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KW 08 - Dan Billu / Speech Bubbles (IMU Records)

Dan Billu ist ein 34 Jahre alter Singer-Songwriter, Komponist und Produzent aus Tel Aviv, der seit dem Jahr 2013 in Berlin lebt. Nach vielen erfolgreichen Jahren in der israelischen Musikszene, erschien Anfang 2012 sein erstes selbstproduziertes und fast komplett alleine eingespieltes Soloalbum „New Haircut“ in Israel und erhielt sehr gute Besprechungen in der Presse. 

Die Songs für sein neues Album „Speech Bubbles“ hat Dan Billu zwar alle noch in Israel geschrieben und erste Aufnahmen für die Songs dort gemacht, entschied sich aber dann für einen geographischen wie auch mentalen Ortswechsel, um neue und innovative Sounds zu erkunden und neue Inspirationen in seine Musik einfließen zu lassen.

In diesem Ortswechsel drückte sich auch sein immer weiter gewachsenes Interesse an elektronischer Musik aus, das sich auf dem neuen Album anhand elektronischer Basslinien, Synths und Beats zeigt, die zu den üppigen akustischen Orchesterarrangements hinzu kommen. Klassische Einflüsse kombinieren sich mit elektronischen Elementen, Billus sehr persönlichem Songwriting und seiner ausdrucksstarken Stimme.

Ein weiterer und bestimmender Grund, nach Berlin zu gehen war allerdings persönlicher Natur. Dan Billus Familie stammt ursprünglich aus Deutschland und viele Familienmitglieder verloren im Holocaust ihr Leben. So fiel es ihm nicht leicht, seinen nach Israel emigrierten Großeltern zu erklären, warum er sich ausgerechnet für Berlin entschieden hatte.

Dort angekommen, begann Billu mit seinem Ko-Produzenten Eran Alpern im Prinzip noch einmal ganz von vorne mit der Arbeit am Album. Noch bevor die Aufnahmen des ersten Songs begannen, sprachen die beiden Stunden, Tage und Wochen über Musik und kamen über diese Zeit zu einem Übereinkommen, wohin das Album gehen sollte.

Nach ein paar Monaten wiederum entschied sich Eran Alpern, nach Israel zurückzukehren, so dass die Arbeit an Speech Bubbles über E-Mail und dann in sehr konzentrierten langen Aufnahmesessions während Dan Billus Kurztrips nach Israel stattfand. In den Pausen nach seinen Besuchen kristallisierten sich die Ideen klarer heraus und veränderten sich dadurch immer wieder.

Das neue Album unterscheidet sich stark vom Debüt „New Haircut“, mit dem Dan Billu eine sehr persönliche Geschichte erzählt, während auf „Speech Bubbles“ Geschichten über Menschen im Mittelpunkt stehen, auch universelle Dinge, die den Songwriter interessieren und die er aus seiner Sicht schildert.

Der Albumtitel entstammt der Comic- und Straßenkunst und bezieht sich auf die vielen Plattformen und Werkzeuge wie z.B. soziale Netzwerke, die ein normaler Mensch heutzutage nutzt. Billu empfindet sie alle als Sprechblasen, die wir mit Wörtern, Photos und was auch immer wir ausdrücken möchten, beständig füllen müssen.

Im Gegensatz zu dieser eher hektischen „Anderwelt“ bewegt sich Dan Billu mit seiner Musik im völlig entschleunigten Raum, seine Songs schleichen sich gewissermaßen heimlich in die Gehörgänge und von dort direkt ins limbische System, die Hörer in eine entspannte, fast meditative Verfassung versetzend. Nicht unbedingt „Hintergrundmusik“, aber auch da „funktionieren“ diese ganz besonderen „Speech Bubbles“.  Anspieltipps: „Improve.Self“ und „Fwyl & Liky“.

