist als Gast auf dem optimistischen und hoffnungsvollen Titeltrack “Blaze Away”, zu hören. Der französische Star Benjamin Biolay singt gemeinsam mit der wie immer betörenden, honigsüßen Skye auf dem sinnlich-verträumten, aber textlich abgedrehten “Paris Sur Mer”. Und Kurt Wagner von Lambchop hat die Lyrics für das sonnige “It’s Summertime” verfasst. 

Die Kombination aus "echten" Instrumenten, Samples und Drumsounds, die man nie so genau verorten kann, hält die Sache auch 2018 spannend und macht „Blaze Away“ zu einem Album, das sowohl als klanglicher Background in entspanntem Kontext “funktioniert“, aber auch den anspruchsvollen Sound-Connaisseur durchaus überzeugt. Anspieltipps: „Paris Sur Mer“ und „Love Dub“.

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KW 25 - Joey Alexander / Eclipse (Motéma Music)

Zu oft überschätzen junge Talente ihre eigenen Fähigkeiten, so dass sie ihr wahres Potenzial in ihrem jeweiligen Bereich aus dem Auge verlieren. Glücklicherweise gibt es andere Künstler, die darum kämpfen, die Musik mit Enthusiasmus, Leidenschaft und emotionaler Tiefe auf ein neues Niveau zu bringen.

Zu diesen gehört Pianist Joey Alexander, der schon als Vierzehnjähriger zwei Grammy-nominierte Studioalben, My Favorites Things (2015) und Countdown (2016), sowie Joey.Monk.Live! (2017), eine von der Kritik gefeierte Überraschungsveröffentlichung zu Ehren von Thelonious Monk aufgenommen hat. 

Mit seinem dritten Studio-Album „Eclipse“, seinem persönlichsten bisher, macht Joey einen weiteren großen Schritt nach vorn und untermauert seine Fähigkeiten als Komponist, Bandleader und Musiker, die ein enormes künstlerisches Potential für die kommenden Jahre und Jahrzehnte ankündigen.

Auf dem Album ist der Pianist zusammen mit Bassist Reuben Rogers und Schlagzeuger Eric Harland als Rhythmusgruppe zu hören, dazu kommt Saxophonist Joshua Redman auf drei Stücken. Das Programm reicht von Jazz-Klassikern von John Coltrane und Bill Evans zum Beatles-Hit "Blackbird" und einer ehrwürdigen Neuvertonung des Gospel-Hymnus "Draw Me Nearer" von 1875. Vor allem aber zeigt „Eclipse“ auf 6 der 11 Songs Joey Alexanders Entwicklung hin zum exzellenten Komponisten.

Alexander, der 2003 in Bali geboren wurde, zog mit seinen Eltern mit acht nach Jakarta, verbrachte dort zwei Jahre und ging 2014 nach New York, wo er zu einem der einflussreichsten, aufstrebenden Jazz-Musiker wurde. Grammy-Gewinner Jason Olaine, der als Director of Programming für Jazz At Lincoln Center fungiert und die vier Alben Alexanders produziert hat, erklärt, er stehe nach wie vor im Bann des fantastischen Talent des jungen Pianisten.

"Es ist toll, was aus Alexander herauskommt. Er will Spaß haben, wenn er spielt. Es geht ihm nicht um die Auszeichnungen oder den Applaus.“, sagt er und fügt hinzu: „Eclipse zeigt, welche erstaunliche Reise Joey zurückgelegt hat" und Motéma-Gründerin Jana Herzen, die den Künstler als Zehnjährigen unter Vertrag genommen hat, ergänzt: "Joey hat ein ansteckendes Spielgefühl und eine tiefe Faszination für die kaleidoskopischen Möglichkeiten des Jazz."

Kurz nachdem die Band am 21. August 2017 eine Studio-Pause eingelegt hatte, um die Sonnenfinsternis zu erleben, schlug Produzent Olaine vor, dass das Trio frei spielen sollte und schauen, wohin es gehen würde. Das Ergebnis war „Eclipse“, das Herzstück des Albums, eine 10-minütige Tour de Force, in der Alexander sein ganzes emotionales Spektrum zwischen Nachdenklichkeit und Dramatik verarbeitet.

Mit der Veröffentlichung von „Eclipse“ hat Joey Alexander die bisher persönlichste und kraftvollste Interpretation seiner einzigartigen künstlerischen Vision erschaffen. Seine Arbeiten basieren weiterhin auf Inspirationen aus der Vergangenheit. Aber er drückt der Musik seinen progressiven Stempel auf, indem er sie sowohl auf der Bühne als auch im Studio ständig neu erforscht.
 Anspieltipps: „The Very Thought Of You“ und „Eclipse“.

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KW 24 - Nicola Conte & Spiritual Galaxy / Let Your Light Shine On (MPS)

Der italienische Gitarrist und Bandleader Nicola Conte hat, gemeinsam mit seinem Ensemble um Stars wie Trompeter Theo Croker, Saxophonisten wie Logan Richardson und Magnus Lindgren sowie Sängerin Zara McFarlane, sein erstes Album auf dem wiederbelebten Label MPS aufgenommen. Ein größtenteils live in Bari und Johannesburg aufgenommenes Kunstwerk zwischen Soul und spirituellem Afro-Jazz.

Musiker hassen es, ihre Kunst in Schubladen stecken zu müssen. Nicola Conte versucht es dennoch: „Man könnte es Spiritual oder Cosmic Afro-Jazz nennen. Mit Afro-Soul bin ich ebenso einverstanden“. Für sein neues Album „Let Your Light Shine On“ hat der italienische DJ, Produzent, Gitarrist und Bandleader Jazz, Soul und afrikanisch angehauchte Grooves auf einer Laid Back-Basis verwoben – Conte verbindet, was scheinbar nicht zusammen gehört.

Offen für Sounds aller Art war dieser innovative Jazz-Revivalist schon immer. Der 1964 geborene Conte gründete in den frühen 90ern das Künstlerkollektiv Fez in seiner Heimatstadt Bari, produzierte Jazz und modernen elektronisch “angehauchten“ Bossa Nova und nahm Filmmusik auf. Sein achtes Album transportiert sein Interesse an spiritueller Entschleunigung („Wir sollten uns vom Materialismus nicht einengen lassen. Wir brauchen neue Perspektiven!“) und ist gleichzeitig politisch geprägt.

„Mich interessiert der afro-zentrische Ansatz der 70er, wie ihn Musiker wie John Coltrane, aber auch Labels wie Stata East vorangetrieben haben“, sagt der besessene Plattensammler. „Man hat sich mit den Problemen der Zeit befasst. Das hat heute vielleicht eine größere Relevanz denn je – viele Probleme sind eher noch schlimmer geworden.“

„Let Your Light Shine On“ ist gleichzeitig Contes Debüt beim wiederbelebten deutschen Label MPS. „Was europäische Labels angeht, war MPS immer die Messlatte für mich“, schwärmt der Italiener, „Jazz meets the World on MPS, das war das Motto. Es ging nicht darum, Trends auszubeuten, es ging um genuinen künstlerischen Ausdruck.“

Die Basis von „Let Your Light Shine On“ bildet Contes Live-Band Spiritual Galaxy, in der er selbst Gitarre spielt. Dort treffen Cracks wie der schon mehrmals vom renommierten Down Beat Magazin als „Best Emerging Artist“ ausgezeichnete Posaunist Gianluca Petrella, der schwedische Tenorsaxophonist Magnus Lindgren und der finnische Drummer Teppo Mäkynen auf Pietro Lusso (Piano), Luca Alemanno (Bass) und die Sängerin Bridgette Amofah.

Dazu gesellten sich zwei Musiker, die in den USA zu den aufstrebenden Stars eines jungen Jazz zählen, der keine Scheu vor HipHop, R’n’B oder Elektronik hat: Logan Richardson (Altsaxophon) und Theo Croker (Trompete). Eine skandinavisch-amerikanisch-italienische Allstar-Band, ein wahrhaft kosmisch-kosmopolitisches Ensemble – ergänzt von einem sensiblen Gastbeitrag der gefeierten britischen Sängerin Zara McFarlane.

Die Londonerin scattet und improvisiert lautmalerisch auf dem soulful perlenden „Ogun“. Der sacht dahingroovende Titelsong wurde dagegen in Südafrika mit vier lokalen Musikern aufgenommen; eine kurzfristig anberaumte Session in Johannesburg mit dem typischen Conte-Touch.

„Mystic Revelation of the Gods“ und „Me Do Wo“ (mit grandiosen Soli von Croker, Lindgren und Richardson) bilden Contes ganz eigene, zurückgelehnte Definition von Afro-Beat. Als hätte Fela Kuti nach einer durchfeierten Nacht am Hafenbecken von Bari bei Sonnenaufgang aufgenommen.

Jazz meets the World – in bester MPS-Tradition verbindet Nicola Conte mithilfe famoser Musiker die Klänge verschiedener Kontinente zu einem ganz eigenen Stil. Anspieltipps: „Afro Black“ und „Me Do Wo“.

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KW 23 - Rolf Kühn / Yellow + Blue (MPS)

Ruhe und Aufbruch. Erfahrung und Neugierde. Body and Soul. Rolf Kühn findet solche Gegenpole extrem anziehend. Und so improvisiert und bewegt sich der 88-Jährige (am 29. September wird er 89) mit seinem Album „Yellow + Blue“ einmal mehr durch musikalisches Neuland. 

„Europas größter Klarinettenspieler und Freigeist“ (Jazzthetik) spielt auf seinem neuen MPS-Album Balladen und legendäre Love Songs, in die er innig eintaucht, denen er aber auch neue, ungehörte Töne entlockt. Denn eine sentimentale Rückschau ist nicht sein Ding. In seinem neuen Quartett mit Pianist Frank Chastenier, Bassistin Lisa Wulff und Tupac Mantilla (Percussion) kontrastiert Rolf Kühn seine empfindsame Seite vielmehr mit ungebremster Experimentierlust.

„Für das Album habe ich einige meiner absoluten Lieblingsballaden ausgewählt, losgelöst von irgendwelchen Trends sind sie für mich einfach berührend und zeitlos schön“, sagt Kühn, „und besonders reizvoll fand ich, diese Auswahl mit meinen aktuellen Kompositionen zu kombinieren.“

„Both Sides Now“, ein Klassiker aus dem Songbook von Joni Mitchell, eröffnet das Album. Kühn mag den poetischen Text: „Im Leben gibt es irgendwie doch immer beide Seiten, aber am schönsten ist es, wenn sie einander sogar bereichern und fließend ineinander übergehen können, um etwas ganz Neues entstehen zu lassen.“

Der Titelsong „Yellow And Blue“, eines von fünf neuen Stücken, bringt beide Perspektiven auf den Punkt: Das Weiche, Zarte, die warme bluesige Klangfarbe Blau steht neben dem Grellem, dem impulsiv Leuchtenden. Und aus diesem Kontrast wird wiederum eine neue musikalische Farbe. Die grenzenlose musikalische Neugier des 1929 in Köln geborenen Sohns eines Zirkusakrobaten wird von seinen an Jahren deutlich jüngeren Mitmusikern mit spürbarer Gegenliebe aufgenommen.

Wie schon bei seinen letzten Einspielungen für das Label MPS/Edel - „Stereo“ (2015) und „Spotlights“ (2016) - mit ihren fliegend wechselnden Konstellationen aus Duo, Trio oder Quartett entfaltet der zweifache ECHO-Preisträger auch diesmal wieder „große Musik in kleinen Besetzungen“ (WAZ) – und kreiert dabei überraschende Klangfarben und Instrumentierungen. 

„Schon der erste Probentag war einfach purer Spaß für uns alle. Ich spüre sofort, ob im Studio die Chemie stimmt. Hier war es vom ersten Moment an ein Ideen-Austausch auf Augenhöhe, geprägt zugleich von einer ungewöhnlichen Vertrautheit“, schwärmt Kühn. Der Klarinettist kann bei jedem der Titel, den er interpretiert, die Zeit der Entstehung noch mit eigenen Erinnerungen anfüllen – Gelebte Jazz-Geschichte. 

Dabei reicht das Repertoire von den „Angel Eyes“, populär geworden durch Frank Sinatra, über die Michel-Legrand-Komposition „What Are You Doing The Rest Of Your Life?“ bis zum Song „I’m Through With Love“, den vor allem Marilyn Monroe im Billy-Wilder-Film „Manche mögen’s heiß“ unsterblich gemacht hat und erstmals in seiner langen Karriere hat Kühn – endlich –  auch eine Version von „Body And Soul“ auf CD eingespielt, die Jazz-Ballade par excellence.

Auch hier gilt für den Jazzklarinettisten, der sich auf seinem Instrument immer noch als Lernender sieht: Jedes Stück hat seine Unschuld, etwas Pures, dem er auf den Grund gehen möchte. „Der Text ist dabei für mich ganz wichtig. Ich habe ihn beim Spielen immer im Kopf. Und wie schaffe ich es dann, dass die Klarinette in ihrer ganzen Fülle wie eine menschliche Stimme klingt?“

Rolf Kühn, „Deutschlands coolster Jazzer“ (Die Welt),  der im Orchester von Benny Goodman noch die Swing-Ära miterlebte und sich dann in allen Spielarten des Modern Jazz weiterentwickelte, agiert heute freier und mutiger denn je. Und das neue Album „Yellow + Blue“ zeugt zugleich von einer nun schon mehr als 70 Jahre andauernden Affäre – der unstillbaren, aufregenden Liebe zu seiner ältesten Lebens-Freundin, der Klarinette. Anspieltipps: „Yellow And Blue“ und „Both Sides Now“.

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KW 22 - Veronika's Ndiigo (NRW Records)

Seit der letzten Produktion “Feel it all“ sind vier Jahre vergangen, nun hat Sängerin, Songwriterin und Multiinstrumentalistin Veronika Stalder mit ihrer Band Veronika’s Ndiigo „Fly“ ihr mittlerweile drittes Album herausgebracht. Die Band hat seither zahlreiche Konzerte auf Kulturbühnen, Open Airs und nationalen sowie internationalen Festivals gespielt. Ihre Musik, eine Verschmelzung von Singer/Songwriting, Folk, World und Jazz hat dabei ein immer größer werdendes breites Publikum begeistert. 

Stalder hat zeitgleich mit der Ethno-Jazz-Band Authentic Light Orchestra den Russischen World Music Award 2016 gewonnen, 2014 den Armenian Song Contest Tsovits Tsov für die beste Interpretation und Umsetzung eines armenischen Songs, sowie in drei Filmmusikproduktionen mit Sänger Serj Tankian (Leadsänger von System of a Down) gesungen.

Die neuen Songs der auf „Fly“ bleiben dem Stil von Veronika Stalder treu, entwickeln diesen aber weiter, sind etwas ruhiger, halten inne, um den kleinen und großen Wundern des Lebens zu lauschen. Das Album benennt Veronika nach dem Song “Fly“, mit dem sie ermutigt, dem Herzensweg zu folgen. Koraspieler Prince Moussa Cissokho erweitert den Song mit einem Gesangsteil in Wolof, der Landes-sprache seiner Herkunft Senegal.

Das soulige Bassspiel von Toni Schiavano verbindet sich mit Oli Hartungs groovigen Spiel auf der Gitarre und Percussionist Samuel Baurs erdig-klangvollen Rhythmen zu einem idealen “musikalischen Teppich“, auf dem sich Veronika Stadlers ebenso anrührend wie eindringliche Stimme und Prince Moussa Cissokho’s virtuoses Koraspiel perfekt entfalten können.

Mit Veronika’s Ndiigo haben sich fünf Musiker gefunden, die ihre Liebe für Songs, Worldmusik und Improvisation verbindet. Die Band kreiert Musik, in der sich alle Musiker einbringen und ihre jeweiligen Stärken vereinen. Auf "Fly“ erschaffen sie einen dicht gewobenen und dennoch leichten, tänzelnden Klangteppich, der die Geschichten von Sängerin Veronika Stalder wunderbar trägt - Welt-Musik mit Einflüssen aus Folk, Jazz und Soul, welche den Hörer mitnimmt auf eine höchst inspirierende Reise.  

"Eine wirklich schöne Afro-gefärbte Scheibe aus der Schweiz: Die Eidgenossin Veronika Stalder bringt auf "Fly" (NRW) im Quintettformat Veronika's Ndiigo luftiges Songwriting mit keltischen und Joni-Mitchell-Anleihen nicht nur unter einen Hut mit Wolofgesang und Kora, es entsteht auch ein sich gegenseitig bereichernder Flow zwischen Helvetien und Senegal" schreibt das Fachmagazin Jazzthing in seiner Juni-August Ausgabe. Dem ist nichts hinzufügen. Anspieltipps: „Searching For Home“ und „Where You're From“.

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KW 21 - Dobet Gnahoré / Miziki (La Café)

Dobet Gnahoré wurde abseits der Großstadt geboren und zog als Kind zu ihrem Vater, dem bekannten Percussionisten Boni Gnahoré, in das von ihm mit aufgebaute Künstlerdorf Ki Yi M’bock in Abidjan, wo schon ab fünf Uhr morgens Musik, Tanz und Theater studiert wird, all die Grundlagen, die man als Künstler beherrschen sollte.

Dobet entschied sich im Alter von 12 Jahren, auf der dortigen Schule ihr Künstler-Handwerk zu erlernen. Mit der Ankunft des französischen Gitarristen Colin Laroche de Féline änderte sich ihr Leben – sie verliebten sich, begannen gemeinsam Musik zu machen und gingen 1999 zusammen nach Frankreich. 

Inspiriert von Künstlern wie Angélique Kidjo oder Lokua Kanza, begann Dobet zu modeln und ihre Stimme zu entwickeln, die als „rather special, very strong, capable of expressing the highs and lows…“ beschrieben wurde. Das belgische Label Contre-Jour wurde auf sie aufmerksam und Dobet veröffentlichte insgesamt vier Alben auf dem Label. 

2006 war sie als beste Newcomerin bei den BBC 3 World Music Awards nominiert und 2010 gewann sie gemeinsam mit der US-Sängerin India.Arie einen Grammy in der Kategorie für „Best Urban / Alternative Performance“ für den Remix des Songs „Palea”, den Arie in „Pearls“ umbenannt hatte. Im selben Jahr erklärte der britische Guardian Dobet Gnahoré zum besten Act des WOMAD Festivals.

Auf „Miziki“, ihrem mittlerweile fünften Album, mischt die Sängerin elektronische Musik mit ihrer ausdrucksstarken Stimme in einer Weise, die ihrem eigenen freien Charakter entspricht. Zum ersten Mal hat sie alle Songs mit Ausnahme eines Stücks für das Album komponiert und den Prozess beschreibt sie so: „I compose alone because I want to marry my creation so as to give it to the public”. 

Mehr als 800 Konzerte hat Dobet seit dem Jahr 2004 in der ganzen Welt gegeben (O-Ton Dobet: „When I’m not travelling, I get depressed”) und ihr neues Album ist von den unterwegs gesammelten Eindrücken stark inspiriert. Vier Jahre dauerte die Arbeit an Miziki, ihrem bislang mutigsten und persönlichsten Album. Es widmet sich vor allem zwei für Dobet wichtigen Hauptthemen: einem reichen, freigiebigen und vereinten Afrika und der Stärke afrikanischer Frauen. In ihren Texten und auf der Bühne feiert Dobet, die einer neuen Generation aus Afrika angehört, die mutige, gütige und selbstlose Frau.

Mit der Produktion des Albums beauftragte die Singer/Songwriterin und Performerin Nicolas Repac, der schon mit Arthur H oder Mamani Keita zusammengearbeit hat. Das Album ist die Fusion ihrer Identitäten: Dobet liebt die Musik Afrikas von Yemi Alade über Miriam Makeba bis zu Brenda Fassie, aber genauso schätzt sie Björk oder Christine and the Queens, was Nicolas bei der Produktion bedachte.