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KW 07 - Tokunbo / The Swan (Yoruba Records)

15 erfolgreiche Jahre mit Tok Tok Tok, begeisterte bis euphorische Kritiken, Konzerte weltweit, mehrfache Gewinner des German Jazz Award, Preisträger des renommierten französischen Grand Prix Sacem und, und, und… so was nennt man dann wohl eine Erfolgsgeschichte, die so unendlich weiter gehen kann. Dann aber für die Fans völlig überraschend der Split im besten Einvernehmen; „Morten (Klein) und ich haben in diesen 15 Jahren all das „auserzählt“ was künstlerisch zu erzählen war“ so Sängerin und Songschreiberin Tokunbo (Akinroh) im Gespräch.

Die Tochter eines  Nigerianers und einer Deutschen fiel allerdings nicht - wie man hätte vermuten können - in eine Art künstlerisches „Loch“. Vielmehr startete sie ihr Solo-Projekt Tokunbo, Songs dafür hatte sie schon reichlich in der Schublade, und mit Hilfe von Crowdfunding ist dann ihr Solo-Debüt „Queendom Come“  Anfang 2014 erschienen, von der Kritik hochgelobt:

,,Mit ihrer angenehm sanften Stimme wagt sie sich sehr geschickt an Motownsoul, Sixtiespop, Akustikblues, Beatleskes, Afroballaden und "Folk Noir" heran." (Stereo, 3/2014) oder „(…) prächtig der Sound, der die einzelnen Instrumente transparent und in jeweils individueller Dynamik abbildet." (Audio, 3/2014), das Magazin Good Times schreibt in seine März/April-Ausgabe 2014 u.a. „…erschaffen die Produzenten Ulrich Rode und Matthias Meusel ein lässig klingendes Laidback-Feeling, das ebenso gut zum spätmorgendlichen Frühlings-Brunch wie zur abendlichen Lounge passt“, nur drei der vielen positiven Kritiken zu „Queendom Come“.

So viel Lob für das Solo-Debüt von Tokunbo legt die Messlatte für das Nachfolge-Album natürlich ganz schön hoch, eine große künstlerische Herausforderung für alle Beteiligten, an der so mancher Künstler in der Vergangenheit auch schon mal gescheitert ist – nicht so das, wenn man so will, „Projekt“ Tokunbo.

„The Swan“ ist ein Album, das mit neuen Facetten das fortsetzt, was sich auf „Queendom Come“ schon angedeutet hatte; das Songwriting noch ausgefeilter, die Musik noch transparenter, eine heiter-melancholische Klangwelt präsentierend, die den Zuhörenden unwillkürlich ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Tokunbo und ihren großartigen Musikern – Ulrich Rode (g, keys), Christian Flohr (b), Matthias „Maze“ Meusel (dr, perc), Anne de Wolf (strings, tromb, vibe) – gelingt es, um im Bild zu bleiben, die Messlatte mit wunderbarer Leichtigkeit (fast schwebend) zu überfliegen. Und dass die Klangqualität exzellent ist (Mix & Mastering im Übrigen von Max Ebermann) versteht sich bei der künstlerischen Vergangenheit von Tokunbo von selbst -

„The Swan“ ist uneingeschränkt zu empfehlen, es würde den Rezensenten schon sehr wundern, wäre es am Jahresende in den beliebten „Jahrescharts“ nicht auf einem der vorderen Plätze zu finden. Anspieltipps: Outer Space“ und “White Noise“ – ach was: sich die Zeit nehmen, „The Swan“ komplett anhören und aller Stress des Tages verflüchtigt sich. Noch ein Tipp: Hören über (gute) Kopfhörer bringt noch einen Touch mehr Hörgenuss.

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KW 06 - Till Brönner & Dieter Ilg / Nightfall (Masterworks)

Es gibt musikalische Konstellationen, die so naheliegend sind, dass sich die Frage aufdrängt, warum sie nicht schon lange Wirklichkeit geworden sind. Und wenn sie dann endlich doch ins Licht der Öffentlichkeit treten, erscheinen sie uns so vertraut, als würden wir sie bereits seit Jahrzehnten kennen.