Sprachlich konzentriert sich das Album auf Dobets Muttersprache Bété, eine der 72 Sprachen der Elfenbeinküste. Die Themen der Stücke reichen von ihrer Liebe zur Musik im Titelsong des Albums über ihr immerwährendes Rebellentum, eine verlorene Liebe, dem Kampf um Würde und Gerechtigkeit bis zur Wichtigkeit von Bildung für die Emanzipation. Anspieltipps: „Afrika“ und „Akissi La Rebelle“.

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KW 20 - Van Morrison & Joey DeFrancesco / You're Driving Me Crazy (Legacy)

Er kann es nicht lassen. Mit 72 Jahren zeigt sich Van Morrison in absoluter Höchstform und präsentiert mit „You’re Driving Me Crazy“ bereits das fünfte Album in vier Jahren. Wie bereits bei Anfang Dezember 2017 (!) erschienenen Vorgänger-Album „Versatile“ widmet sich der nordirische Singer-Songwriter dem Jazz, wobei auch der Blues, wie schon auf „Roll With The Punches“ (erschienen im September 2017), ebenfalls nicht zu kurz kommt.

Dafür holte er sich einen besonderen Gast ins Studio: den US-amerikanischen Organisten und Trompeter Joey DeFrancesco. Gemeinsam haben sie für „You’re Driving Me Crazy“ 15 Songs aufgenommen. Dazu gehören Coverversionen bekannter Klassiker wie „Miss Otis Regrets“ von Cole Porter, „The Things I Used to Do“ von Eddie Jones und „Every Day I Have The Blues“ von Peter Chatman.

Außerdem befinden sich auf dem neuen Album Neuinterpretationen eigener Stücke aus Van Morrisons riesigem Katalog, zum Beispiel “Have I Told You Lately“, „The Way Young Lovers D“, „Goldfish Bowl“ und „Magic Time“. Unterstützt werden Van Morrison und Joey DeFrancesco auf der Platte von DeFrancescos Band, bestehend aus dem Gitarristen Dan Wilson, dem Drummer Michael Ode und dem Saxofonisten Troy Roberts.

„Der alte Grantler sprüht vor Tatendrang. (...) Der tief im Jazz verwurzelte Sound dieses 39. Morrison-Werks weckt gar Erinnerungen an das legendäre „Astral Weeks“ (1968). Der 72-jährige Ire singt enorm inspiriert, angefeuert von DeFrancescos Jimmy-Smith-artiger Hammond-Orgel und dem Groove von Joeys Begleittrio.“ (Audio, Mai 2018)

Jazzstandards, Bluesklassiker und eigene Hits: Mit "You’re Driving Me Crazy" präsentieren Van Morrison (75) und Joey DeFrancesco (47) - zwei musikalische "Brüder im Geiste" - abwechslungsreiches und spannendes Album, das ein wenig aus der Zeit gefallen erscheint und dennoch modern klingt. Anspieltipps: „Miss Otis Regrets“ und „Have I Told You Lately“.

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KW 19 - De-Phazz / Black White Mono (pazz-a-delic / MPS)

Die in die Gehörgänge kriechenden, die Gehirnaktivität stimulierenden und die Tanzbeine elektrisierenden Songs von De-Phazz kennt man in Wladiwostok genauso wie in Anchorage, auf Ibiza oder Kathmandu.

Weil sich Songs wie „The Mambo Craze“, „Something Special“ oder „Cut the Jazz“ (inzwischen 3 Millionen Mal auf Spotify abgespielt) dank kluger Barmänner, Kompilationen wie „Café del Mar“ oder dem Einsatz als Film-Soundtracks schon viral wurden, als man diesen Begriff bloß mit Erkältungen in Verbindung brachte.

Über eine halbe Millionen Tonträger haben Baumgartner & Co. verkauft (nicht gezählt die Schwarzmarktkopien, die De-Phazz zur möglicherweise meistgebrannten Band Osteuropas machen) und bislang über 600 Konzerte rund um den Globus gegeben. Grund zum Feiern gibt es also reichlich – mit noblem Understatement und einer großen Portion Selbstironie, wie es sich für De-Phazz gehört.

„Black White Mono“ heißt das Album zum 20jährigen Bandjubiläum. Aber keine Sorge: So reduziert wie der Albumtitel und so kühl wie das an die Industriekunst der Op-Art angelehnte Plattencover ist die Aufnahme an keiner Stelle. Vielmehr schickt Baumgartner die Hörer mal wieder lustvoll auf die falsche Fährte. „Ich liebe es, ein klein wenig Stirnrunzeln auszulösen“, bekennt Mr. De-Phazz.

Mit „Black White Mono“ haben wir es nämlich mit einer bunt schillernden Geburtstagsparty für Erwachsene zu tun, die sich an die Ära erinnern, als ein Album noch ein Film fürs Kopfkino war. Da ist alles dabei, was man für eine gelungene Fete braucht: Gut gelaunte Familienmitglieder wie die Vokalisten Pat Appleton, Karl Frierson, Barbara Lahr oder der Posaunist Otto Engelhardt treffen auf liebgewonnene Freunde wie Trompeter Joo Kraus, den Saxofonisten Marcus Bartelt oder den Schlagzeuger Oli Rubow und köpfen gemeinsam den Champagner.

„Black White Mono“ birgt zum einen die Quintessenz aus 20 Jahren De-Phazz – mokante Lässigkeit, Black-Music-Finesse, perfekt konstruierte Irritationen – und geht zum anderen darüber hinaus. Noch akribischer ausgeführt sind die Basteleien im Hintergrund (die unfassbare Jazzgitarre, die man in vielen Stücken hören kann, wird nicht von einem vielarmigen George-Benson-Klon bedient, sondern ist das organische Ergebnis minutiöser Schnittarbeit am Rechner), noch weiter gefächert ist die stilistische Palette, die von Dub, Electro-Funk, Swing über Bossa und Blues bis hin zu Indie-Pop und französischem Spoken Word reicht. Anspieltipps: „Wailing Daddy“ und „The Power Of Maybe“ – ach was: zurücklehnen und en suite genießen, gerne auch mal in der Endlos-Schleife!

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KW 18 - Stephanie Neigel / In Sachen Du (o-tone music)

Es gibt Alben, die sprechen für sich selbst. Was ja schon mal nicht wirklich wenig ist. Und es gibt Alben, wie „In Sachen Du“ von Stephanie Neigel, die haben noch ein bisschen mehr zu sagen. Sie sprechen für selten gewordene Tugenden;

Zum Beispiel für eine Lässigkeit, die niemals leichtgewichtig wird. Für eine Palette der Genres, die Viele sich vielleicht gerade noch nebeneinander, nicht aber miteinander vorstellen können. Für gute Songtexte, die wie Notizen guter Gespräche bei einem Glas Wein oder Gedanken auf dem Waldspaziergang klingen.

Und auch für den klugen Verzicht auf das, was Pop-Produzenten häufig leider ihren Auftrag nennen. Haben sie ihn dann erfüllt, gleicht das Ergebnis oft genug wie ein Ei dem anderen und lässt den Hörerenden wieder einmal kein Platz für die eigene Fantasie.

Wobei die zwölf eigenwilligen Songs auf „In Sachen Du“, dem mittlerweile dritten Album von Stephanie Neigel, es nicht etwa auf die Vermeidung anderswo gern gemachter Fehler anlegen, sondern schnell ein wunderbares Eigenleben entwickeln. Daran ist die quergestrickte Arbeitsweise der in Worms geborenen Sängerin nicht ganz unschuldig.

Die von der Songwriter-Ballade bis zum fast exotisch temperierten Uptempo und manchmal bis in den Jazz reichenden Songs, sagt Neigel, habe sie „so nicht detailliert geplant. Ich hatte Lust, verschiedene Sachen auszuprobieren, auch von einer konventionellen Besetzung wegzugehen.“

Viele der Songs seien im Trio entstanden, mit Schlagzeug, Gitarre und Gesang und auch als wirklich ein Take. „Da wurde nicht viel geschnippelt. Die unterschiedlichen Stile rühren auch daher, dass ich viele verschiedene Genres mag und höre und in meinem Kopf mit mir herumtrage. Ich mag es auch nicht so gern, wenn ich nach drei Songs schon weiß oder zumindest erahnen kann, was mich bei den zehn nächsten erwartet. Ich lasse mich lieber mal überraschen.“

„Ich habe aber nicht stundenlang an jeder Formulierung gesessen“, sagt sie. Manchmal aber sei es trotzdem so, „dass ich einen Satz im Kopf habe, bei dem ich mich frage, ob er nicht in anderen Kontexten schon ein bisschen zu abgelutscht ist. Obwohl ich gerade genau das sagen möchte.“

Dann stelle sich die Frage, ob sich das auch anders sagen lässt. „Ich wollte weder in den Kitsch abdriften, noch hochgestochen klingen. Es lief dennoch sehr flüssig, in mancher Nacht sind drei Texte entstanden, die ich mir ein paar Tage später nochmals ansah und fast immer dachte: Ach ja, doch. Ich fühle mich in der deutschen Sprache nach dieser Arbeit noch etwas wohler als vorher.“

Und so ist ein Album entstanden, mit Texten, die erfrischend unaufgesetzt gewissermaßen um die Ecke biegen und dabei nicht von opulenten Arrangements überrollet werden, vielmehr pflegen Stephanie Neigel und ihre Musiker ein gewisses „weniger ist mehr (…) es ist interessanter herauszufinden, was der Song überhaupt braucht, um eine Geschichte zu tragen? Vielleicht ist es nur eine Gitarre, vielleicht ein kleiner Synthesizer", so Neigel.

Thematisch bewegt sie sich dabei gern zwischen Licht und Schatten, singt „über die Liebe meines Lebens oder einen schönen Sommerregen. Und ich hoffe, die dunkleren Texte mit einem Augenzwinkern versehen zu haben.“ Der Humor müsse nicht in großen Lettern auf der Stirn stehen, den solle man lieber ein bisschen in sich tragen, so wie die Liebe zur Musik. Stephanie Neigel hat sie einfach ins Studio getragen und dort wie Konfetti in die Luft geworfen. Anspieltipps: „Kartenhaus“ und „Kirmes im Kopf“.

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KW 17 - Leo Sidran / Cool School (Warner Music)

Wer bei seinem Namen an Donald Fagen, James Taylor oder Nick Drake denkt, liegt nicht so richtig  falsch., denn Michael Franks gehört zu einer Generation moderner Barden, die in den 70ern angefangen haben, die Stilsprache der Singer/Songwriter in einen anspruchsvollen, oft auch leicht jazzigen musikalischen Kontext zu stellen.

Im Jahr 1973 erschien sein selbstbetiteltes Debüt, gefolgt von „The Art Of Tea“ (1975) und „Sleeping Gypsy“ (1977), zwei Alben, die in der amerikanischen Popgeschichte als Musterbeispiele exzellent produzierten und interpretierten Crossovers von Folk und Fusion Spuren hinterließen.

Alben, die häufig auch im Hause Sidran in Wisconsin gehört wurden, zumal Leos Vater Ben als Jazz-Pianist Keyboarder und Produzent in Kreisen um Kollegen wie Boz Scaggs unterwegs und daher mit dem smarten Sound dieser Jahre durchaus vertraut war. Jedenfalls dürfte es zu einer Art jugendlicher Geschmacksprägung gekommen sein, die noch nicht einmal bewusst gewesen sein muss:

„Als ich anfing, Songs zu schreiben und Musik aufzunehmen, wurde mir immer mal wieder gesagt, ich würde wie Michael Franks klingen. Und so wirklich überrascht hat mich das nicht. Ich glaube, ich höre mich ein wenig wie mein Vater an und er und Franks wiederum haben ebenfalls einen ähnlichen Sound“ so Leo Sidran.

„Cool School [The Music Of Michael Franks]“ ist eine Hommage an den famosen Songwriter in elf Stücken; mit Gästen wie den Sänger/innen Leo Minax, Clémentine, Chrystel Wautier, dem Mundharmonikaspieler Olivier Ker Ourio und sogar Meister Franks persönlich, der den Titelsong anstimmt - an Sidrans Seite wirkt ein internationales Team in verschiedenen Besetzungen mit, Koryphäen wie der norwegische Gitarrist Lage Lund, der spanische Bassist Alexis Cuadrado oder auch der kubanische Percussionist Igor Sotolongo.

Die Songs stammen überwiegend von den frühen Franks-Alben wie „The Art Of Tea“, „Sleeping Gypsy“ oder „Burchfield Nines“ (1978). Leo Sidran modifiziert sie behutsam, indem er den historischen Sound mit Fingerspitzengefühl in die Gegenwart überführt und ihm eine Portion mehr Groove verpasst. Dazu gehört etwas Latin Feeling, ebenso wie der Link ins Brasilianische oder in die Arrangements der soulgetönten, manchmal balladenhaft epischen Big-Band-Tradition.

„Cool School“  klingt daher auf wundersame Weise nach old school, nach einer Ära, als Pop-Musik auch eine Spielwiese für Studio-Ästheten war. Noch einmal O-Ton Sidran: „Im Hintergrund dachte ich die ganze Zeit an meinen alten Freund und Mentor Tommy LiPuma. Es ist einer der feinsten Produzenten, der jemals einen Fuß in ein Studio gesetzt hat, wahrscheinlich einer der wahrhaftigsten Menschen, die ich getroffen habe, und das beste Beispiel für ‚cool‘, das man finden kann. Und wie es sich eben so fügt, war er auch der Produzent von all den frühen Michael Franks Platten, die ich so liebe.“

Damit wird Leo Sidrans sechstes Album unter eigenem Namen über die Musik hinaus zu einer Herzensangelegenheit. Man hört es, denn die Musik fügt sich entspannt und präsent zu einem Programm zusammen, das Widmung und Statement zugleich ist. So wird es für manchen Hörer nicht nur Leo Sidran, sondern auch dessen künstlerischen Ahnen Michael Franks neu zu entdecken geben. Anspieltipps: „Monkey See Monkey Do“ und „Sometimes I Just Forget To Smile“.

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KW 16 - Wendy McNeill / Hunger Made You Brave (Startracks)

Die frankokanadische Singer/Songwriterin und Akkordeonistin Wendy McNeill hat schon mehrere vielbeachtete Alben veröffentlicht, außerdem Musik für Film, Tanz und Theater geschrieben (ihre künstlerische Laufbahn begann sie als Tänzerin), lieferte auch etliche Kompilationsbeiträge.

Seit sie sich dazu entschlossen hat, die Zelte in Schweden aufzuschlagen, hat ihre Karriere insofern eine neue Dynamik bekommen, als dass sie - auch was ihre musikalischen Unternehmungen betrifft - in Europa wesentlich präsenter ist, als auf dem heimatlichen nordamerikanischen Kontinent.

Ein Faktor in ihrer künstlerischen  Entwicklung, der Wendy McNeill von den klassischen Folk-Roots, die sie zunächst favorisierte, in eine musikalische Richtung führte, die deutlich weniger von klassischen Americana-Elementen geprägt ist, sondern in der sie ihre Stücke stattdessen zunehmend als "moderne Moritaten" ausformulierte. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass in ihren Songs immer stärker Motive zum Tragen kamen, die sich aus der Mythologie, der Esoterik, der Mystik und nicht zuletzt der Fabel speisten.

Die kanadische Schwedin ist fasziniert von den Underdogs des Alltags, unerschrockenen, aber verlorenen Seelen und tragischen, irgendwie trotzdem hoffnungsfroh stimmenden Geschichten. Wer in McNeills unkonventionelle, kantige Folk-noir-Songs zu Akkordeon und Gitarre eintaucht, wird auf eine Reise zwischen krassem Realismus und absoluter Schönheit mitgenommen, die trunken macht, und die nach immer weiteren Fortsetzungen verlangt.

Wendy McNeills gewaltige Phantasie zeigt sich auch und ganz besonders in ihrer Musik; Musik, die Folkanklänge besitzt, ohne jedoch regional bestimmbar zu sein, und dazu abgehobene Arrangements und ungewöhnliche Sounds. Dennoch keine wirklich sperrige Musik, und das ist erstaunlich, da “Hunger Made You Brave” schon auch ungewöhnliche und verrückte Musik darstellt. Aber verrückt auf sympathische Art. Man folgt Wendy McNeill gerne in ihre Klang- und Gedankenwelt.

Dankenswerterweise liefert uns diese das schwedische Label Startracks mit "Hunger Made You Brave". An den Aufnahmen, die dieses Mal ein bisschen weniger düster als in der Vergangenheit ausfallen, waren erneut McNeills langjährige Kollaborateure Andreas Nordell (Kontrabass), Erik Nilsson (Percussion) und der Co-Produzent und Multiinstrumentalist Christoffer Lundquist beteiligt, spielten die Songs live im AGM Studio Sweden ein.

Mit "Hunger Made You Brave" legt Wendy McNeill ein Albumvor, das zum mehrfach Hören geradezu auffordert, dessen Songs immer wieder mit neuen Facetten und Wendungen überraschen  Anspieltipps: „The Binding of Fenrir“ und „The Robin's Request“.

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KW 15 - Deva Mahal / Run Deep (Motéma)

Deva Mahal lässt sich in keine Schublade stecken, die Tochter von Blues-Legende Taj Mahal verkörpert vielmehr eine Kombination aus exzellentem Songwriting und einem atemberaubendem Gesangstalent, die in dieser Qualität nicht wirklich alltäglich ist.

Nachdem sie einige Songs zusammen mit ihrem Vater geschrieben hat, u.a. „Never Let You Go“ für dessen Grammy-Album „Maestro“, nach Kollaborationen etwa mit TV On The Radio, Sharon Jones, den Dap Kings und Auftritten bei diversen Jazzfestivals, präsentiert die auf Hawaii geborene und aufgewachsene Künstlerin nun auf ihrem Debüt-Album „Run Deep“ 12 wunderbar interpretierte Soul-Songs.

Inspiriert von der Idee, dass Stärke aus Verletzlichkeit entstehen kann (wie sie selbst sagt, ist sie als Kind ob ihrer Hautfarbe gemobbt worden), verbindet Deva Mahal eine rohe Ehrlichkeit und eine tiefe Musikalität zu emotionalen Geschichten von Liebe und Verlust, die von der enormen Widerstandsfähigkeit der menschlichen Seele und dem Triumpf über sämtliche Widrigkeiten erzählen. Mit ganz viel Blues im Blut (und Stimme) kreiert die Songwriterin einen einzigartigen Sound aus R&B, Indie-Pop, Soul, Rock und Gospel.

„Jede Erfahrung im Leben hinterlässt Spuren", erklärt Deva. "Das sind die Beweise ihrer Existenz. Einige Erfahrungen hinterlassen Narben, tiefe Rillen in deiner Seele, die dich nie wirklich verlassen. (……) Ich will nicht durch die flachen Ufer des Lebens waten, weil es da leichter, sicherer oder bequemer ist. Meine Musik handelt vom Schmerz, aber ich tauche in diese großen Gefühle ein, damit ich sie durcharbeiten kann und zur anderen Seite gelangen."

„Run Deep“ verbindet Deva Mahals individuellen, musikalischen Herzschlag mit den fein modellierten Emotionen, die sie in ihre Songs webt. Auf dem gesamten Album navigiert sie durch ein breites Spektrum von Gefühlen. Sowohl was ihre Stimme als auch in ihrer Person angeht ist Deva Mahal ein wahres Kraftpaket. Sie tritt auch für positive Körperbilder und die Überwindung von Mobbings und Diskriminierung ein, unterstützt unter anderem die Organisation “Voices of a People’s History of the United States”, die daran arbeitet, rassistische und sexistische Vorurteile und die Abwertung armer Menschen zu bekämpfen. 

"Alle Songs auf diesem Album sind Buchstaben. Es sind Briefe an mein aktuelles und mein vergangenes Selbst, an Menschen, die mir etwas in meinem Leben bedeutet, an die gesamte Welt. Sie handeln von Dingen, die ich frustrierend finde, und von den großen Liebesgeschichten in meinem Leben", so Deva Mahal über ihr Longplayer-Debüt, das ihr auf so großartige Weise gelungen ist. Anspieltipps: „Shards“ und  „Optimist“.

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KW 14 - Bettye LaVette / Things Have Changed (Verve)

Auf ihren letzten Alben setzte sich die in Detroit großgewordene Künstlerin intensiv mit Rock- und Folk-Idiomen auseinander und begeisterte ihre neuen Fans sowie die Kritiker mit einzigartigen Aufnahmen von Liedern von u.a. The Who, den Rolling Stones, Led Zeppelin, Pink Floyd, Fiona Apple und Dolly Parton. Doch nun hat Bettye LaVette erstmals ein ganzes Album dem Werk eines einzigen Songwriters gewidmet. 

 Auf “Things Have Changed” präsentiert die 71-jährige (!) Soul-Ikone atemberaubend eigenwillige Überarbeitungen von Bob Dylan-Songs. Für sie trifft die im Titel gemachte Aussage ganz sicher zu. Denn in den letzten 15 Jahren haben sich die Dinge für sie erheblich zum Besseren gewendet. Und zwar so sehr, dass in diesem Zeitraum gleich drei ihrer Alben - “The Scene Of The Crime” (2007), “Interpretations: The British Rock Songbook” (2010) und “Worthy” (2015) - für einen Grammy nominiert wurden.

“Things Have Changed” ist Bettyes 10. Album und seit langem das erste, das bei einem Major-Label herauskommt. LaVette geht die Songs von Bob Dylan hier mit der Kraft und der Erfahrung an, die sie zu einer der größten lebenden Soul-Sängerinnen gemacht haben. Auf eindrucksvolle und unnachahmliche Weise interpretiert sie einige bestens bekannte Stücke aus der Feder eines der größten lebenden Songwriter.

Für “Things Have Changed” sind Dylans Songs gründlich modifiziert worden. “Ich hatte mir ‘It Ain’t Me, Babe’ eigentlich nie zuvor bewusst angehört”, sagte Bettye. “Aber ich wusste, dass ich das Lied abweisender klingen lassen musste - nicht schnell und hart, sondern eher im Stil einer Jimmy-Reed-Nummer. Und ‘The Times They Are A-Changin’ musste ich komplett umkrempeln, also überließen wir den Groove einem Beatboxer. Das machte es einfach extrem überraschend.”

Um diese Veränderungen vornehmen zu können, brauchte LaVette einen Produzenten, der dieser Herausforderung gewachsen war. Über Carol Friedman, ihre ausführende Produzentin, fand sie in Steve Jordan den perfekten Partner: der ehemalige Schlagzeuger von David Lettermans Hausband hat mit unzähligen Größen von Chuck Berry bis John Mayer zusammengearbeitet und trommelte einst auch selbst für Bob Dylan. “Steve war absolut brillant”, schwärmt Bettye. “Er erinnert sich an alles, was er in seinem ganzen Leben gehört hat, und er konnte den Musikern exakt vermitteln, was mir vorschwebte.”

Jordan rekrutierte für die Aufnahme ein Team erstklassiger Musiker, darunter Dylans langjähriger Gitarrist Larry Campbell, der Bass-Virtuose Pino Palladino (mit dem Jordan auch im John Mayer Trio zusammengearbeitet hat) und Keyboarder Leon Pendarvis. Die Musiker verstanden sich auf Anhieb so gut, dass das gesamte Album innerhalb von nur drei Tagen eingespielt werden konnte. Später steuerte Keith Richards dann noch die Gitarre zu “Political World” bei und Trombone Shorty seinen Beitrag zu “What Was It You Wanted”.

Bettye LaVette besitzt nach wie vor eine Stimme wie nur wenige – mit ihren faszinierenden und oft überraschenden Interpretationen der kniffligen Dylan-Klassiker auf “Things Have Changed” ist ihr nun ihre mit Abstand beste Arbeit gelungen. Anspieltipps: „It Ain’t Me Babe“ und „What Was It You Wanted (feat. Trombone Shorty)“.

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KW 13 - Maxime Bender / Universal Sky (CAM Jazz)

Das Universum ist unendlich und hat keine Grenzen. Wir leben alle unter demselben Himmel und sind durch viele Dinge verbunden, so auch durch die Musik. Musik bringt die Menschen zusammen, Menschen aus der ganzen Welt, egal welche Sprache sie sprechen. In der Musik kann jeder mit jedem kommunizieren. Das ist die Botschaft des französisch-luxemburgischen Projekts Universal Sky von Saxophonist und Komponist Maxime Bender, mit Manu Codjia (g), Jean-Yves Jung (Hammon B3) und Jérôme Klein (dr).

Das Ziel des Projektes ist es, die Grenzen zu überspringen und Emotionen durch Musik auszudrücken. Die vier Mitglieder der Band sind neben diesem Projekt auch als Leader oder Sidemen in mehreren (z.T. sehr unterschiedlichen) Projekten unterwegs und bringendamit eine Vielfalt von Erfahrung und Einflüssen mit ein.

Maxime Bender reiht sich als Instrumentalist in die Tradition eines Wayne Shorter ein. Seine Harmonien sind subtil, versetzt, seine Melodien poetisch und frisch diskursiv zugleich. Sein intensives Sopran-, ganz anders als bei Shorter oder Coltrane, ist eine (wenn man so will) Verlängerung seines Tenorspiels.

Viele Musiker betrachten diese beiden Instrumente als total verschieden. Bender scheint für beide eine gemeinsame Sprache entwickelt zu haben. Maxine Bender erweist sich als seine wahre Quelle an Inspiration, Ton und Ideen. Er uns seine Musiker erzeugen ein Ensemble an Klängen, die von ungreifbar und leicht wie ein Echo zur purer Energie groovender Rhythmen und Kontrasten zwischen Saxophon und den anderen drei Instrumenten reichen.

Über das ganze Album bringt er es fertig, dauernd die Register zu wechseln, ebenso wie die Rollen seiner Musiker im Quartett, um auf diese Weise immer wieder überraschend Fenster auf diverse Panoramen zu öffnen, die vom Saxophon, von der Gitarre von Manu Codjia und von der Hammondorgel von Jean-Yves Jung vorgezeichnet wurden.

Das Album präsentiert kleine poetische Meisterwerke wie z.B. „Dust of Light“ wo Melodie und Harmonie in einer weichen Wolke an zarten und milden Tönen verschmelzen. Jérôme Klein am Schlagzeug webt ein sich immer wieder änderndes rhythmisches Geflecht, wodurch die perfekte Arbeit des Ensembles noch hervorgehoben wird. „Universal Sky“ ist ein Panorama von Klängen, die für sich selbst, kurzzeitig von der Umwelt isoliert, in Ruhe gehört werden sollen – bestens genutzte Zeit. Anspieltipps: „Holocene“ und „Song Of Fire & Ice“.

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KW 12 - Christina Lux / Leise Bilder (India Records)

Mitunter dauern Dinge eben etwas länger, müssen „reifen“, werden auch mal wieder hintangestellt, werden dann aber doch Wirklichkeit, einfach weil es nun an der Zeit war. So in etwa kann man sich den Schaffensprozess von „Leise Bilder“ vorstellen, das neue und erstmals komplett in deutscher Sprache gesungen daherkommende Werk von Christina Lux. 

Zwar ist auf Vorgänger-Alben immer mal wieder vereinzelt ein deutsch gesungener Titel zu finden –  „Es ist gut so“ auf Playground (2012) oder „Wege“ und „Meer“ auf Embrace (2015) – der schon länger „schlummernde“ Traum der Kölner Liedersängerin / -schreiberin ein „deutsches“ Album aufzunehmen, brauchte aber wohl die Zeit, die er benötigte Realität zu werden; Schnellschüsse sind ohnehin nicht die Welt „der“ Lux.

Nun also sind die „Leisen Bilder“ da und präsentieren eine Künstlerin, die mehr noch als bisher bei sich selbst zu sein scheint, die eindrucksvoll demonstriert, dass Lieder aus der „Schublade“ Singer/Songwriting eben auch deutsch gesungen funktionieren, wenn die Authentizität gewahr bleibt, für die Christina  Lux von ihren „Fans“ geliebt wird.

"Die englische Sprache war mir immer sehr nah. Ich wollte und konnte tiefe und auch bittere Dinge verpacken und war dennoch immer ein wenig geschützt. An dem Punkt, an dem die neuen Songs nur noch in deutscher Sprache kamen, ließ ich es einfach zu. Es war wie eine Reise in die Unmittelbarkeit, noch weiter raus aus dem Versteck. Die Zeit war reif für dieses Album in der Muttersprache und ich war es auch", so Christina Lux über „Leise Bilder“.

Produziert hat Christina Lux das Album mit ihrem Weggefährten Oliver George, mit dem sie bereits zu Beginn der 1980er Jahre gemeinsam in einer Rockband spielte. Vor fünf Jahren sind sie sich wieder begegnet und begannen gemeinsam zu schreiben, zu arrangieren und im Wohnzimmerstudio Songs aufzunehmen. Mit ihm hat sie einen vielseitigen Musiker an ihrer Seite, der mit seinem feinen Sinn für Arrangements, und mit Schlagzeug, Bass, Gitarre, Tasten und Stimme, die Songs mit ihr zum Leuchten gebracht hat.

Zu hören sind nimalistische Arrangements, wie in Song „Vergehen“, das nur mit einer zarten Finger Picking Gitarre, einem schwebenden E Gitarrensound und Gesang live eingespielt wurde, ebenso große Arrangements, wie in „Reise“, wo der mit der Bariton Gitarre gespielte bassbetonte Lauf dominiert, um dann im hymnischen Refrain zu einer ganz anderen Reise einzuladen, "... da, wo noch zählt, dass du ein Mensch bist, der ein Herz hat, das noch sieht, wenn einer fällt" - ein Song, der deutliche Worte findet zu Vorurteilen und der Unfähigkeit, dem zu begegnen, was einem fremd ist.

Christina Lux’ Musik bewegt sich fließend zwischen Folk, Soul und Pop, und immer wieder zeigt sich ein ungewohnt offener Akkord, der gewohnte Sounds aufbricht – überraschend auch die großartigen Gastmusiker, die alle Weggefährten von Christina Lux sind oder waren. So hört man auf dem neu arrangierten „Meer“ die bluesige 12-saitige Gitarre von Stoppok oder auf „Wege“ das wunderbare leicht und fließende Spiel von Trompeter Joo Kraus (Tab Two, Jazzkantine, De-Phazz … ).

Mit „Leise Bilder“ präsentiert Christina Lux ein überzeugendes Statement für eine Welt voller Neugier, voller Träume, die wahr werden aber auch solche bleiben (dürfen), eine Welt ohne „Hamsterrad“, voller Ruhe, Empathie aber auch Besinnen auf sich selbst – ein echtes „Lux-Album“ also. Anspieltipps „Wege“ und „Reise“ – das Album in toto und immer wieder zu hören ist aber auch keine wirklich schlechte Idee.

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KW 11 - Meshell Ndegeocello / Ventriloquism (Naive)

Marginalisiert, heilig gesprochen oder hinterfragt, Meshelll Ndegeocello hat es aufgegeben, sich erklären zu wollen. Nach über 20 Jahren in einer Industrie, von der sie als alles bezeichnet wurde – von Avantgarde bis zu einer aussterbenden Gattung – bleibt unbestreitbar die Kreativität und Neugier einer authentischen musikalischen Kraft einer exzellenten Bassistin und produktiven Songwriterin.

Manche Alben sind Zeugnisse, einige Geständnisse und andere eine Flucht. „Ventriloquism“ ist ein Ort, wie auch ein Prozess, der Zuflucht bietet vor dem einen Sturm zu viel. Musikalisch weist das Album die Merkmale aller bisherigen musikalischen Arbeiten von Ndegeocello auf, üppig und forschend, subversiv und erhaben. Wie immer huldigt sie ihren vielfältigen Einflüssen, die in elf Coverversionen Schicht für Schicht hörbar werden. 

Wieder einmal nimmt sich die verführerisch samt-dunkle Stimme Ndegeocellos ausgewähltes Fremdwerk vor, um es sich mit einer faszinierenden Melange aus reifem R'n'B, dezenten Jazz-Harmonie-Elementen, perlendem Pop, leisen World Music-Verweisen und vor allem filigran gebremsten Funk-Grooves zu eigen zu machen. Dabei wird kaum eines der weit verstreut gefundenen Vorbilder beschleunigt, die wahre Energie steckt in der Langsamkeit, und nicht nur bei „Sometimes It Snows In April“ vermeint man, die Seelenverwandtschaft zu Prince in und zwischen den Zeilen lesen zu können.

Der Eigensinn der Protagonistin aber, und auch ihre immer wieder mal durchschimmernde, mal auch tragende Liebe zu akustischem wie elektrischem Bass-Spiel lässt selbst bekannteste, bis zum Überdruss gehörte Originale neu erleben, so dass sogar "Private Dancer" und "Smooth Operator" zu neuem Hörgenuss getragen werden. Anspieltipps: „Nite And Day“ und „Don't Disturb This Groove“.

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KW 10 - Yellow Bird / Edda Lou (enja/yellowbird)

Nach ihrem Debütalbum Sing, das ausgelassene und spontane Coverversionen alter amerikanischer Country- und früher, rootsiger Popsongs wie „Lovesick Blues”, „Walking After Midnight“ und „Lazy Bones” enthielt, präsentiert Yellow Bird nun mit „Edda Lou“ ihr zweites Album komplett aus Eigenkompositionen bestehend.

Manon Kahle, von der acht der zehn Songs stammen, singt und spielt Ukulele, Banjo und Fiddle auf dem Album, während Lucia Cadotsch neben ihrem mitunter fast „unwirklichen! Gesang noch Melodica und Percussion beisteuert; Uli Kempendorff ist als Sound-Fundament an der Bassklarinette zu hören, Ronny Graupe an der Gitarre und Tim Lorenz am Schlagzeug.

Mit ihrer Mischung aus amerikanischen und europäischen Lebensläufen und archaischen sowie post-modernen Einflüssen wirkt die Musik von Yellow Bird wie ein verzaubernder Nachhall der analogen Ära als willkommene Atempause im Digitalzeitalter.

Im amerikanischen Folk und Blues gibt es die Tradition vom ‚Lachen-um-nicht-Weinen-zu-müssen‘. Mehrere Songs auf Edda Lou bieten solche traurigen Texte über einem „happy Beat“. Da ist die verspielte Klage des Verlassenen am Anfang von „Apple Tree“, bei dem man den Sound der Großstadt im Hintergrund hört, sowie „Rust And Bones“, einen im Angesicht des Todes trotziger Gesang, tänzelnd über einen Railroad Groove. In düsteren Mörderballaden wie „Edda Lou“ oder „In the Woods“ wirken die beiden Stimmen wie die Hand-in-Hand gehenden Geister junger Frauen, denen großes Unrecht angetan wurde und die zurückkehren um abzurechnen.

Yellow Birds Songs sind durchdrungen von der Tradition, aber lassen sich von ihr keine Ketten anlegen. Die jazzige Herangehensweise an diese Vintage-Musikform hat „eine Leichtigkeit, die Traditionalisten irritieren dürfte, aber den Songs gut tut“, schrieb die taz seinerzeit über das Debüt-Album „Sing“.

Gitarrist  Ronny Graupe bestätigt: „Es stimmt, dass wir nicht versuchen, einen „authentischen“ Sound zu kreieren, es gibt keine Nachahmung in den Songs oder in den Arrangements. Wir spielen die Musik einfach so, wie wir sie fühlen. Gleichwohl hoffen wir, dass unsere Songs das bewirken, was gute Musik immer geschafft hat: Gefühle bei den Hörern auslösen, sie singen, tanzen, lachen oder weinen zu lassen.“

Und da ist die Band auf einem mehr als guten Weg, „Edda Lou“ kommt, wiewohl überraschende musikalische Wendungen noch zahlreicher (auch schlüssiger) hörbar werden, noch kompakter als der Erstling daher – das ist Yellow Bird ein Album gelungen, das neugierig macht, auch bei mehrmaligem Hören nie langweilig wird und eine Band präsentiert, deren Zusammenspiel, bei aller individuellen künstlerischen Qualität, nahezu perfekt ist, wozu auch der wunderbare transparente Klang dieser Aufnahme beiträgt (ein Lob an den/die Tontechniker/Mixer). Anspieltipps: „The Robber“ und „Blue Cowgirl“.

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KW 09 - Hugh Coltman / Who's Happy? (OKeh/Sony)

Hugh Coltman ist sich bei all seinen vollzogenen musikalischen „Stilwechseln“ immer selbst treu geblieben; der in Großbritannien geborene, aber in Frankreich lebende, ehemalige Leader der Blues-Rock-Gruppe The Hoax verwandelte sich in einen Folk-Rock-Songwriter, bevor er das Jazz-Erbe erkundete, ein neues Kapitel in der künstlerischen Entwicklung eines Musikers, der Grenzen, Formate und Konventionen ausloten will.

Begonnen hat alles 2012, als er bei einem Konzert des Pianisten Éric Legnini als Last-Minute-Ersatz für den Sänger Krystle Warren „eingesprungen“ war. Hugh Coltman entdeckte "die Unbekümmertheit der Jazzmusiker, die mehr Rock and Roll sind als viele Rockmusiker, die am Donnerstag kein Lied so spielen werden, wie sie es am Dienstag gespielt haben, die ihre Sachen so gut kennen, dass sie tun können, was sie wollen".

Das war der Beginn einer ausgedehnten Reise zur Musik von Nat King Cole, mit einem Album und 120 Konzerten, von vielen (puristischen) Kritikern skeptisch bis offen ablehnend begleitet: „Wer glaubt er, dass er es ist, eine Jazzplatte zu machen". Tatsächlich aber war das Album „Shadows - Songs of Nat King Cole…“ ein großer Erfolg, u.a. gewann Hugh Coltman als „Sänger des Jahres“ den Victoires du Jazz Awards 2017.

Folgerichtig wäre es also gewesen, sich auf diesen großen Erfolg „draufzusetzen“ und möglichst schnell ein Nachfolge-Album einzuspielen, nicht so aber Hugh Coltman: der entdeckte die Stars seiner Kindheit wieder, wie Kid Ory, Sidney Bechet, Fats Domino, Dr. John und The Meters - alle diese Musiker haben ihre musikalischen Wurzeln im New Orleans Jazz.

Die Aufnahmen von „Who's Happy?“ entstanden deshalb allesamt in New Orleans, womit sich Coltman einen Traum erfüllt hat. Produziert wurde das Album von Freddy Koella, der bereits mit Stars wie Bob Dylan, Willy DeVille, Odetta, k. d. lang, oder Carla Bruni gearbeitet und für Coltman eine Band aus den bekanntesten Session-Musikern New Orleans' zusammengestellt hat, wie z. B. Raphael Chassin (dr, perc), David Torkanowski (p, B3) oder Matt Perrine (sax).

Von Song zu Song bewegt sich das Album von Verzweiflung zu Hoffnung, von autobiographischen Bezügen – „All Sleeps Away“ handelt von Hugh Coltmans Vater, der mit Alzheimer kämpft – zu allgemein humanen Themen wie in „Hand Me Down“ (im Duett mit der französisch singenden kanadisch-haitianischen Sängerin Mélissa Laveaux).

„Who’s Happy?“ ist eine musikalische und existentielle Reise irgendwo zwischen Beichtstuhl und großer Bühne, zwischen der Erforschung eines außergewöhnlichen Erbes und der grenzenlosen Inspiration durch die „Vorgeborenen“. Anspieltipps „Civvy Street“ und „Sugar Coated Pill“.

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KW 08 - Dan Billu / Speech Bubbles (IMU Records)

Dan Billu ist ein 34 Jahre alter Singer-Songwriter, Komponist und Produzent aus Tel Aviv, der seit dem Jahr 2013 in Berlin lebt. Nach vielen erfolgreichen Jahren in der israelischen Musikszene, erschien Anfang 2012 sein erstes selbstproduziertes und fast komplett alleine eingespieltes Soloalbum „New Haircut“ in Israel und erhielt sehr gute Besprechungen in der Presse. 