Eine dieser Konstellationen ist das Duo des Trompeters Till Brönner und des Bassisten Dieter Ilg. Sie sind – so abgedroschen dieser Begriff klingen mag – im wahrsten Sinne des Wortes Geistesverwandte, die auf ihren sehr gegensätzlichen Instrumenten oft das Gleiche wollen, auch wenn sie es auf recht unterschiedliche Weise ausdrücken, womit sie sich wiederum hervorragend ergänzen. Zu hören ist diese Osmose nun auf ihrem ersten gemeinsamen Album „Nightfall“.

Beide Musiker gehören seit langer Zeit zu den Protagonisten des deutschen und europäischen Jazz. Brönner hat in unterschiedlichsten Besetzungen Alben aufgenommen, war als Produzent für Künstler wie Filmdiva Hildegard Knef oder Bariton Thomas Quasthoff aktiv, setzte sich live spontanen Situationen mit Freejazzern wie Günther Baby Sommer oder Christian Lillinger aus und spielte auf persönliche Einladung von Barack Obama im Weißen Haus.

Ilg entdeckte in den 1990er Jahren das deutsche Volkslied für den Jazz, stärkte mit seiner sonoren, besonnenen, aber immer ungemein offenen Art Musikern wie Randy Brecker, Charlie Mariano oder Nguyen Le den Rücken und war Mitglied im legendären Quintett von Albert Mangelsdorff und Wolfgang Dauner. Wenn Ilg und Brönner sich treffen, kommt einiges an Jazzgeschichte und -geschichten zusammen, aber auch jede Menge Zukunft. 

Denn bei allem persönlichen Renommee verfallen die Beiden zu keinem Zeitpunkt der Attitüde zweier Superstars auf einem Gipfeltreffen. Sie sind zwei Musiker, die sich immer viel zu erzählen haben. Deshalb haben sie sich Zeit gelassen, bis sie ins Studio gingen, und sie lassen sich auch beim Spielen Zeit. Eine gute Geschichte will sich entfalten dürfen und atmen. Sie will erzählt, mit Leben ausgefüllt, aber auch gehört sein.

Brönner und Ilg hetzen nicht von einem spielerischen Höhepunkt zum anderen, sondern lassen ihre Storys kommen. Wichtig ist ihnen vor allem, was sie zu sagen haben und wie sie es sagen. Statt auf Leadstimme und Begleitung setzen sie zu jedem Zeitpunkt auf einen ausgewogenen Dialog auf Augenhöhe. Die Natur der Instrumente bringt es mit sich, dass Brönners Part vielleicht ein wenig wendiger und geschmeidiger ist und Ilg sich dafür mit mehr Wucht eingibt. Aber jeder Ton hat Gewicht, steht ganz für sich und ist zugleich Spiegelbild des jeweils anderen. 

Die Auswahl der Stücke ist ein Beleg dafür, dass die Musiker sich auf keine Zuordnung oder Kategorisierung festlegen wollen. Songs von Leonard Cohen, den Beatles und Britney Spears, Stücke von Jerome Kern, Johnny Green und Ornette Coleman, Kompositionen von Johann Sebastian Bach und Melchior Vulpius, aber auch einige Eigenschöpfungen von Ilg und Brönner belegen eine fast beispiellose Bandbreite der Intentionen und Einflüsse.

In jedem dieser Songs finden die beiden Partner neue Perspektiven. Soli im klassischen Sinne des Jazz gibt es nicht. Wie in jedem guten Gespräch, das sich auf natürliche Weise entfaltet, liegt die Argumentation mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Anspieltipps: „Air“ und „Peng! Peng!“.

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KW 05 - Holler My Dear / Steady As She Goes (Traumton)

Schon der erste Song des neuen Albums macht klar, wohin Holler My Dears musikalische Reise diesmal geht: „Steady As She Goes“ signalisiert Zuversicht, Mut und Bewegung. Die multinationale Band aus Berlin weiß: Wenn die Schatten auf der Welt länger werden, hilft kein Lamentieren, sondern optimistische Entschlossenheit.