Die Songs für sein neues Album „Speech Bubbles“ hat Dan Billu zwar alle noch in Israel geschrieben und erste Aufnahmen für die Songs dort gemacht, entschied sich aber dann für einen geographischen wie auch mentalen Ortswechsel, um neue und innovative Sounds zu erkunden und neue Inspirationen in seine Musik einfließen zu lassen.

In diesem Ortswechsel drückte sich auch sein immer weiter gewachsenes Interesse an elektronischer Musik aus, das sich auf dem neuen Album anhand elektronischer Basslinien, Synths und Beats zeigt, die zu den üppigen akustischen Orchesterarrangements hinzu kommen. Klassische Einflüsse kombinieren sich mit elektronischen Elementen, Billus sehr persönlichem Songwriting und seiner ausdrucksstarken Stimme.

Ein weiterer und bestimmender Grund, nach Berlin zu gehen war allerdings persönlicher Natur. Dan Billus Familie stammt ursprünglich aus Deutschland und viele Familienmitglieder verloren im Holocaust ihr Leben. So fiel es ihm nicht leicht, seinen nach Israel emigrierten Großeltern zu erklären, warum er sich ausgerechnet für Berlin entschieden hatte.

Dort angekommen, begann Billu mit seinem Ko-Produzenten Eran Alpern im Prinzip noch einmal ganz von vorne mit der Arbeit am Album. Noch bevor die Aufnahmen des ersten Songs begannen, sprachen die beiden Stunden, Tage und Wochen über Musik und kamen über diese Zeit zu einem Übereinkommen, wohin das Album gehen sollte.

Nach ein paar Monaten wiederum entschied sich Eran Alpern, nach Israel zurückzukehren, so dass die Arbeit an Speech Bubbles über E-Mail und dann in sehr konzentrierten langen Aufnahmesessions während Dan Billus Kurztrips nach Israel stattfand. In den Pausen nach seinen Besuchen kristallisierten sich die Ideen klarer heraus und veränderten sich dadurch immer wieder.

Das neue Album unterscheidet sich stark vom Debüt „New Haircut“, mit dem Dan Billu eine sehr persönliche Geschichte erzählt, während auf „Speech Bubbles“ Geschichten über Menschen im Mittelpunkt stehen, auch universelle Dinge, die den Songwriter interessieren und die er aus seiner Sicht schildert.

Der Albumtitel entstammt der Comic- und Straßenkunst und bezieht sich auf die vielen Plattformen und Werkzeuge wie z.B. soziale Netzwerke, die ein normaler Mensch heutzutage nutzt. Billu empfindet sie alle als Sprechblasen, die wir mit Wörtern, Photos und was auch immer wir ausdrücken möchten, beständig füllen müssen.

Im Gegensatz zu dieser eher hektischen „Anderwelt“ bewegt sich Dan Billu mit seiner Musik im völlig entschleunigten Raum, seine Songs schleichen sich gewissermaßen heimlich in die Gehörgänge und von dort direkt ins limbische System, die Hörer in eine entspannte, fast meditative Verfassung versetzend. Nicht unbedingt „Hintergrundmusik“, aber auch da „funktionieren“ diese ganz besonderen „Speech Bubbles“.  Anspieltipps: „Improve.Self“ und „Fwyl & Liky“.

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KW 07 - Tokunbo / The Swan (Yoruba Records)

15 erfolgreiche Jahre mit Tok Tok Tok, begeisterte bis euphorische Kritiken, Konzerte weltweit, mehrfache Gewinner des German Jazz Award, Preisträger des renommierten französischen Grand Prix Sacem und, und, und… so was nennt man dann wohl eine Erfolgsgeschichte, die so unendlich weiter gehen kann. Dann aber für die Fans völlig überraschend der Split im besten Einvernehmen; „Morten (Klein) und ich haben in diesen 15 Jahren all das „auserzählt“ was künstlerisch zu erzählen war“ so Sängerin und Songschreiberin Tokunbo (Akinroh) im Gespräch.

Die Tochter eines  Nigerianers und einer Deutschen fiel allerdings nicht - wie man hätte vermuten können - in eine Art künstlerisches „Loch“. Vielmehr startete sie ihr Solo-Projekt Tokunbo, Songs dafür hatte sie schon reichlich in der Schublade, und mit Hilfe von Crowdfunding ist dann ihr Solo-Debüt „Queendom Come“  Anfang 2014 erschienen, von der Kritik hochgelobt:

,,Mit ihrer angenehm sanften Stimme wagt sie sich sehr geschickt an Motownsoul, Sixtiespop, Akustikblues, Beatleskes, Afroballaden und "Folk Noir" heran." (Stereo, 3/2014) oder „(…) prächtig der Sound, der die einzelnen Instrumente transparent und in jeweils individueller Dynamik abbildet." (Audio, 3/2014), das Magazin Good Times schreibt in seine März/April-Ausgabe 2014 u.a. „…erschaffen die Produzenten Ulrich Rode und Matthias Meusel ein lässig klingendes Laidback-Feeling, das ebenso gut zum spätmorgendlichen Frühlings-Brunch wie zur abendlichen Lounge passt“, nur drei der vielen positiven Kritiken zu „Queendom Come“.

So viel Lob für das Solo-Debüt von Tokunbo legt die Messlatte für das Nachfolge-Album natürlich ganz schön hoch, eine große künstlerische Herausforderung für alle Beteiligten, an der so mancher Künstler in der Vergangenheit auch schon mal gescheitert ist – nicht so das, wenn man so will, „Projekt“ Tokunbo.

„The Swan“ ist ein Album, das mit neuen Facetten das fortsetzt, was sich auf „Queendom Come“ schon angedeutet hatte; das Songwriting noch ausgefeilter, die Musik noch transparenter, eine heiter-melancholische Klangwelt präsentierend, die den Zuhörenden unwillkürlich ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Tokunbo und ihren großartigen Musikern – Ulrich Rode (g, keys), Christian Flohr (b), Matthias „Maze“ Meusel (dr, perc), Anne de Wolf (strings, tromb, vibe) – gelingt es, um im Bild zu bleiben, die Messlatte mit wunderbarer Leichtigkeit (fast schwebend) zu überfliegen. Und dass die Klangqualität exzellent ist (Mix & Mastering im Übrigen von Max Ebermann) versteht sich bei der künstlerischen Vergangenheit von Tokunbo von selbst -

„The Swan“ ist uneingeschränkt zu empfehlen, es würde den Rezensenten schon sehr wundern, wäre es am Jahresende in den beliebten „Jahrescharts“ nicht auf einem der vorderen Plätze zu finden. Anspieltipps: Outer Space“ und “White Noise“ – ach was: sich die Zeit nehmen, „The Swan“ komplett anhören und aller Stress des Tages verflüchtigt sich. Noch ein Tipp: Hören über (gute) Kopfhörer bringt noch einen Touch mehr Hörgenuss.

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KW 06 - Till Brönner & Dieter Ilg / Nightfall (Masterworks)

Es gibt musikalische Konstellationen, die so naheliegend sind, dass sich die Frage aufdrängt, warum sie nicht schon lange Wirklichkeit geworden sind. Und wenn sie dann endlich doch ins Licht der Öffentlichkeit treten, erscheinen sie uns so vertraut, als würden wir sie bereits seit Jahrzehnten kennen.

Eine dieser Konstellationen ist das Duo des Trompeters Till Brönner und des Bassisten Dieter Ilg. Sie sind – so abgedroschen dieser Begriff klingen mag – im wahrsten Sinne des Wortes Geistesverwandte, die auf ihren sehr gegensätzlichen Instrumenten oft das Gleiche wollen, auch wenn sie es auf recht unterschiedliche Weise ausdrücken, womit sie sich wiederum hervorragend ergänzen. Zu hören ist diese Osmose nun auf ihrem ersten gemeinsamen Album „Nightfall“.

Beide Musiker gehören seit langer Zeit zu den Protagonisten des deutschen und europäischen Jazz. Brönner hat in unterschiedlichsten Besetzungen Alben aufgenommen, war als Produzent für Künstler wie Filmdiva Hildegard Knef oder Bariton Thomas Quasthoff aktiv, setzte sich live spontanen Situationen mit Freejazzern wie Günther Baby Sommer oder Christian Lillinger aus und spielte auf persönliche Einladung von Barack Obama im Weißen Haus.

Ilg entdeckte in den 1990er Jahren das deutsche Volkslied für den Jazz, stärkte mit seiner sonoren, besonnenen, aber immer ungemein offenen Art Musikern wie Randy Brecker, Charlie Mariano oder Nguyen Le den Rücken und war Mitglied im legendären Quintett von Albert Mangelsdorff und Wolfgang Dauner. Wenn Ilg und Brönner sich treffen, kommt einiges an Jazzgeschichte und -geschichten zusammen, aber auch jede Menge Zukunft. 

Denn bei allem persönlichen Renommee verfallen die Beiden zu keinem Zeitpunkt der Attitüde zweier Superstars auf einem Gipfeltreffen. Sie sind zwei Musiker, die sich immer viel zu erzählen haben. Deshalb haben sie sich Zeit gelassen, bis sie ins Studio gingen, und sie lassen sich auch beim Spielen Zeit. Eine gute Geschichte will sich entfalten dürfen und atmen. Sie will erzählt, mit Leben ausgefüllt, aber auch gehört sein.

Brönner und Ilg hetzen nicht von einem spielerischen Höhepunkt zum anderen, sondern lassen ihre Storys kommen. Wichtig ist ihnen vor allem, was sie zu sagen haben und wie sie es sagen. Statt auf Leadstimme und Begleitung setzen sie zu jedem Zeitpunkt auf einen ausgewogenen Dialog auf Augenhöhe. Die Natur der Instrumente bringt es mit sich, dass Brönners Part vielleicht ein wenig wendiger und geschmeidiger ist und Ilg sich dafür mit mehr Wucht eingibt. Aber jeder Ton hat Gewicht, steht ganz für sich und ist zugleich Spiegelbild des jeweils anderen. 

Die Auswahl der Stücke ist ein Beleg dafür, dass die Musiker sich auf keine Zuordnung oder Kategorisierung festlegen wollen. Songs von Leonard Cohen, den Beatles und Britney Spears, Stücke von Jerome Kern, Johnny Green und Ornette Coleman, Kompositionen von Johann Sebastian Bach und Melchior Vulpius, aber auch einige Eigenschöpfungen von Ilg und Brönner belegen eine fast beispiellose Bandbreite der Intentionen und Einflüsse.

In jedem dieser Songs finden die beiden Partner neue Perspektiven. Soli im klassischen Sinne des Jazz gibt es nicht. Wie in jedem guten Gespräch, das sich auf natürliche Weise entfaltet, liegt die Argumentation mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Anspieltipps: „Air“ und „Peng! Peng!“.

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KW 05 - Holler My Dear / Steady As She Goes (Traumton)

Schon der erste Song des neuen Albums macht klar, wohin Holler My Dears musikalische Reise diesmal geht: „Steady As She Goes“ signalisiert Zuversicht, Mut und Bewegung. Die multinationale Band aus Berlin weiß: Wenn die Schatten auf der Welt länger werden, hilft kein Lamentieren, sondern optimistische Entschlossenheit.

Entsprechend klingt die Musik wie ein Soundtrack zum selbstbewussten Aufbruch, zum couragierten Schwimmen gegen den Strom. Natürlich gibt es auch nachdenkliche Momente und ruhige Balladen. Insgesamt überwiegt aber die Lust, fröhlich aus der Reihe zu tanzen.

Wunderbare Melodiebögen, Ohrwurm taugliche Hooklinesund infizierende Grooves werden von der mitreißenden, zwischen Soul, Pop und Jazz changierenden Stimme Laura Winklers gekrönt. Sie vermitteln gut gelaunten Widerstand, vertreiben Tristesse mit hintergründigem Witz und strahlen eine Leichtigkeit aus, die nie leichtfertig wird. Untrennbar damit verbunden sind kluge Songtexte, die Reflexionen über den Lauf der Welt in direkte, gewitzte oder poetische Worte fassen. 

Die Internationalität des Sounds liegt in den Genen des Sextetts. Laura Winkler, 1988 in Graz geboren, studierte an der dortigen Hochschule Gesang und Komposition und zog im September 2011 nach Berlin. Schlagzeugerin Elena Shams und Akkordeonist Valentin Butt kamen schon einige Jahre davor unabhängig voneinander aus Russland in die deutsche Hauptstadt. Bassist Lucas Dietrich war ursprünglich im Vorarlberg zuhause und lebte drei Jahre in Paris, Trompeter Stephen Molchanski spielte zuvor in London mit einer Hiphop-Band und beim Alternative Dubstep Orchestra.

Den kürzesten Weg nach Berlin hatte der Brandenburger Fabian Koppri. Im Winter 2011/12 fand sich die Band zusammen. Zuletzt kam mit dem Singer/Songwriter Ben Barritt ein weiterer Brite hinzu, der hin und wieder live mitspielt und nun auch bei der Produktion des neuen Albums Akzente setzte.

Alle Persönlichkeiten bringen ihre unterschiedlichen musikalischen Hintergründe ein. Molchanskis Trompete klingt nach New Orleans-Jazz oder Vaudeville-Trunkenheit, dazu rappt er gekonnt ironisch. Das Akkordeon weckt Balkan- oder französische Musette-Erinnerungen, Elena Shams trommelt mit hörbarem Spaß Disco-Beats und lässt ihr Faible für kleinteilige, verspielte Figuren erkennen. Barritt ist als erklärter Steely Dan-Fan Spezialist für zweite Stimmen und fokussierte Einsätze, etwa markante Funk- und andere Gitarrenriffs. 

Über allem schwebt, als Kraft- und Gravitationszentrum, Laura Winklers famoser Gesang. Lebendig wie eh und je, in bestimmten Farben noch souveräner, reicht ihr Spektrum von leicht verträumten, atmosphärischen Momenten bis zu Gospel ähnlicher Expressivität. Mit „Steady As She Goes“ ist Holler My Dear ein wunderbares Album gelungen, auf dem Leichtigkeit und Tiefgang, Leidenschaft und Grandezza wahre Höhenflüge unternehmen. Anspieltipps: „Scintillating Lady“ und „Zwischen den Städten“.

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KW 04 - Augur Ensemble / Gästezimmer (NORCD)

Ein Augur war im antiken Rom sehr angesehen und sehr gut bezahlt. Seine Aufgabe war es, die Zukunft vorherzusagen, indem er die Vögel beobachtete, ihren Flug und ihr Geschrei interpretierte, sie sogar sezierte, um aus den Eingeweiden den Willen der Götter zu verkünden.

Das Augur Ensemble behauptet nun nicht, die Zukunft aus Flugverhalten und Tiereingeweiden voraussehen zu können - es konzentriert sich lieber auf eine andere Weise der Vorsehung: Sich dem Unbekannten zuwenden, indem man krumme Melodien und verdrehte Rhythmen spielt und dadurch unberechenbare Klanglandschaften kreiert

Das Ensemble besteht aus jungen aufstrebenden Musikern aus der Schweiz (Piansit Fabian M. Mueller, Bassist Kaspar von Grünigen), Norwegen (Trompeter Erik Dørsdal) und Schweden (Cellistin/Sängerin Anni Elif Egecioglu, Drummer Jon Fält) und konzentriert sich auf die Arbeit als Kollektiv mit Open-Source-Kompositionen und deren Bearbeitungen mit einem Impro-Ansatz.

Mit „Gästezimmer“ erscheint nun ihr zweites Album, dessen Musik  schwerelos im Raum zu schweben scheint - die Akkorde klingen geisterhaft, der Groove bleibt unberechenbar und die Melodie hängt leicht schief. Der variantenreiche Klang ist Dreh- und Angelpunkt des Kreationsprozesses. Von vierstimmigen Parts mit perkussivem Untergrund bis hin zu flirrenden Geräuschkulissen ist alles möglich.

Das Wort Kammermusik beschreibt in erster Linie das dynamische Spektrum – das ganz große Gepolter ist von diesem Quintett nicht zu erwarten, sondern eine sehr vielschichtige und fein abgestufte Dynamik, die sich in einem mittelgroßen Raum besonders gut entfaltet.

Das Augur Ensemble greift auf eine alte Art des Musizierens zurück: Komponieren, Arrangieren und Improvisieren werden als gleichberechtigte gestalterische Mittel behandelt. Das vorhandene Material wird umgedeutet, besprochen, verworfen oder konkretisiert, wobei gleichzeitig improvisatorische Freiräume geöffnet werden, um auf der Bühne ein möglichst lebendiges Stück Musik präsentieren zu können. Anspieltipps: "Orbis" und "Le Concierge".

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KW 03 - Toto Bona Lokua / Bondeka (No Format!)

Da man magische Momente nicht beliebig reproduzieren kann, macht das Warten auf „Wiedervorlage“ wenig Sinn; diese Momente gibt es nicht im Dutzend billiger, manche warten ihr ganzes Leben darauf. Wenn ein solcher Moment sich (ähnlich) wiederholen sollte, dann ohnehin nur sich (fast) nur beiläufig ergebend.

So verhält es sich auch mit „Bondeko“ dem neuen Album des französischen Multiinstrumentalisten Gerald Toto, des kamerunischen Bassisten, Gitarristen und Sängers Richard Bona und des kongolesischen Singer/Songwriters Lokua Kanza, das nun fast 14 Jahre nach  „Totobonalokua“ erschienen ist, dem letzten gemeinsamen Album der drei Ausnahmemusiker.

„Totobonalokua“ markierte seinerzeit einen Wendepunkt, überschritt Grenzen und Traditionen, vermischte Sprachen und Kulturen, um ein zugleich zeitloses wie auch äußerst zeitgenössisches musikalisches Porträt über die Vielfalt der afrikanischen Diaspora zu erschaffen.

Und obwohl es verführerisch gewesen sein dürfte, den Erfolg des Albums mit einem schnell hinterher geschobenen Nachfolger zu wiederholen, gingen alle drei Musiker lieber ihren jeweiligen Solokarrieren nach und so stand es lange Jahre als eine zwar gefeierte aber einmalige Zusammenarbeit zu einem sehr speziellen Zeitpunkt da.

Über all die Jahre hinweg wurden alle drei immer wieder gefragt, ob sie sich nicht doch noch einmal für ein gemeinsames neues Album zusammenfinden würden – offenbar aber war aber die Zeit, mal abgesehen von den vollen Terminkalender, noch nicht gekommen. Toto, Bona und Kenza blieben aber immer in Verbindung miteinander, so wie es Musiker eben tun.

Es war Gerald Toto, der fand, dass es nun an der Zeit wäre und die Idee eines neuen gemeinsamen Albums Richard Bona und Lokua Kanza unterbreitete, die gerne zusagten. Die Umsetzung gestaltete sich dann gar nicht so einfach, war es doch eine logistische Herausforderung, einen freien Zeitrahmen für die drei vielbeschäftigten Musiker zu finden; glücklicherweise klappte es dann doch, für die Aufnahmen von „Bondeko“ zusammenzukommen.

Und wie schon das Vorgängeralbum wurde „Bondeko“ vom No Format!-Labelgründer Laurent Bizo produziert. Es ist ein sowohl verspieltes wie auch hintergründiges Album, virtuos, aber spontan, künstlerisch, aber nicht künstlich.

Sinnliche Melodien und flüssige, schwungvolle Rhythmen überlagern sich wie Wurzeln und drei unverwechselbare musikalische Persönlichkeiten werden zu einer, ihre Stimmen verwachsen dabei so wunderbar miteinander - eine Dreieinigkeit von Stimmen, vielfältig und doch mit einer gemeinsamen Vision: Freundschaft. Brüderlichkeit, wie man „Bondeko“, den aus der kongolesischen Sprache Lingala stammenden Begriff übersetzen kann. Anspieltipps: „Bukavu“ und „Je Kango“.

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KW 02 - Monika Hoffman / Let's Run Away (Isolde Records)

Die in Malmö lebende Sängerin Monika Hoffman hat eine bewegte musikalische Reise hinter sich. Geografisch ist sie dabei in den USA, in Ungarn und Kanada vor Anker gegangen, musikalisch bewegt sie sich zwischen Klassik, Latin Jazz und Pop. Auf ihrem Debütalbum „Let‘s Run Away“ zeigt sie die breite Farbpalette lateinamerikanischer Musik. 

Monika Hoffman, die aus einer Musikerfamilie mit ungarisch-deutschen Wurzeln stammt, geht mit diesem bunten Erbe sehr bewusst um. Ihre Songs schreibt sie in Englisch, Schwedisch und Ungarisch: „Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, sein Erbe zu bewahren. Ungarisch ist eine unglaublich schöne Sprache, die vor allem in Balladen gut zur Geltung kommt. Schwedisch ist meine Muttersprache und Englisch ist mir sehr vertraut, weil mein Vater in L. A. aufgewachsen ist. Ich versuche, mich sprachlich nicht selbst einzuengen.“ 

Sie studierte am Berklee College of Music in Boston, wo sie mit Legenden wie Michael Brecker and Charlie Hayden auftreten konnte. Ihr Talent wurde aber auch in Schweden erkannt, wo sie Stipendien der Sandviken Big Band und bei Jazz Under Stjärnorna (Jazz unter sternenklarem Himmel) in Brantevik erhielt. 

Alle Songs auf Let‘s Run Away sind aus Monika Hoffman’s Feder, mit Ausnahme des Latin Klassikers „Perhaps, Perhaps, Perhaps“ und des traditionellen schwedischen Sommerwendeliedes „Visa Vid Midsommartid“. An einigen der Eigenkompositionen hat Monikas Schwester Erika Hoffman als Co-Autorin mitgewirkt. „Shooting Star“ und „Everytime You’re Near“ waren von Anfang an als Latin angelegt, aber die meisten Kompositionen, insbesondere „Show Me“ und „Through With You“, haben auch einen deutlichen Pop Touch. 

Monikas Liebe zum Latin Jazz hat sich während ihres Studiums in Berklee noch verstärkt. Sie lernte dort die Professoren Oscar Stagnaro (b) und Mark Walker (dr) kennen, beide langjährige Mitglieder in der Band des legendären und mehrfachen Grammy Preisträgers Paquito D’Rivera, und beide auch auf „Let’s Rub Away“ zu hören,  Oscar Stagnaro hat zudem alle Songs auf dem Album produziert und arrangiert. Außerdem mit dabei: Pianist Tim Ray (Aretha Franklin, Soul Asylum und Tony Bennett) und Percussionist Paulo Stagnaro (Paquito D’Rivera, Ricky Martin). Paquito D’Rivera selbst ist als Gast in zwei Nummern vertreten. 

„Let’s Run Away“ schleicht sich auf durchaus angenehme Weise in die Gehörgänge, um dort auch für längere Zeit zu verweilen, den/die Hörer/in in nachhaltig entspannte, heiter-melancholische Stimmung versetzend. Anspieltipps: „Shooting Star“ und „Through With You“.

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KW 01 - Hanne Boel / Unplugged 2017 (Sundance Records)

Seit Hanne Boel mit ihrem zweiten Solo-Album „Dark Passion“ (1990) der künstlerische und kommerzielle Durchbruch gelang, hat die dänische Sängerin bis heute nicht weniger als 20 Aufnahmen veröffentlicht und eine ganze Reihe von Preisen und Auszeichnungen gewonnen. Nachdem sie sich in den letzten Jahren mehr ihrer Tätigkeit als Professorin und Konrektorin am Kopenhagener Konservatorium gewidmet hat, soll nun die „Musikpraxis“ in der Vordergrund treten.

"Ich habe mich gerade verliebt, oder vielleicht meine Liebe neu entfacht. Ich bin glücklich, wiederdas zu tun, was ich wirklich liebe, nämlich mit großartigen Musikern zusammen für ein Publikum zu spielen, das ein schönes Konzert erleben will und vielleicht auch ein bisschen nachdenken möchte“, so Hanne Boel, der das mit „Unplugged 2017“ nahezu perfekt gelungen ist.

Mit dem neuen Album glänzt sie mit ihrem regelmäßigen akustischen Trio - den Gitarristen Jens Runge und Jacob Funch - in einem eher seltenen musikalischen Setup, ergänzt durch Anders Bach am Keyboard, Jacob Andersen am Schlagzeug und das Streichquartett LiveStrings.

Das Material für „Unplugged 2017“ ist während der Konzerte im „Musikkens Hus“ in Ålborg und dem „Koncertsalen“ in Kopenhagen am 11. bzw. 12. Februar 2017 aufgenommen worden, mit völlig neuen Versionen von Songs aus ihrem umfangreichen Backkatalog, darunter "Don't Know Much About Love", "Black Wolf" oder auch "Starting All Over Again" und einer Sängerin in absoluter Hochform.

Und wenn dann der Tontechniker zwei „Sahnetage“ erwischt hat (mitunter erinnert die Tonqualität an Kunstkopf-Aufnahmen), dann ist es durchaus nicht unangemessen zu behaupten, Hanne Boel und allen Beteiligten ist mit  „Unplugged 2017“ ein kleines Meisterwerk gelungen – vom luftig-leicht daherkommenden Trio-Setup bis zur großen Pop-Hymne mit Keyboard und Streichern.

Anspieltipps: „You Kept Me Waiting“ und die (sensationelle) fast 12-minütige neue Version von „Black Wolf“, dem Titelsong ihres Debütalbums aus 1988.

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KW 51 - Van Morrison / Versatile (Caroline Records)

Natürlich ist auf einem Album, auf dem Van Morrison drauf steht, auch Van Morrison drin – dennoch ist der Titel des neuen Werks des großen nordirischen Grantlers perfekt gewählt und beschreibt dessen künstlerische Schaffen mit einem Wort – bei aller individuellen Wiederkennbarkeit eben auch immer mal wieder mit anderen Facetten aufwartend.

Keine drei Monate ist es her, dass Van Morrison mit "Roll With The Punches" den Größen des Blues huldigte und nebenher seiner eigenen Diskographie das nächste qualitative und kommerzielle Highlight hinzufügte. Doch statt zunächst kräftig durchzuatmen und sich Zeit für ein entspanntes altersgemäßes „Dasein“ zu nehmen, betritt der Nordire gleich die nächste musikalische Bühne.

Diesmal auf der persönlichen Gästeliste: Frank SinatraChet BakerTony Bennett und viele mehr, deren Songs oder Interpretationen heute zum Kulturschatz des großen amerikanischen Songbüchleins gehören. Dass Van Morrison trotz der kurzen Pause zwischen den Alben nicht minder ambitioniert vorgeht, lässt sich auf den Beginn seiner musikalischen Laufbahn zurückführen. Der Jazz, so Morrison, habe ihn in jungen Jahren erst zum Singen motiviert.

Und tatsächlich, sein Alter ist dem ewigen Grantler gar nicht anzumerken. Die Songs klingen frisch, und der Spaß während der Aufnahmen ist der - im Übrigen großartigen - Band deutlich hörbar anzumerken. Auch der Chef selbst zeigt sich in Höchstform: Die einzelnen Arrangements verlangen ihm als Sänger alles ab, eine Aufgabe, die er wie nicht anders zu erwarten souverän löst.

Mit „Versatile“ knüpft Van Morrison an die Strategie des Vorgängers an: Etabliertes und auch Eigenes geht ineinander über. "Broken Record", der einzige aus der Feder des Meisters stammende Song, ist dabei der swingende Einstieg in "Versatile", in dem es um eine nicht enden wollende Party geht. Die Vorbereitung auf den musikalischen Ruhestand klingt jedenfalls anders.

Van Morrison erweist sich als Interpret von Klassikers wie "Makin' Whoopee", Cole Porters "I Get A Kick Out Of You" und "I Left My Heart In San Francisco" als begnadeter Sänger. Ganz groß trumpft er auch noch einmal am Ende des Albums mit seiner Version von George und Ira Gershwins "They Can't Take That Away From Me" auf - eindringlicher kann man als Musiker einen solchen Song  kaum interpretieren.

Mit "Versatile" liefert Van Morrison das zweite herausragende Album innerhalb von nur drei Monaten ab. Eine mehr als respektable Leistung – ein „echter Morrison eben. Anspieltipps: „A Foggy Day“ und "I Left My Heart In San Francisco".

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KW 50 - Ralf Gustke / Flying Days (Mochemusic)

Ralf Gustke gehört zu den stilprägenden und zugleich stilistisch vielseitigsten Schlagzeugern Deutschlands. Er versteht es wie kaum ein anderer, unterschiedlichste Grooves zwar äußerst komplex und virtuos, dabei jedoch stets dezent und geschmackvoll zu interpretieren - technisches Können ist für Gustke immer nur Mittel zum Zweck. 

Und hinter seiner filigranen Arbeit am Instrument entdeckt man weitere Eigenschaften an Guskte, mit denen er den uralten Kalauer „Zutritt nur für Musiker und Schlagzeuger“ eindrucksvoll widerlegt: ein leidenschaftliches Gespür für die Musik als Ganzes sowie die Fähigkeit, zuzuhören und mit dem Schlagzeug nicht lediglich Rhythmik vorzugeben, sondern tatsächlich Musik zu machen.

Mit „Flying Days“ legt der in Mannheim lebende Schlagzeuger nun sein Debütalbum vor. Seit Jahrzehnten mit internationalen Stars auf den größten Bühnen unterwegs, auf weit mehr als 150 Tonträgern und DVDs vertreten, Protagonist zahlreicher Drummer-Lehrvideos, gefragter Musical Director in großen Produktionen - er arbeitete u.a. mit Chaka Khan, Wolf Maahn, Edo Zanki, Gianna Nannini, Georg Danzer, Nena, Schiller, Daniel Wirtz, Söhne Mannheims und Xavier Naidoo. Und dennoch bis vor kurzem kein eigenes Soloalbum?

Das störte auch den Bassisten Claus Fischer, der Gustke mit dem Pianisten und Keyboarder Jesse Milliner zusammenbrachte. Mit Trompeter Joo Kraus zum Quartett erweitert, war eine Band geboren, bei der sich die Mitstreiter auf Anhieb blind verstanden. Nach ein paar Proben und in nur wenigen Tagen gemeinsam eingespielt, klingen die zehn Eigen-/Bandkompositionen auf „Flying Days“ wie aus einem Guss, wie es eben nur gelingt, wenn man nicht jahrelang daran herumproduziert.

Im Lauf der Jahre hatte der gebürtige Heidelberger aber immer schon Abstecher in andere Stilrichtungen gemacht und beispielsweise durch seine Zusammenarbeit mit Electric Outlet, De Phazz, Max Mutzke, Michael Schlierf, Kosho oder Adam Holzman demonstriert, dass er auch ein exzellenter Jazz- und Fusion-Drummer ist.

Mit „Flying Days“, seinem ersten „eigenen“ Album, legt Gustke nun den Sound auf den Tisch, der ihn und sein Spiel und seine Musikalität seit mehr als 30 Jahren geprägt hat: Groovige Songs à la Steely Dan, jazziger Fusion auf den Spuren von Billy Cobhams „Spectrum“ oder funkige Titel mit Beats, die an Herbie Hancocks „Headhunters“ und an John Scofield erinnern. Anspieltipps: „Indian Summer“ und „Apollo“.

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KW 49 - Paul Hankinson / Echoes Of A Winter Journey (Traumston)

Wenn der australische Pianist Paul Hankinson jene besonderen Schubert-Momente Revue passieren lässt, die sein rein instrumentales Solo-Piano-Album inspiriert haben, dann ist allen eines gemeinsam: Es sind keine musikalischen Nebenbei-Momente, sondern Miniaturen purer Emotion, die ab der ersten Sekunde ihrer Entfaltung ein beeindruckendes Eigenleben entwickeln. 

Auf „Echoes Of A Winter Journey“ hat Hankinson, der seit 2006 in Berlin lebt, 10 Schubert-Motive neu interpretiert. Intuitiv, aber in der Albumfassung dennoch nicht improvisiert – es sind bewusst definierte Stücke. Allerdings wurden nur zwei davon tatsächlich von Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ (1827) inspiriert. Den Albumtitel möchte der 41-Jährige auch eher verstanden wissen als „Einladung in die Stimmung der Platte (…) dieses Schubert-Gefühl, und insbesondere meine Erinnerungen an einige von Schuberts magischen Momenten. Irgendwie steckt in ihnen allen der Winter.“ 

Es ist das Feine, Filigrane, Fokussierte. Aber auch: das Vergängliche, Schneedeckenschwere, Kontemplative. Und dennoch haben die Stücke auf „Echoes Of A Winter Journey“ - spätestens im Nachklang und trotz aller Melancholie - immer etwas Hoffnungsvolles. Es ist zudem Musik, die alle die Nuancen der Stille zwischen den Tönen als gleichwertigen Teil des Stückes begreift und die Raum lässt für eigene Gedanken, Gefühle, Erinnerungen. 

Die Idee zu dem Konzept-Album entstand mitten im Alltag: „Ich war gerade im Supermarkt“, erzählt Hankinson, „und plötzlich hatte ich das Motiv von „Gretchen am Spinnrade“ im Kopf. Das rotierende Spinnrad als rhythmische Keimzelle – im Grunde ein Popsong! Schubert war 17, als er dieses geniale Stück schrieb. Ich ging nach Hause und erlaubte mir nicht, es anzuhören, sondern begann aus meiner Erinnerung heraus mit dem Motiv zu spielen, zu improvisieren.

Aufgenommen wurde „Echoes Of A Winter Journey“ von Wolfgang Loos im labeleigenen Studio in Berlin-Spandau, das in den 50er Jahren ein altehrwürdiger Ballsaal war und über eine brillante Akustik verfügt. Auch die musikalische Umsetzung wurde – genau wie die Stücke selbst – auf das Essentielle reduziert: Nur Hankinson und ein Steinway-Konzertflügel. In Symbiose. Die Aufnahmen dauerten lediglich zwei Tage, editiert wurde kaum. Denn es ging nicht um Perfektion, sondern um das beherzte Konservieren von Emotionen. Es ging darum, etwas zu erschaffen, das auch als Alltagsbegleiter funktioniert. Als meditative Oase der Ruhe.

„Echoes Of A Winter Journey“ ist das nahezu perfekte Album, das „Hamsterrad“ des oft so hektischen Alltags zum Stillstand zu bringen, für Augenblicke der Ruhe und Entspannung, lassen HörerInnen sich auf diese wunderbare Musik ein. . Anspieltipps: „ Augenblick“ und „Liebesglück“.

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KW 48 - Daniel Kahn & The Painted Bird / The Butcher's Share (Oriente)

Mit dem neuen Album „The Butcher’s Share“, dem ersten seit fünf Jahren, machen Daniel Kahn und seine Band The Painted Bird ihrem Ruf als „radical Yiddish borderland bandistas“ mit Punkattitüde alle Ehre. Es ist das bis dato kraftvollste und komplexeste Werk der Band und stellt sich den großen politischen und persönlichen Themen unserer Zeit. Kahns revolutionäre Lieder für die Apokalypse sind wie eine Kriegserklärung an die Gegenwart.

Seit dem letzten Album „Bad Old Songs“ ist viel passiert. Der in Detroit geborene, aber seit 2005 in Berlin beheimatete Daniel Kahn hat die Band mit neuen und auch alten Weggefährten umbesetzt. Christian Dawids Klarinetten, Saxophone und Blechblasinstrumente klingen wie ein sturzbetrunkenes Matrosenorchester, das uneingeladen eine jüdische Hochzeit kapert, Jake Shulman-Ments Violine schneidet sich nur so durch die Lieder und Kahn ist als Sänger und Gitarrist in Topform.

Manchmal voller Witz, manchmal wie ein Albtraum, manchmal tieftraurig schmuggeln sie die Originalstücke, Übersetzungen und Adaptierungen über die Grenzen von Sprache, Geschichte, Kultur und Genre. Punk, Klezmer, Jazz, Brecht, Waits, Folk-Balladen, Tiger Lilies und mehr reichen sich die Hand und Produzent Thomas Stern „bringt seine ganze Kreuzberger Punkrock-Sensibilität mit in das Projekt ein“ so Kahn.

Als Gäste dabei sind Sasha Lurje und Lorin Sklamberg (The Klezmatics), mit denen Daniel Kahn im letzten Jahr gemeinsam beim Semer Ensemble gewirkt hat; darüber hinaus sind auf dem Album Sarah Gordon, Michael Alpert und Psoy Korolenko zu hören.

Stücke wie „Freedom Is A Verb“ und „99%“ erzählen über den konkreten Moment ebenso wie über den ewig andauernden Klassenkampf. Balladen wie „Children In The Woods“ und „Sheyres Hora“ erforschen die Tiefen von Traum und Trauma und der tiefschwarze Song „No One Survives“ erinnert an David Bowies von Mut geprägter Hoffnungslosigkeit in seiner letzten Lebensphase.

Im Titelstück „The Butcher’s Share“ wird das fetischistische Konsumverhalten und die bourgeoise Moral thematisiert. Man könnte Kahns Ansatz auch „Groucho Marxismus“ nennen, aber immer versehen mit einem Killer-Beat. Unterstützung für das Album kommt vom renommierten Maxim Gorki-Theater in Berlin, an dem Kahn als Musikkurator und Hauslyriker tätig ist.

Inspiriert von seiner Arbeit dort entwickelten sich die lyrischen und musikalischen Grundideen für das neue Album oder wie Kahn selbst sagt: „Dieses Album entstand im Umfeld des Berliner Gorki Theaters, in dem Künstler verschiedenster Herkunft einen gemeinsamen Boden finden, auf dem es nicht um gespaltene Identitäten sondern um radikale Vision und komplizierte Narrative geht.“

Im Gorki-Theater fand am 10.11. auch das Album-Release-Konzert statt, im Januar geht es dann auf Deutschland-Tour, und es bleibt zu hoffen, dass diese sanfte, kraftvolle, wütende, melancholische, versöhnende Musik demnächst auch in unserer Region live zu hören sein wird. Anspieltipps: „The Butcher's Share“ und „Two Brothers“.

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KW 47 - Alessio Bondì / Sfardo (Malintenti Dischi)

"Sfardo" heißt das Debütalbum des italienischen Singer/Songwriters Alessio Bondì. In seinen Songs pflegt er die Wurzeln einer sizilianischen Musiktradition, die für ihn die Atmosphäre seiner Kindheit widerspiegeln. Bondì spricht und singt sizilianisch; und so wird er auch schon mal mit Volkssängerin Rosa Balistreri verglichen, der Ikone traditioneller sizilianischer Musikt

Seine Konzerte sind hochemotional und faszinierend - Gitarre, Stimme und viel Herz sind die Zutaten auf seiner melancholischen Reise, die Freude und Zurückhaltung gleichermaßen zum Ausdruck bringt. 

Neben seinen vielen Auszeichnungen für seine Musik - etwa dem begehrten „De André Award“ -  sammelte er in den letzten Jahren auch reichlich Erfahrungen als Theater- und Serienschauspieler, bevor er sich ausschließlich auf die Musik konzentrierte und das relativ schnell mit großem Erfolg.

In Italien ist Alessio Bondì auf dem besten Weg, ein Star zu werden, konzertiert aber auch im europäischen Ausland (Berlin, Paris, Barcelona) und den USA, nahm an zweisprachigen Parallelprojekten mit ausländischen Künstlern teil, etwa mit dem brasilianischen Songwriter Nega Lucas.

Nun also sein Solo-Debüt - "Sfardo" ist ein von vielen Dingen inspiriertes Album, enthält 10 Titel von erstaunlicher Anmut, einer Mischung aus zeitgenössischen Rhythmen und dem exotischen Klang seiner Muttersprache, dem Dialekt seiner Heimatstadt Palermo. 