Entsprechend klingt die Musik wie ein Soundtrack zum selbstbewussten Aufbruch, zum couragierten Schwimmen gegen den Strom. Natürlich gibt es auch nachdenkliche Momente und ruhige Balladen. Insgesamt überwiegt aber die Lust, fröhlich aus der Reihe zu tanzen.

Wunderbare Melodiebögen, Ohrwurm taugliche Hooklinesund infizierende Grooves werden von der mitreißenden, zwischen Soul, Pop und Jazz changierenden Stimme Laura Winklers gekrönt. Sie vermitteln gut gelaunten Widerstand, vertreiben Tristesse mit hintergründigem Witz und strahlen eine Leichtigkeit aus, die nie leichtfertig wird. Untrennbar damit verbunden sind kluge Songtexte, die Reflexionen über den Lauf der Welt in direkte, gewitzte oder poetische Worte fassen. 

Die Internationalität des Sounds liegt in den Genen des Sextetts. Laura Winkler, 1988 in Graz geboren, studierte an der dortigen Hochschule Gesang und Komposition und zog im September 2011 nach Berlin. Schlagzeugerin Elena Shams und Akkordeonist Valentin Butt kamen schon einige Jahre davor unabhängig voneinander aus Russland in die deutsche Hauptstadt. Bassist Lucas Dietrich war ursprünglich im Vorarlberg zuhause und lebte drei Jahre in Paris, Trompeter Stephen Molchanski spielte zuvor in London mit einer Hiphop-Band und beim Alternative Dubstep Orchestra.

Den kürzesten Weg nach Berlin hatte der Brandenburger Fabian Koppri. Im Winter 2011/12 fand sich die Band zusammen. Zuletzt kam mit dem Singer/Songwriter Ben Barritt ein weiterer Brite hinzu, der hin und wieder live mitspielt und nun auch bei der Produktion des neuen Albums Akzente setzte.

Alle Persönlichkeiten bringen ihre unterschiedlichen musikalischen Hintergründe ein. Molchanskis Trompete klingt nach New Orleans-Jazz oder Vaudeville-Trunkenheit, dazu rappt er gekonnt ironisch. Das Akkordeon weckt Balkan- oder französische Musette-Erinnerungen, Elena Shams trommelt mit hörbarem Spaß Disco-Beats und lässt ihr Faible für kleinteilige, verspielte Figuren erkennen. Barritt ist als erklärter Steely Dan-Fan Spezialist für zweite Stimmen und fokussierte Einsätze, etwa markante Funk- und andere Gitarrenriffs. 

Über allem schwebt, als Kraft- und Gravitationszentrum, Laura Winklers famoser Gesang. Lebendig wie eh und je, in bestimmten Farben noch souveräner, reicht ihr Spektrum von leicht verträumten, atmosphärischen Momenten bis zu Gospel ähnlicher Expressivität. Mit „Steady As She Goes“ ist Holler My Dear ein wunderbares Album gelungen, auf dem Leichtigkeit und Tiefgang, Leidenschaft und Grandezza wahre Höhenflüge unternehmen. Anspieltipps: „Scintillating Lady“ und „Zwischen den Städten“.

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KW 04 - Augur Ensemble / Gästezimmer (NORCD)

Ein Augur war im antiken Rom sehr angesehen und sehr gut bezahlt. Seine Aufgabe war es, die Zukunft vorherzusagen, indem er die Vögel beobachtete, ihren Flug und ihr Geschrei interpretierte, sie sogar sezierte, um aus den Eingeweiden den Willen der Götter zu verkünden.