Die Themen seiner Lieder sind Kindheit, Geschichten eines weit entfernten Landes, Nostalgie wie in „Granni Granni“, in dem er davon singt “wie wir es früher getan haben, als wir Kinder waren; wir suchten uns einen speziellen Ort, um Geheimnisse und kostbare Dinge zu verwahren. Mit diesem Lied baute ich mit meine eigene Hütte, wo ich meine heiligsten Dinge, mein erstes Fahrrad, oder auch nur einen Holzlöffel versteckte.“

Alessio Bondì beschreibt in seinen Liedern den Konflikt des jungen Künstlers, der auf der Suche nach seinem Platz ist, aber auch Einblicke in sein Privatleben gewährt (Rimmillu Ru' Voti), der sich entschieden hat, seinen eigenen Weg „auf Band“ aufzunehmen. Dazu sagt er: Es ist das intimste Lied, das ich je geschrieben habe. Jedes Mal, wenn ich es spiele, bin ich von einer tiefen Emotion durchdrungen. Ich habe es während einer Nachmittags-Session aufgenommen, allein, Gitarre, Stimme und Mundharmonika. Danach hatte ich nie mehr das Gefühl, etwas Ähnliches schaffen zu können.

Wenn dann auf Bondì’s Suche nach dem „Deja Vu“ ein solch wunderbares Album wie "Sfardo" entsteht, kann man dem Sizilianer nur zurufen: Bravo e continua così! Anspieltipps: „Rimmillu Ru' Voti“ und „In Funn'o Mare“.

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KW 46 - Inga Lühning & André Nendza / Hodgepodge Vol. 1 (Jazzsick)

Als Duo agieren Sängerin Inga Lühning Und Bassist André Nendza zwar erst seit 2016, kennengelernt haben sie sich aber schon zu Beginn der 2000er Jahre während einer Studioproduktion, bei der Inga Lühning als Gast auf  dem Album „Spectacles“ von André Nendza´s A.Tronic mitwirkte. Nach dem ein oder anderen Zusammentreffen in anderen Projekten und der „Entdeckung“ gemeinsamer musikalischer Vorlieben ist dann schließlich die Idee zu einer Duo-Produktion entstanden, „gereift“ und nun mit „Hodgepodge Vol. 1“ in die Tat umgesetzt worden.

In vielen Proben ist das musikalische Material auf seine Duo-Tauglichkeit überprüft worden, die Reaktion des Publikums bei Testkonzerten tat dann ihr Übriges, das Projekt Wirklichkeit werden zu lassen – „Hodgepodge Vol.1“ ist also das Debüt-Album von Sängerin Inga Lühning und Bassist André Nendza, beide bisher in unterschiedlichen (auch eigenen) Formationen erfolgreich unterwegs.

Im Kern klassisch jazzmäßig live aufgenommen, sind die Aufnahmen durch Toningenieur Christian Heck mit viel Liebe zum Detail zu einem besonderen Klangerlebnis verfeinert worden. Und dieses Klangerlebnis lebt im Wesentlichen von Klarheit; manchmal nur eine wunderbare Stimme und einige tiefe Noten des Basses, dazu, im Sinne klanglicher Abwechslung und unvoreingenommener Spielfreude, neben den Hauptinstrumenten auch Klatschen, Fingerschnipsen, Kazoo, Bass-Schlitztrommel und manches mehr…

Auch dieser Klangfarbenreichtum lässt die CD keinen Moment langweilig werden, sondern lädt vielmehr zum wiederholten Hören ein. Die Klarheit der Besetzung spiegelt sich auch im Grundthema der Auswahl des musikalischen Materials. Es dreht sich immer um Songs. Hier allerdings setzen Lühning & Nendza bewusst auf fantasievolles Durcheinander. Und so wird der Titel der CD „hodgepodge“ im Sinne von wildem Mischmasch zum Programm.

Das Duo spannt in seinen Songs ein großen Bogen von den Jackson 5 über Paul Simon, Ron Sexsmith bis hin zu zwei Franz Josef Degenhardt Chansons, denen Inga Lühning und André Nendza durchaus überraschende neu Facetten abgewinnen können – frei nach dem Motto alles ist erlaubt, es muss nur stimmig sein.

Sowohl bei der Interpretation der Fremdkompositionen wie auch den Arrangements den eigenen Stücke für diese Duo-Formation geht es den beiden vor allem darum, das Besondere der Songs zu erhalten, diese gleichzeitig aber auch, und das mit spielerischer Leichtigkeit, in die eigene klangliche Welt von Stimme und Bass zu transportieren.      

Inga Lühning und André Nendza gelingt mit „Hodgepodge Vol.1“ eine spannende, kreative musikalische „Achterbahnfahrt“, die die geneigte Hörerschaft durchaus mitnimmt auf ein musikalisches Abenteuer mit einigem Überraschungs-Potential. Anspieltipps: „Graceland“ und „Wölfe mitten im Mai“.

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KW 45 - Patty Moon / Head For Home (Traumton)

Ginge es nach den bisherigen Reaktionen von Presse und Publikum, hätte das neue Album von Patty Moon schon längst erscheinen sollen. Schon ihre zweite CD "Lost In Your Head" (2008) wurde allseits hochgelobt. Der Stern bezeichnete die Produktion als „magisch“, der Kritiker der Jazzthetik beschrieb sie als „echtes Gesamtkunstwerk“ und das HiFi-Magazin Audio zeigte sich vom „filigranen Folk-Pop“ begeistert.

Der tangoeske Song "Straight Alone" fand den Weg in Wolfgang Murnbergers Film "Mein bester Feind" mit Moritz Bleibtreu. Zwei Jahre später schrieb Patty Moon gleich drei Stücke für Hans W. Geissendörfers Kino-Produktion "In der Welt habt ihr Angst" mit Anna Maria Mühe und Axel Prahl.

Das drittes Album "Mimi And Me" (2011) wurde erneut gefeiert, zumal es teilweise mit Melodien überraschte, die unaufdringlich-elegant ins Ohr gingen. „Ein Wunderwerk, in dem man Elfen tanzen hört“ jubelte die Hörzu und Melodie & Rhythmusbefand: „rätselhafte, herrliche Musik, die einer Kate Bush oder Tori Amos […] an Originalität in nichts nachsteht“.

"Head For Home" knüpft nun daran an und zeigt gleichzeitig neue Facetten. Die nachdenkliche Haltung ist noch da, ebenso wunderbar atmosphärische Arrangements mit kammermusikalischen Streichern und die für Patty Moon typische, bildgewaltige Poesie.

Vielleicht sind ihre Melodien heute noch etwas traumverlorener, erscheinen zusammen mit manchen Harmoniewechseln bisweilen wie eine Schwarzwälder Antwort auf isländische Pop-Melancholiker. Die Musik klibgt noch sparsamer und persönlicher, näher an der Sängerin und am Hörer; ähnlich einem Club-Konzert, bei dem die Künstlerin keine drei Armlängen entfernt sitzt und ganz direkt, ohne elektronische Effekte, beim Publikum ankommt. 

Außerdem ist aus dem ehemaligen Duo- ein Solo-Projekt geworden, was zur Folge hat, dass neben den Kompositionen und Songtexten nun auch Arrangements und Produktion weitgehend von Patty Moon (Judith Heusch) verantwortet werden. Ohne ihren langjährigen musikalischen Partner fließen nun einige Aspekte fokussierter in die Songs.

Ein Faible für verschattete Töne hatte Patty Moon schon immer, wobei Melancholie nicht mit Trauer oder gar klagender Melodramatik verwechselt werden darf. Davor schützen Patty Moons Klaviermotive, die auch von Yann Tiersen sein könnten, und natürlich ihre glockenklare Stimme, der tremolierendes Pathos fremd ist. Auch wenn Patty Moon vieles in die eigenen Hände genommen hat, beispielsweise auch die verschiedenen Stimmen der zart-romantischen Streicher am Rechner vorbereitete, wollte sie "Head For Home" nicht völlig im Alleingang aufnehmen.

Für Geigen, Bratsche, Cello und Kontrabass - sie nehmen neben Partty Moons Flügel eine zentrale Rolle ein - hat sie sich an der Freiburger Hochschule "bedient". Punktuell leuchten weitere Instrumente auf: Zwei Hörner, Bass und Schlagzeug liefern relativ vertraute Sounds, singende Gläser oder Beatboxing sind da schon unkonventioneller. Anspielttipps: "Sound On Me" und "The Man With The Hat On".

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KW 44 - Laura Perrudin / Poisons & Antidotes (L´autre distribution)

Bereits mit vier Jahren entdeckte die (1990) in der Bretagne geborene Laura Perrudin die klassische keltische Harfe für sich. Je älter sie wurde, desto weiter entwickelte sich ihr musikalisches Verständnis, und so orientierte sie sich fortan mehr und mehr in Richtung Jazz.

Doch die klassische Harfe bot ihr nicht die nötige Freiheit, ihre Harmonien und Kompositionen zu entwickeln, was sich jedoch im Alter von 18 Jahren ändern sollte: als sie nämlich den Harfenbauer Philippe Volant kennenlernte und dieser ihr eine individuell angefertigte Harfe (chromatisch, aber ohne Pedal) baute, eröffnete ihr dieses innovative Instrument endlich die Möglichkeiten, die ihren eigenen modernen Jazz-Entwurf erst möglich machten.

Nach ihrem viel beachteten Debüt-Album „Impresions“ (2015)  legt Laura Perrudin nun ihr neues Album „Poisons & Antidotes vor. Ihre Musik spielt mit verschiedenen Musikstilen und flirtet mit Jazz, Electronica, Neo-Soul und experimentellem Folk. Sie setzt dabei, neben ihrer Stimme, auf ihr einzigartiges Instrument: dieelektrische chromatische Harfe!

Gift und Gegengift, die Metapher des Pharmakons durchdringt sowohl musikalisch als auch lyrisch ihr neues Album. „ Manche Tiere benutzen Tinte als Gift, um sich zu wehren, uns Menschen kann das Schreiben (mit Tinte)  Erleichterung von seelischen Qualen verschaffen, „erklärt Laura Perrudin die Bedeutung des Albumtitels, „ ein Adrenalinstoß erinnert uns daran, dass wir am Leben sind. Ein Verzicht bringt Erleichterung. Aus einem schrecklichen Albtraum kann ein beeindruckendes Gemälde entstehen.“

Mit ihrem ungewöhnlichen Instrument und ihrer Stimme schafft Laura Perrudin einzigartige musikalische Universen, die an Björk, Portishead oder auch Flying Lotus erinnern mögen, in denen sich aber auch Anklänge von Debussy, Ravel finden oder Wayne Shorter zitieren. Auf ihrem „Poisons & Antidotes“ unterläuft sie gekonnt alle Hörgewohnheiten: Mit verführerischer Stimme und präparierter Spezialharfe träufelt sie süchtig machendes Gift in die Ohren ihrer Zuhörer. Erfreulicherweise liefert sie das Gegengift gleich mit.Anspieltipps: "Ghosts Song" und "The Sick Rose".

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KW 43 - Andy Pfeiler / Brain Boogie (Herbie Martin Music)

Er ist ein viel gefragter Session Musiker und das weltweit, außerdem festes Mitglied der Funk Unit von Nils Landgren, zu deren vor kurzem erschienenen Album „Unbreakable“ er auch einige Songs beigesteuert hat – und obwohl durchaus gut beschäftigt, findet Andy Pfeiler immer wieder Zeit und Muse ein Solo-Album zu produzieren.

Mit „Brain Boogie“ legt der schwedische Gitarrist und Sänger (mit österreichischen Wurzeln) sein mittlerweile fünftes Solo-Album vor, das von Anfang an klar macht, dass sich Pfeiler treu bleibt: Grooviger Funk, knackig-trockener Soul-Sound, eingestreut Jazziges und eine durchaus erkennbare Pop-Attitüde vereinen sich auf „Brain Boogie“ zu einer klanglichen Melange, die schon dem ersten Ton zu überzeugen weiß..

Sind seine bisherigen Alben, zuletzte „Futureman“ (2014)  stilistisch zwar ähnlich gelagert, waren sie jedoch mehr das Produkt eines kleinen Musikerkollektivs (seiner Band Jideblaskos), wogegen Andy Pfeiler „Brain Boogie“ im Alleingang schrieb, komponierte, arrangierte und produzierte.

„Dieses mal wollte ich mich einschränken, indem ich nur zwei Musiker neben mir selbst hatte. Ein Funk Power Trio“ beschreibt der Schwede dieses Weniger als Mehr - Thobias Gabrielson (b, keyb) und Tobias Tagesson (dr) sind jene zwei weiteren Säulen von „Brain Boogie“, die durch dezente Backing Vocals von Tochter Astrid Pfeiler ergänzt werden.

Dass auch der im Albumnamen vorkommende Boogie seinen Platz findet, ist bei einem Vollblutmusiker wie Andy Pfeiler nicht ungewöhnlich, arbeitet er doch immer mal wieder auch mit retrospektiven Momenten, die so auch einer Tower Of Power-Ballade oder einem Blue Eyed Soul-Titel der kalifornischen Bay Area des Jahres 1974 hätten entnommen werden können.

„Brain Boogie“ ist eine Hommage an den Funk, mit einem Sound bestimmt von knurrigen Synth.-Basslinien, poppigen Gitarren und Drums wie auch atmosphärischen Samples und souligen Vocals. „Ich mochte schon immer das Überraschungsmoment in der Musik und versuche das auch in meinen eigenen Songs und Arrangements umzusetzen. Ebenso möchte ich, dass jedes Album etwas völlig anderes als das Vorangegangene ist. Das ist die Herausforderung, die mich wirklich antreibt“ sagt Andy Pfeiler.

Eine Herausforderung, die er auf „Brain Boogie“ mit verblüffender Leichtigkeit meistert. Anspieltipps: „On & On“ und „ATBF“.

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KW 42 - Silje Nergaard / For You A Thousand Times (Okeh/Sony)

Sie gehört zu den erfolgreichsten europäischen Jazzsängerinnen. Schon als 16-jährige trat sie 1982 in Molde auf, dem berühmtesten Festival ihrer Heimat, zusammen mit den Musikern aus der ehemaligen Band von Jaco Pastorius.

Dann entdeckte Pat Metheny die Sängerin und verhalf ihr zu ihrem ersten Plattenvertrag. Seit ihrem Debütalbum „Tell Me Where You’re Going“, mit dem sie 1990 Platz 7 der norwegischen Pop-Charts erklomm, ist sie aus der genreübergreifenden skandinavischen Musikszene nicht mehr wegzudenken. Sie zählt zu den wenigen Protagonisten des Jazz, die sich auch in der Popwelt großer Beliebtheit erfreuen, denn jede Art von Scheuklappen sind ihr fremd. 

Für ihr neuestes Werk hat sie unter dem Titel „For You A Thousand Times“ Lieder geschrieben, die von vergangenen Begegnungen und der Kraft der Erinnerung inspiriert wurden. Zehn Songs hat Nergaard für das Album aufgenommen, überwiegend mit einer perfekten Balance von Pop und Jazz, dazu eine Prise Weltmusik.

Außerdem - das ist neu bei Nergaards Musik - werden auf dem neuen Album, zwar durchaus sparsam eingestreut, elektronische Einflüsse deutlich hörbar. Unterstützt wurde die Norwegerin bei der Produktion von Andreas Ulvo (keyb), Audun Erlien (b), Sidiki Camara (pec), Wetle Holte (dr, perc), Mathias Eick (tp), Håkon Aase (vl) und Håkon Kornstad (sax).

Jeder der zehn Songs auf „For You A Thousand Times“ ist eine musikalische Erzählung, in denen Nergaard vergangene Begegnungen und persönliche Erfahrungen mit mitreißenden Melodien in einem subtil arrangierten Klangpanorama gegenwärtig macht.

„Ich habe Bilder davon gesehen, wie sich Familien aus Nord- und Südkorea nach Jahrzehnten der Trennung wieder getroffen haben. Alle haben vor Freude geweint und waren von Glück erfüllt, trotz der langen Zeit ohne jeden Kontakt. Daraus ist der Song „For You a Thousand Times“ entstanden” erinnert sich Nergaard an den Schlüsselmoment für die Entstehung des gesamten Albums.

„Viele Menschen sind von Kriegen getrennt und verbringen ihr ganzes Leben voller Sehnsucht. Ihre Liebe füreinander verblasst aber nicht.“ Unter diesem Eindruck fand Silje Nergaard auch in ihrem Alltag überall Geschichten von dieser magischen Kraft, die sie in Songs zu porträtieren begann. Einen der intimsten Momente verarbeitet sie in „Hush Little Bird“, einem Schlaflied für ihren kleinen Adoptivsohn Jonah, der vor dem Einschlafen in seiner Herkunftssprache brabbelt. Seine Worte sind als Intro des Songs zu hören.

Auch die leichte Sommerballade „Cocco Bello“ wird von Samples aus dem Leben eröffnet: Am Strand von Sizilien hat Nergaard den Werbegesang eines afrikanischen Kokosnusshändlers aufgenommen und darum einen Song komponiert. „Es ist der Moment einer kurzen Begegnung zwischen zwei Kulturen, wie sie ineinander verschmelzen.“

„For You A Thousand Times“ ist voll solcher Geschichten über unsichtbare Verbindungen, die Sehnsucht und Liebe. Es ist Nergaards persönlichstes Album und eine musikalische Erzählung voller Hoffnung, ein überragendes musikalisches Statement für eine „bessere“ Welt, dazu noch in einer exzellenten Aufnahmequalität. Anspieltipps: „It's Gonna Rain“ und „Breathe“.

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KW 41 - Melanie De Biasio / Lilies (PIAS)

Nach dem wunderbaren Album "No Deal" (2014) und der EP mit dem grandiosen 25-minütigen Epos „Blackened Cities“ (2016) demonstriert die belgische Sängerin und Multi-Instrumentalistin Melanie De Biasio mit den 9 Songs auf „Lilies“, dass sie eine würdige Erbin etwa einer Nina Simone ist und eine Jazz-Sängerin, die den Blues spürt und den/die Hörer/in unwiderstehlich in den Bann ziehen und verzaubern kann.

Melanie De Biasio hat sich eigentlich immer in tiefster, bedrückendster Finsternis am wohlsten gefühlt, doch zu Beginn ihres dritten Albums scheint es so, als würde sie das Licht hereinlassen. Nicht nur ist das von hellen Grautönen geprägtes Album-Cover auffallend weniger dunkel als das Titelbild des von der Kritik gefeierten Vorgängers „No Deal“, auch ist "Your Freedom Is The End Of Me" wohl der zugänglichste Song, den De Biasio bisher auf Tonträger präsentiert hat.

Mit Pianotupfern beginnend, öffnet er sich später der Eingängigkeit, wenn an Portishead erinnernde Drums einsetzen und sich der wie ein Mantra wiederholte Titel zur Ohrwurm-Hook entwickelt. De Biasios Melodien legen sich wie Samt über ein groovendes Gerüst, das zum Ende hin komplexer wird, mit unwirklich, fast verweht daherkommenden Gitarrentönen fasziniert.

Zwar erscheint "Lilies" instrumental variabler, aber gleichzeitig auch rhythmisch gestraffter - das präzise, markante Drumming von "No Deal" ist kaum noch zu hören, stattdessen basieren alle Songs auf einem spärlichen und teilweise elektronischem Percussion-Gerüst, sind geprägt von hypnotischer Repetition und nur sehr nuancierter Variation.

Jazz iund Blues sind, neben sparsamen Dub und Post Electronica-Einsprengseln, die wichtigste Quelle dieses Albums, das textlich wie musikalisch in den Bann zieht und von der unwirklichen, besonders eindrucksvoll im lediglich von Fingerschnipsen begleiteten "Sitting In The Stairwell" unter die Haut gehenden Stimme von De Biasio und der hypnotisierenden dunklen Album-Atmophäre getragen wird. Anspieltipps: „Cold Junkies“ und „Afro Blue“.

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KW 40 - Christoph Grab / Reflections (Lamento Rec.)

"Ich widme mich in meinem neuen Trio-Programm mit meinen beiden langjährigen musikalischen Weggefährten Pius Baschnagel und Lukas Traxel der Musik des Pianisten Thelonious Monk (der am 10. Oktober 100 Jahre alt geworden wäre).

Dabei ist es mir wichtig, eine eigene Lesart der Musik von Monk zu finden. Ich habe mir dafür vor allem Monks wunderbare Balladenmelodien vorgenommen und lasse diese mit meinem Trio in einem ganz neuen Licht erscheinen“ sagt Christoph Grab zu diesem Album und dessen Konzept und weite: „Das klavierlose Saxophontrio-Format von Reflections ist bewusst gewählt und gibt uns noch mehr Freiheit für eine ganz eigene Interpretation von Monks sehr pianistischer Musik"

Das Trio des Alt- und Tenorsaxophonisten Christoph Grab rückt auf "Reflections" sowohl ein sehr bekanntes Stück wie die romantische Ballade „Round Midnight“ als auch die obskure Hürdenlauf-Nummer „Gallop’s Gallop“ in ein neues Licht. Monk wird von Grab & Co. nicht als Klamaukbruder missverstanden, sondern als genialer Melodiker und als Vermittler zwischen Tradition und Moderne gewürdigt.

Die Stücke werden mit Ausnahme der Fragmentierung von „Ask Me Now“ nicht zerpflückt oder zerstückelt. Durch den Verzicht auf ein Harmonieinstrument sowie ein paar wenige sorgfältige Umdeutungen (z.B. Tempobeschleunigung oder Wechsel der Taktart) wird die Aufmerksamkeit der Zuhörer zusätzlich aktiviert: Die Musik lässt genießerisches Zurücklehnen und Zungenschnalzen durchaus zu, aber die Ohren sollte man schon stets offen halten.

Die lust- und kunstvolle Musizierweise des Trios ist geprägt durch Emphase und Empathie und entwickelt sehr oft einen unheimlich mitreißenden Swing-Drive. Wie wichtig Monk ein exuberantes Swing-Feeling war, belegen nicht nur einige seiner Verlautbarungen: In Monks Œuvre stößt man nicht zufälligerweise immer wieder auf atemberaubende Swing-Passagen.

Monk liebte den Schlagabtausch mit impulsiven Schlagzeugern wie Art Blakey, Shadow Wilson, Roy Haynes oder Frankie Dunlop und er setzte auf bärenstarke Bassisten wie Oscar Pettiford, Ahmed Abdul-Malik, Butch Warren oder Larry Gales. Mit Pius Baschnagel hat Christoph Grab Grab einen Schlagzeuger in sein Trio geholt, der ebenfalls durch ein stets richtig dosiertes Maß an Durchschlagskraft überzeugt. Und Lukas Traxel lässt die Saiten seines Kontrabasses mit viel kinetischer Energie schwingen.

Bei diesem Trio lautet die Devise eindeutig: Vitalität statt Verkrampfung! Grab, Traxel und Baschnagel spielen sich weder als Gralshüter noch als Konzeptkünstler auf, sondern machen sich auf der Basis von Jazztugenden (Risikobereitschaft, interaktive Spielfreude, Flow) auf die Jagd nach dem erfüllten Augenblick und bescheren uns dabei viele wunderbare Monk-Momente. Anspieltipps: „Round Midnight“ und „Ruby My Dear“.

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KW 39 - Jeff Cascaro / Love & Blues In The City (Herzog)

Jeff Cascaro ist Jahrgang 1968 und singt, seit er denken kann. Seine Profi-Karriere begann bereits mit 18 Jahren als Gewinner von "Jugend jazzt". Erfahrungen sammelte er unter anderem als Backgroundsänger und Gastmusiker mit den Bigbands von NDR, SWR, Rias, HR, mit Ute Lemper, den Fantastischen Vier, Sasha, Joe Sample von den Crusaders, Götz Alsmann, Klaus Doldinger's Passport, den Guano Apes und Paul Kuhn - um nur eine Auswahl zu nennen. 

Und einen Einblick in das genreübergreifende Musik-Verständnis des Mannes aus dem Ruhrpott zu geben, der so unüberhörbar das Herz auf dem rechten Soul-Fleck hat. Seit 2000 ist der vielseitige Praktiker noch dazu Professor für Jazz-Gesang an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar und gibt bis heute Master Classes für bekannte Sänger wie Xavier Naidoo oder Sasha.

Sein Debüt unter eigenem Namen bereitete Jeff Cascaro sorgfältig vor - und zeigte schließlich 2006, was es heißt, die "Soul Of A Singer" (so der Titelsong) zu haben. In seinem zweiten Album "Mother and Brother" (2008) geht es um die schicksalhaften Höhen und Tiefen im Leben. 2012 wird "The Other Man" veröffentlicht,  danach mit „Any Place I Hang My Hat Is Home“ zusammen mit der HR-Bigband eine wunderbare Einspielung mit neu arrangierten Versionen von Songs aus dem „Great American Songbook“ von der Songschreiber-Legende Harold Arlen.

Nun also mit "Love & Blues in the City" sein Debüt-Album als Jazzsänger - seine musikalische Wurzeln liegen zwar nach wie deutlich hörbar im Soul und doch ist in den 10 Songs eine „neue“ Facette des gebürtigen Bochumers zu hören.

Anders als bei den zurückliegenden Soul-Jazz-Alben ist es luftiger und feiner in den Nuancen geworden, eine Hinwendung zum klassischen Jazz Gesang: „Die Zeit war reif, eine jazzigere, vielleicht sogar intimere Platte aufzunehmen. Ich hatte Lust, die Stimme stärker in den Vordergrund zu stellen.“ Damit einhergehend hat Jeff Cascaro  die Besetzung geändert und aufs Notwendige reduziert.

Am Piano sitzen mit Roberto Di Gioia und Hendrik Soll ausgewiesene Jazz Cats. An den Drums Jörg Achim Keller und Flo Dauner. Bassist und zugleich Produzent des Albums ist Christian von Kaphengst, eine Quartett Aufnahme also, die auch allen Mitwirkenden den verdienten Klangraum bietet. 

Das Aufeinandertreffen der Top Musiker im Studio war penibel vorbereitet und doch wurde großer Wert darauf gelegt, die Musik auch zu „spielen“: „Nicht alle Parts der Aufnahme sind fixiert, es sollte unbedingt Raum für Einfälle und Spontanität geben. Jazzige Lebendigkeit und Dynamik sollten erhalten bleiben und sind mir einfach wichtig“ so der Sänger und weite: „intensiv war die Songauswahl. Wir haben ungeheuerlich viel Material geprüft. Unsere Idee war es, eine Klangfarbe zu finden, die in allen Songs angelegt und auch musikalisch umgesetzt werden kann.“

10 Songs sind es final geworden: 7 Cover Songs und 3 Eigenkompositionen und alle kreisen sie um das Thema Love & Blues und sind in einen urbanen, modernen Sound gewandet, gleichermaßen stilsicher, wie originell – und stets getreu der alten Weisheit, dass ein Song nur dann wahrlich interpretiert ist, wenn ein Musiker ihn sich ganz zu eigen gemacht hat.

Mit "Love & Blues in the City" ist Jeff Cascaro ein überzeugender Nachweis gelungen, einer der besten Sänger der Republik zu sein und ein Album vorzulegen, das wohl über die Landesgrenzen hinweg für Aufmerksamkeit sorgen dürft, und: Jeff Cascaro ist nicht nur einer der bedeutendsten Jazz-Sänger des Landes, sondern auch ein Instrumentalist - seine sorgsam „eingestreuten“ Trompeten- und Flügelhorn-Soli setzen einer rundum gelungenen Produktion noch das eine oder andere I-Tüpfelchen auf. Anspieltipps: „Since I Fell For You“ und „A Taste Of Honey“.

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KW 38 - Valparaiso / Broken Homeland (Zamora)

So etwas kann auch schon mal gründlich schiefgehen, frei nach dem Motto „viele Köche verderben den Brei“. Eine Ansammlung von absoluten Individualisten, wenn auch überwiegend jeweils in erfolgreiche Bandkonzepte „integriert“, garantiert noch längst nicht ein schlüssiges und vor allem künstlerisch überzeugendes Werk – mit „Broken Homeland“ aber liegt nun ein Album vor, das am Ende des Jahres in der Liste „Album des Jahres“ ganz weit oben stehen wird. 

Aber auf Anhang: Der chilenische Seehafen Valparaiso war schon immer ein endlos weit entfernter und mystischer Ort für Seeleute und Reisende. Für das Musikkollektiv Valparaiso steht der Name für einen Hafen, in dem Künstler für eine Zeit verweilen, gehen und vielleicht wieder dorthin zurückkommen.

Im Namen des Projekts steckt aber auch noch eine andere Bedeutung: aus der Verehrung der Werke des chilenischen Photographen Sergio Lorrain und des 1964 entstandenen Films von Joris Ivens und Chris Maker über eine Reise nach Valparaiso entwickelte die Band eine Gesamt-Ästhetik für das Projekt, die sich in Musikvideos von Regisseur Richard Dumas (u.a. Videos für die Tindersticks) und Amaury Voslion, Photographien und dem Bühnenbild äußert.

Im Kern besteht das in Paris beheimatete Musikerkollektiv Valparaiso aus den in Indie-Kreisen bekannten Musikern (und Cousins) Hervé Mazurel (g) und Thierry Mazurel (b) sowie Matthieu Texier (g), Thomas Belhom (dr) und Adrien Rodrigue (vl, vib), aber für ihr Projekt Valparaiso laden sie sich immer wieder unterschiedliche Musiker in ihren musikalischen Hafen mit dem so verheißungsvollen Namen ein.

Für das Debütalbum „Broken Homeland“ sind das mit Howe Gelb, Dominique A, Josh Haden, Shannon Wright, Rosemary Standley, Phoebe Killdear, Marc Huygens und Julia Lanoë einige der spannendsten Persönlichkeiten der internationalen Musikszene. Jeder Gastmusiker ist auf einem Track zu hören – und zwar nicht nur als ausführender, sondern auch als kreativer Gast, denn die Texte und Vocals wurden mit absoluter künstlerischer Freiheit von ihnen alleine bestimmt und von Produzent John Parish in Bristol dann zusammengefügt.

Entstanden ist so ein Album, das den Hörer vom ersten Ton an „gefangen“ nimmt, das auch beim wiederholten Anhören nichts von seiner Faszination verliert, sind doch immer wieder neue Facetten hörbar. Und obwohl, um im obigen Bild zu bleiben, viele unterschiedliche „Köche“ an diesem „Festmahl“ beteiligt waren, ist ein Werk entstanden, das in all seiner Vielfalt dennoch wie aus einem Guss daherkommt – einfach nur brillant und ganz „großes Kino“. Anspieltipps: „Fireplace“ (feat. Rosemary Standley) und „Rising Tides“ (feat. Phoebe Killdeer & Howe Gelb).

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KW 37 - Florian Peters Trio / 11 Waves (GLM)

Florian Peters Musik ist ein Abbild dessen, was er erlebt hat und was er ist. Seine Liebe gilt den englischen, italienischen und französischen Singer/Songwritern, traditioneller Folklore, aber auch dem melodisch-rhythmischen Jazz. Die Farbigkeit, der Humor und die Echtheit, mit denen seine Geschichten im Triokontext erzählt werden – eine Mixtur, die von hiesigen Künstlern nicht allzu häufig zu hören ist..

Für den perfekten Sound war dem Trio offenbar kein Weg zu weit. Bis nach Oslo reisten Florian Peters (voc, g, p), Roland Duckarm  (dr, perc) und  Gunther Rissmann (a- und e-bass) im Mai 2016, um im weltberühmten Rainbow Studio zusammen mit Jan Erik Kongshaug, einem der besten Toningenieure weltweit, ihr zweites Album aufzunehmen. Das Ergebnis kann sich hören lassen:

Rezensierte die Süddeutsche Zeitung das Anfang 2013 erschienene Debüt-Album „NÀU“ unter der Rubrik „hörenswert“ als „bewusst zwischen vielen Stühlen platziert“, geht das Florian Peters Trio mit „11 Waves“ einen Schritt weiter. Die Stühle stehen noch weiter auseinander – haben sich im ersten Album noch Stile vermischt, stehen sie jetzt mutig nebeneinander. Florian Peters liebt die Vielfalt und überrascht mit jedem Song. Dabei färbt der größte Konzertflügel der Welt den Sound blauer, klarer, weiter.

Jeder der elf handgemachten Songs steht dabei für eines der unerwarteten, nicht immer planbaren Ereignisse im Leben, die uns beschäftigen, durch die wir gehen, mit denen wir wachsen. Und genau wie die Wogen des Lebens auf und ab gehen, wechseln sich auch hier melancholische Momente und frech swingende Up Tempo-Nummern ab. Mal schwappt dem Zuhörer eine sanfte Welle von Wehmut entgegen, mal türmt sie sich energetisch auf, bricht, macht sich Raum, immer aber mit größter Intensität.

Die Kompositionen klingen facettenreich, mal nach Jazz-Song, mal nach klassischem Folk, mal nach Pop-Ballade und mal nach modernem Singer-Songwriting. Die entspannt-angenehme Stimme des Bandleaders fügt sich dabei perfekt in die Arrangements – wobei jeder der drei perfekt aufeinander eingespielten  Musiker kunstvoll sein eigenes, schmuckvoll verziertes Geschichtchen dazu erzählt. Anspieltipps: „Paradox“ und „Nice And Dead“.

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KW 36 - Judy Dyble & Andy Lewis / Summer Dancing (Acid Jazz)

Judy Dyble war die erste Sängerin von Fairport Convention, verließ die Band aber schon nach deren Deüpt-Album Mitte 1968, nahm dann mit Giles, Giles & Fripp einige Songs auf, bevor diese Band zu King Crimson mutierten und veröffentlichte ein Album mit der kurzlebigen Band Trader Horne.

Doch bereits 1973 kehrte sie dem Musikbusiness den Rücken, arbeitete fortan als Bibliothekarin. 2004, im zarten Alter von 55 Jahren, wollte sie es allerdings nochmal wissen, seitdem entstanden diverse Alben – zunächst mit überschaubarer Resonanz - doch „Talking With Strangers“, 2009 mit Kollegen wie Robert Fripp, Simon Nicol und Pat Mastelotto aufgenommen, servierte feinen Folk-Prog.

Mit Andy Lewis, Produzent und ehemals Bassist bei Paul Weller, fand sie nun einen Bruder im Geiste und lädt die Hörer zum „Sumemr Dancing“ ein:14 Stücke, erneut zwischen Folk-Pop, Psy­che­delic und Prog der zugänglichen Sorte changierend.  Das großartige „A Message“ fügt dem Ganzen noch einen deutlichen Trip-Hop-Aspekt hinzu, bei „Night Of A Thousand Hours“ flirrt und wabert es bewusstseinserweiternd, bevor ein elegantes Jazz-Piano nächtliche Bar-Atmosphäre verströmt.

„Summer Dancing“ ist ein sanftes Werk, bisweilen ro­­mantisch, erfreulicherweise nur sehr selten ein bisschen zu sehr süß-sanft daher kommend, dafür aber stets auch ein wenig mysteriös. Judy Dybles Songs und ihre Stimme überzeugen, Andy Lewis‘ spacige Produktion, tief verwurzelt in britischer Psychedelic gegen Ende der 60er-Jahre, sorgt für das nötige Ambiente.

Den beiden ist mit diesem Album etwas Außergewöhnliches gelungen, ein ganz großer Schritt in die 60er und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man gar vermuten, die Musik sei tatsächlich in jenen Jahren entstanden, die Authentizität sprüht aus jedem Ton.

Die Stimme von Judy Dyble ist zwar, der Natur geschuldet, mittlerweile etwas tiefer und nicht mehr ganz so mädchenhaft klingend wie vor 50 Jahren, verfügt aber nach wie vor über diesen gewissen Zauber, der schon zu Beginn ihrer Karriere faszinierte. Anspieltipps „A Message“ und „Treasure“.

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KW 35 - Miu / Leaf (Herzog Records)

Nach einer Reise nach New York und einem Auftritt im legendären Club The Bitter End beschließt die junge Hamburger Soulsängerin Miu sie sich nunmehr ausschließlich der Musik zu widmen, unterschreibt einen Plattenvertrag  beim Jazzlabel Herzog Records und veröffentlicht im August 2015 mit „Watercoloured Borderlines“ ihr erste Album. 

Ihre Musik beschreibt sie als "Soul-Pop mit links und rechts weggucken". Diese Wegguckblicke schweifen in die Notenwelten von Alicia Keys, Norah Jones, Lauryn Hill, Adele, Ella Fitzgerald oder Amy Winehouse - Mius faszinierender Gesang atmet die Kraft und die Wärme der Timbres dieser großen Frauen. 

Nun erscheint mit „Leaf“ zwei Jahre später das zweite Album der Hamburgerin, auch das nicht dem Trend folgend mit deutschen Texten. Da ist Miu fast schon stur –   „Deutsch funktioniert für Singer/Songwriter, aber nicht für mich. Für die Art von Musik, die ich mache“, sie ließe sich notfalls zwischen Soul, Pop und etwas Jazz verorten, wenn’s denn sein muss, „finde ich deutsch nicht so passend. Ich möchte mich auch nicht auf den Zeitgeist trimmen lassen oder große Vorschüsse im Nacken haben, die das Miteinander einer Band belasten können.“

Mit dieser spielt die Hamburgerin nun seit gut vier Jahren zusammen, mitunter werden neben dem Bandkern - Daniel Otte (b), Nando Schäfer (dr), Arne Vogeler (git) und Joscha Farries (keys) -  weitere Musiker miteinbezogen, bei den Aufnahmen zu „Leaf“ sind manchmal 12 Leute mit einem Song beschäftigt, aber eben nicht immer.

„Die Ideen für die Songs kommen oft von mir oder von Arne und mir“, beschreibt Miu die Arbeitsweise ihrer Band, „einen Song haben wir komplett im Team im Proberaum entworfen und arrangiert. Was im Quintett funktioniert, also mit Bass, Drums, Gitarre, Keyboards und mir, wird überdacht, wir stellen uns die Frage, ob noch was dazukommt. Es muss Sinn machen, es geht nie um die möglichst große Besetzung“.

Als Produzent von „Leaf“ stand mit Gregor Hennig kein Unbekannter im Studio Nord Bremen, er produzierte bereits Rhonda, Me and my Drummer, Niels Frevert, Vierkanttretlager, Bernd Begemann und Die Sterne. Auch ihm ist zu verdanken, dass „Leaf“ nun tatsächlich so organisch klingt, wie Miu seine Entstehung beschreibt.

Zudem ist das Album auch so abwechslungsreich wie die Auftritte der Band, anders als im Kräftedreieck von Soul, Pop und Jazz sonst oft üblich, trägt nicht jeder Song dasselbe Soundgewand, der rote Faden bleibt stets die Stimme der Sängerin.

Im letzten Jahr hat Miu, lange vor deren Eröffnung, zwei ausverkaufte Test-Konzerte in Hamburgs Elbphilharmonie gegeben, „unsere besten Auftritte bisher.“ Nach wie vor ist sie bei einem Label unter Vertrag, das die Branche als „eher klein“ bezeichnen würde, „aber ich erhalte mir so meine Freiheiten.“

Und sie praktiziert ihre erstaunlichen Grundsätze, “für mich passen Kapitalismus und Musik oder Kultur generell nicht zusammen, weil es nicht das erste Ziel von Kunst ist, sich zu rechnen. Da hatte Richard von Weizsäcker schon Recht.“ Ihr Song „Next Big Thing“ drehe sich um genau solche Dinge.

Das gesamte Album „Leaf“ dreht sich um Dinge, die im TV-Casting keine Vorrunde überstünden, deshalb ist es ja auch ein Glücksfall. Mius Hoffnungen bleiben dennoch auf dem Boden. „Für mich hieße Erfolg“, sagt sie, „mit meiner Band noch möglichst lange und ohne viele Vorgaben meine Musik machen zu können. Und ich möchte mir ein Publikum erhalten, das mir auch mal etwas Neues verzeiht oder es sogar mag. Ich bin mir sicher, dass es einen Markt für meine Musik gibt.“

Und der dürfte, um im Wirtschafts-Sprech zu bleiben, mit diesem gelungenen und überzeugenden Album um Einiges größer werden. Anspieltipps: „Ohana“ und „Next Big Thing“.

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KW 34 - Tango Fuego / Confesión (Westpark)

Das Quartett Tango Fuego wurde 1992 gegründet und spielt seit 1994 in der Besetzung Detlef Strüwe (Piano, Komposition, Produktion), Sebastian Reimann (Violine, Konzertleitung), Sergio Fabian Carbone (Bandoneon) und Fritz Roppel (Kontrabass) unverändert zusammen.

Die Band ist Gewinner des deutschen Folk-Förderpreises und häufiger Gast auf dem internationalen Tango-Festival Zürich und dem Bandoneon-Festival Krefeld. Hinzu kommen Arbeiten mit Rolando Villazon und Auftritte in der Kölner und Münchener Philharmonie. Tango Fuego entfaltet mit einem tiefen, gereiften Verständnis für die Geschichte des Tangos einen für alle Zuhörer verständlichen und erlebbaren Sound, der von der Presse „als geschliffen und orchestral zupackend mit dem für den Tango notwendigen Quäntchen Dreck“ beschrieben wird.

Mit dem über die Jahre gewachsenen Repertoire bereitet es den Musikern sichtlich Vergnügen, einen Konzertabend mit Lust an der Abwechslung zu gestalten; Klassiker, Nuevos, Milongas, eigene Kompositionen, die von Einflüssen unterschiedlicher Genres geprägt sind, die Kompositionen für den Filmklassiker Metropolis, dabei alles aufeinander aufbauend und mit Leidenschaft präsentiert, zum Lauschen und Träumen, dann wieder zum Tanzen verführend, begeistert Tango Fuego nicht „nur“ live.

Mit „Confesion“ (dt. Beichte) versetzt das Ensemble sein Publikum in die gefliesten Hinterhöfe, Straßen und Bordelle Buenos Aires' der 1930er-Jahre. Auf der CD kreiert die Gruppe ein mitreißendes Programm aus tanzbaren Tangos, die trotz ihres traditionellen Anstrichs Ausdruck moderner Kammermusik sind. Anspieltipps: „Anhelo“ und „Adios Nonino“.

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KW 32 - The Isley Brothers & Santana / Power Of Peace (Sony)

Zunächst einmal ist Skepsis angesagt. Da ist das Cover-Photo von „Power Of Peace“, das doch allzu sehr an naiv-friedensbewegte Zeiten erinnert und dann auch noch die Auswahl der Songs - mit einer Ausnahme Blues- und Soul-Standards, was den Verdacht nahelegt, dass da ohne große Anstrengung noch einmal Kasse gemacht werden soll. 

Ein Verdacht aber, der sich beim ersten Anhören wie von selbst erledigt. Da sind Musiker am Werk, die niemandem auch nur irgendetwas beweisen müssen, die genau wissen was sie tun und die außerdem hörbaren Spaß an dem haben, was sie tun.

Möglicherweise wird der Produktionsprozess von „Power Of Peace“ dadurch zusätzlich befördert, dass es sich dabei um eine Art Familienunternehmen handelt, hat doch Santana Ehefrau Cindy Blackman-Santana, selbst eine exzellente Musikerin - als Schlagzeugerin (vornehmlich eher im Jazz zuhause) sicher auf einer Stufe mit Terri Lyne Carrington - einen großen Anteil am Gelingen des Werks, hält mit ihrer Rhythmik den Sound sowohl zusammen wie auch am köcheln.

Und da die künstlerischen Qualitäten der beiden Gitarristen Carlos Santana und Ernie Isley, selbst in den etwas schwächeren („Kritik“ auf hohem Niveau) Momenten, ohnehin außer Frage stehen, braucht es noch einen Leadsänger, der das „betagte“ Songmaterial zum Teil mit der Muttermilch aufgesogen, bzw. an seiner Entstehung mittelbar/unmittelbar beteiligt war. Und da kommt dann eben (auch das Familie) mit Ronald der zweite Isley ins Spiel, ein Sänger, dessen Intonation sowohl „kräftig zupackend“, wie auch filigran schwebend daher kommen kann.

Das alles aber würde eine zwar technisch exzellente, emotional aber eher „blutleere“ Angelegenheit, wäre da nicht der besondere Geist, der während der Aufnahmen geherrscht haben muss, sonst hätte eine solch kompakte Platte nicht entstehen können, die (fast) alles anbietet, was das Genre ausmacht. Dass Carlos Santana die Isley Brothers mal als „Brüder im Geiste“  bezeichnet haben soll, bestärkt diesen Eindruck, selbst wenn der Satz Legende ist.

Und so ist „Power Of Peace“ ein völlig überzeugendes Album geworden, mit dem das (musikalische) Rad natürlich nicht neu erfunden wird, das aber ebenso wunderbare wie spannende Facetten von Altbekanntem anbietet – ein absoluter Hörgenuss, da auch die Aufnahmetechnik nichts zu wünschen übrig lässt. Anspieltipps: „Higher Ground“ und „I Just Want To Make Love To You“.

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KW 31 - Tingvall Trio / Cirklar (Skip Records)

Piano Trios gibt es weltweit viele, die klassische Basisformation des Jazz hat in den letzten Jahres ein fulminantes Revival erlebt. Doch wenn man nach der Essenz aller derzeit tourenden Trios dieser Bewegung sucht, sticht, wenn es um die Akzeptanz beim Publikum und den unverwechselbaren, eigenständigen Sound geht, aus internationaler Perspektive das Tingvall Trio aus Hamburg hervor.

Konzerte in mehr als 30 Ländern, eine Handvoll Auszeichnungen mit dem Echo Jazz als „Ensemble“ und „Live Act“ des Jahres, Jazz Awards in Gold für jedes einzelne ihrer Studioalben, Platz 1 der Jazzcharts, ja sogar hohe Platzierungen in den Pop Charts, die Popularität der drei ist auf dem Niveau aktueller Popbands angekommen.

Erfolg, zumindest in Deutschland gelegentlich als Makel von der Hochkultur gebrandmarkt, sucht sich seinen Weg zum Publikum, gerade erfuhr das Tingvall Trio die Ehre, in der neueröffneten Elbphilharmonie zwei Testkonzerte zur Erprobung des Raumsounds zu spielen und wird dort auch 2017 noch konzertieren

Drei Jahre nach dem Erfolgsalbum „Beat“ erscheint nun der vom Publikum langersehnte Longplayer „Cirklar“. Martin Tingvall, Pianist, Hymnenschreiber und Namensgeber der Band über die neuen Kompositionen: „Am Anfang stehen für uns immer die Songs. Bei diesem Album habe ich versucht, so zu komponieren, dass uns die Musik neue Wege aufzeigt. Wir testen neue Ausdrucksformen, aber möchten gleichzeitig natürlich als Tingvall Trio wiedererkannt werden. Diesmal ist ganz eindeutig die Musik der Chef, nicht das Trio.“ 

Martin Tingvall komponiert die Songs – aber was am Ende dabei heraus kommt, kann er erst wissen, wenn Omar Rodriguez Calvo(Kontrabass) und Jürgen Spiegel (Schlagzeug) sich mit ihm gemeinsam der Komposition angenähert haben. Jedes Stück: ein Kampf, ein Spiel, ein Drama, das sich in Kreisen (Cirklar) dreht, bis es „fertig“ ist.

Es geht um Geschichten, die das Leben schreibt und um die ganz persönliche differenzierte Empfindung des Erlebten je nach Lebensabschnitt. Martin Tingvall: „Seit ich Kinder habe, und das geht ja allen Eltern so, habe ich das Gefühl, eigentlich keine Minute mehr für mich selbst zu haben. Manchmal scheint es, als rinne die Zeit mir zwischen den Fingern davon.“

„Bumerang“ heißt eines der Stücke auf dem neuen Album. Ein vorwärts treibender Song, der mit kräftigen Schlagzeug–Rhythmen beginnt, gefolgt von einer musikalischen Phrase, die dem Zuhörer immer wiederkehrend entgegengeworfen wird, bis sie zuletzt verschwindet. Ein unendliches Spiel, ein musikalischer Kreislauf. 

„Mir kommen die Gegensätze im Empfinden von Zeit manchmal so seltsam vor“, reüssiert Tingvall. „Die Generation meiner Eltern wird jetzt gerade alt. Ihre Uhren ticken nach einem ganz anderen Rhythmus, im Gegensatz zu meinem hektischen Alltag erscheint mir das oft fast unwirklich.“ 

Dies Empfinden findet man in der Ballade „Evighetsmaskinen“, einem Song, der – ganz untypisch für das Trio – aus beinahe meditativen Klängen und Rhythmen besteht und in die Ewigkeit hinein zu führen scheinen. „Karussellen“, „Det Gröna Hotellet“, „Skansk Blues“ – auf diesem Album wird der Hörer an vielen Stellen durch neue Sounds des Trios überrascht – und doch ist es unverkennbar die Musik Martin Tingvalls. „Cirklar“ ist das vielleicht musikalisch vielfältigste Album des Trios bislang. Anspieltipps: "Skansk Blues" und "Det Gröna Hotellet".

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KW 30 - Nicole Johänntgen / Henry (Hofa)

Obwohl sie schon früh in der Band ihres Vaters zusammen mit ihrem Bruder und einem Repertoire von Rock, Pop, Jazz unterwegs war, war der Berufswunsch von Nicole Johänntgen zunächst Bankkauffrau zu werden. Glücklicherweise aber hat sich dann doch die Musik durchgesetzt, die Saxophonistin, Komponistin, Bandleaderin  begann ein Musikstudium und die Dinge gingen ihren mitunter beschwerlichen aber zielstrebigen Weg.

Und dass dieser schnurstracks geradeaus führt, ohne nach links oder rechts zu sehen, ist offenbar nicht „das Ding“ von Nicole Johänntgen, die mit Hingabe auch Funk und Rock spielt. "Ich bin offen für alle Einflüsse", sagt die aus dem Saarland stammende Wahlschweizerin. Neue Impulse suchte sie in der ersten Jahreshälfte 2016 in New York - einem halbjährigen Stipendium der Stadt Zürich sei Dank. In der Weltmetropole des Jazz jammte Johänntgen sowohl mit Mainstream- wie auch mit  Avantgarde-Jazzern.

Nachhaltigstes Erlebnis ihres Amerika-Aufenthalts wurde jedoch ein Abstecher nach New Orleans. In der Geburtsstadt des Jazz traf Johänntgen, abseits von Nostalgiker-Wallfahrstorten, wie der "Preservation Hall", junge Musiker, die neben den traditionellen Blasinstrumenten elektrische Gitarren und Keyboards nutzen, die in ihre Stücke auch Blues- und Pop-Klänge einbringen und mitreißende Calypso-Rhythmen spielen.

Und mit einigen dieser Musiker hat sie in New York entstandene Kompositionen im Word of im Mouth Studio in New Orleans aufgenommen. Sieben dieser Kompositionen sind nun auf „Henry“ zu finden, dem vor kurzem erschienenen neuen Album der Saxophonistin, auf dem sie zusammen mit Jon Ramm (Posaune), Steven Glenn (Sousafon) und Paul Thibodeaux (Schlagzeug) den New Orleans-Jazz neu aufleben lässt.

Nicole Johänntgen hat ihre Mitmusiker, die allesamt in New Orleans leben, über gemeinsame Bekannte kennengelernt. Zum Zusammenspiel mit dem Sousaphon inspirierte sie der amerikanische Saxophonist Arthur Blythe, der in den 90ern mit Tuba, Conga und Cello auf sich aufmerksam machte. Eine weitere Inspirationsquelle ist Vater Heinrich „Henry“ Johänntgen; der zu ihren Schulzeiten in den frühen Morgenstunden die Posaune als Weckruf spielte, dass es Zeit sei aufzustehen. Das Album ist also auch eine Hommage an ihre Familie.

„Henry“ kommt mit einem mitreißenden Klangbild daher, der fulminante und legendäre „Second Line“-Schlagzeug-Groove von New Orleans trifft auf das pumpende Sousafon, die den Bassbereich bedient und den harmonischen Boden legt für feurige Improvisationen zwischen Posaune und Saxophon. Und um eine alte „Weisheit“ zu bemühen: „das ist der Rhythmus, wo jeder mit muss“. Anspieltipps: „The Kids From New Orleans“ und „Take The Steam Train“.

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KW 29 - Kenny Clarke & Francy Boland Big Band / All Smiles (MPS)

Ohne jemals Zugeständnisse an den Zeitgeist zu machen, wurde The Kenny Clarke Francy Boland Big Band über ein Jahrzehnt lang zum Synonym für zeitlose Jazzorchester-Kunst und lieferte den Beweis, dass der Jazz mit Musikern von beiden Seiten des Atlantiks zu besonderen Höhenflügen ansetzen kann. Das sicherlich wichtigste, bikontinental besetzte Orchester spielte 15 LPs ein, davon rund die Hälfte auf MPS und SABA.

„All Smiles“ fängt The Kenny Clarke Francy Boland Big Band im Mai 1968 auf einem der Höhepunkte ihres intensiven Schaffens ein. Und sie zeigt, was unter dem geflügelten Wort zu verstehen ist, mit dem das US-Europäische Unternehmen oft belegt wurde – nämlich dass es die "traditionellsten zeitgenössischen Arrangements" spielte.

Unter den Solisten, die in den 10 Stücken immer wieder mit Kurzporträts hervorstoßen, sind unter anderem die Trompeter Benny Bailey und Idrees Sulieman, am Saxophon Johnny Griffin und Ronnie Scott, und als besonderer Gast der siebzehn Mann starken Combo auch der Vibraphonist Dave Pike. 

Vom leichtfüßigen Walzer „I‘m All Smiles“ über das bluesige Kabinettstückchen „By Strauss“ und das sinnliche Thema der Gloria geht die Reise bis zum furiosen Rausschmeißer „High School Cadets“. Abwechslungsreiche Detailarbeit statt massiver Gesamtklang: The Kenny Clarke Francy Boland Big Band gelang es, die große Orchestertradition gegen alle Modeströmungen erfindungsreich hochzuhalten. 

„Die neu arrangierten Jazz-Klassiker belegen, dass die Entertainment- Welt amerikanischer Prägung im Europa des Jahres 1969 ihre Attraktivität bei den Big Bands noch nicht verloren hatte und immer noch ernst genommen wurde.“ (Jazzthetik 7/2017). Nun ist die längst vergriffene legendäre Aufnahme aus dem Hause MPS vor kurzem wiederveröffentlicht worden und das ist auch gut so! Anspieltipps: „Get Out Of Town“ und „When Your Lover Has Gone“.

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KW 23 - Accordion Affairs / Elle (Jazzsick Records)

Unter den Instrumenten des Jazz firmiert das Akkordeon sicherlich nicht an dominanter Stelle – trotz Richard Galliano oder etwa dem Vertreter der jüngeren Generation von virtuosen Jazzmusikern auf dem Instrument, Vincent Peirani.

Im deutschsprachigen Raum hat das Handzuginstrument eher weniger Tradition als etwa im französischen oder italienischen. Umso überrascht „Elle“, das neue Album des Trios Accordion Affairs, das mit einer stilistischen Vielfalt jenseits des Musette- oder Bandoneons-Klischees daherkommt. Jörg Siebenhaar (acc, p), Konstantin Wienstroer (b) und Peter Baumgärtner (dr) präsentieren hier spannende Musik im lebendigen Dialog dreier exzellente Musiker.

Beim beschwingten Opener „Vas-Y“ mit eingängiger Melodie und Latin-Rhythmus hört man noch einen vierten, wie auf allen anderen Stücken: einen Pianisten. Das Rätsel löst sich, wenn man weiß, dass Jörg Siebenhaar auch den Flügel bedient, ja, in der Regel synchron mit dem Akkordeon.

Für Siebenhaar ist dieses instrumentelle Multitasking nicht nur kein Problem, sondern die CD sprüht geradezu von multistilistischen und solistischen Einfällen, die dem raffinierten Einsatz aller Instrumente geschuldet sind. Nada entführt den Zuhörer mit einer Tango-Melancholie in die Klangwelt Argentiniens.

Ein Stilelement von Accordian Affairs wird hier exemplarisch für die gesamte CD deutlich: mit Melodie, Begleitstimme und Soli wechselt der jeweilige Instrumenteneinsatz. Konstantin Wienstroer erweist sich als großer Melodiker, wenn sein Kontrabass über die rhythmische Begleitung hinaus zu wunderschön summend-singenden Linien ansetzt, meist nur von wenigen Klavierakkorden und einem wohltuend zurückhaltenden Schlagzeug begleitet - ein Solospiel, das wiederum anschließend dem virtuosen Akkordeon Raum lässt.

Das Knappengebet – ein „Klassiker“ aus dem Repertoire der Bergarbeiterchöre - wird zunächst kinderliedartig im Ein-Finger-System auf dem Piano eingeführt, um in eine anrührende komplexe Instrumentalversion des Trios übersetzt zu werden. Ähnlich liedhaft die Komposition Crusade von Jörg Siebenhaar, bei der der Kirchenorgelklang des Akkordeons dominiert, bis das Schlagzeug zu einer variierenden Durchführung mit allen Instrumenten und einem wunderbaren Solo auf dem gestrichenen Bass einleitet, das zu einem temperamentvollen Tutti übergeht.

Mit „Elle“ hat Accordion Affairs eine Platte eingespielt, die mit ihrer heiter-melancholischen Grundstimmung nicht nur die Liebhaber von Akkordeon-Musik begeistern wird; auch Hörer, die bisher mit dem „Schifferklavier“ nicht allzu viel anzufangen wussten, dürften hier neu für dieses Instrument gewonnen werden. Anspieltipps: „Don Quixote“ und „Crusade“.


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Tagestipps 15.07.

Die Frühstückswelle (9-12 Uhr) mit Andreas Last und Musik u. a. von Luluc, Dawes, Johnny Marr, Joe Strummer, Olivia Chaney, Leroy Hutson und King Crimson.

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Pandora Spezial (12 Uhr) und die Lesezeit (13 Uhr) tun sich heute zusammen, um rund um den Fußball zu "philosophieren" - fanatische Anhänger des Rasensports haben möglicherweise das Nachsehen, da unser Angebot vorwiegend für humorvolle Leute mit einer Vorliebe für alle Perspektiven der Satire gedacht ist.

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Die Jazztangente (14 Uhr) mit Gerd Brandt und Musik u.a. von der NDR Bigband, den Swinging Sisters, Viktoria Tolstoy, Dieter Ilg.

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Für World-Beat (15 Uhr) hat Gaby Reif  Musik von Sandrine Kiberlain, Calexico, Cayetano, Lhasa, Gianmaria Testa, Uxia, Rupa & The April Fishes ausgewählt.

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Blickpunkt Glaube (16 Uhr) mit der 3. Folge des „Sommerkollegs“: Die römisch-katholische Theologin Dr. Dorothea Sattler mit einem Vortrag zum Thema "Eucharistie – ein Mahl der Versöhnung!“.

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Zimmerservice (23 Uhr): Soundschwester Claudia Sonntag über "Coolness und Contenance". Sprüche, Zitate und Infos über den ganz menschlichen Versuch, die Fassung zu bewahren mit Musik aus Elektro, Swing, Tango Argentino und Jazz. (Wdh. vmn Fr.)

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