Das Augur Ensemble behauptet nun nicht, die Zukunft aus Flugverhalten und Tiereingeweiden voraussehen zu können - es konzentriert sich lieber auf eine andere Weise der Vorsehung: Sich dem Unbekannten zuwenden, indem man krumme Melodien und verdrehte Rhythmen spielt und dadurch unberechenbare Klanglandschaften kreiert

Das Ensemble besteht aus jungen aufstrebenden Musikern aus der Schweiz (Piansit Fabian M. Mueller, Bassist Kaspar von Grünigen), Norwegen (Trompeter Erik Dørsdal) und Schweden (Cellistin/Sängerin Anni Elif Egecioglu, Drummer Jon Fält) und konzentriert sich auf die Arbeit als Kollektiv mit Open-Source-Kompositionen und deren Bearbeitungen mit einem Impro-Ansatz.

Mit „Gästezimmer“ erscheint nun ihr zweites Album, dessen Musik  schwerelos im Raum zu schweben scheint - die Akkorde klingen geisterhaft, der Groove bleibt unberechenbar und die Melodie hängt leicht schief. Der variantenreiche Klang ist Dreh- und Angelpunkt des Kreationsprozesses. Von vierstimmigen Parts mit perkussivem Untergrund bis hin zu flirrenden Geräuschkulissen ist alles möglich.

Das Wort Kammermusik beschreibt in erster Linie das dynamische Spektrum – das ganz große Gepolter ist von diesem Quintett nicht zu erwarten, sondern eine sehr vielschichtige und fein abgestufte Dynamik, die sich in einem mittelgroßen Raum besonders gut entfaltet.

Das Augur Ensemble greift auf eine alte Art des Musizierens zurück: Komponieren, Arrangieren und Improvisieren werden als gleichberechtigte gestalterische Mittel behandelt. Das vorhandene Material wird umgedeutet, besprochen, verworfen oder konkretisiert, wobei gleichzeitig improvisatorische Freiräume geöffnet werden, um auf der Bühne ein möglichst lebendiges Stück Musik präsentieren zu können. Anspieltipps: "Orbis" und "Le Concierge".

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KW 03 - Toto Bona Lokua / Bondeka (No Format!)

Da man magische Momente nicht beliebig reproduzieren kann, macht das Warten auf „Wiedervorlage“ wenig Sinn; diese Momente gibt es nicht im Dutzend billiger, manche warten ihr ganzes Leben darauf. Wenn ein solcher Moment sich (ähnlich) wiederholen sollte, dann ohnehin nur sich (fast) nur beiläufig ergebend.

So verhält es sich auch mit „Bondeko“ dem neuen Album des französischen Multiinstrumentalisten Gerald Toto, des kamerunischen Bassisten, Gitarristen und Sängers Richard Bona und des kongolesischen Singer/Songwriters Lokua Kanza, das nun fast 14 Jahre nach  „Totobonalokua“ erschienen ist, dem letzten gemeinsamen Album der drei Ausnahmemusiker.

„Totobonalokua“ markierte seinerzeit einen Wendepunkt, überschritt Grenzen und Traditionen, vermischte Sprachen und Kulturen, um ein zugleich zeitloses wie auch äußerst zeitgenössisches musikalisches Porträt über die Vielfalt der afrikanischen Diaspora zu erschaffen.

Und obwohl es verführerisch gewesen sein dürfte, den Erfolg des Albums mit einem schnell hinterher geschobenen Nachfolger zu wiederholen, gingen alle drei Musiker lieber ihren jeweiligen Solokarrieren nach und so stand es lange Jahre als eine zwar gefeierte aber einmalige Zusammenarbeit zu einem sehr speziellen Zeitpunkt da.

Über all die Jahre hinweg wurden alle drei immer wieder gefragt, ob sie sich nicht doch noch einmal für ein gemeinsames neues Album zusammenfinden würden – offenbar aber war aber die Zeit, mal abgesehen von den vollen Terminkalender, noch nicht gekommen. Toto, Bona und Kenza blieben aber immer in Verbindung miteinander, so wie es Musiker eben tun.

Es war Gerald Toto, der fand, dass es nun an der Zeit wäre und die Idee eines neuen gemeinsamen Albums Richard Bona und Lokua Kanza unterbreitete, die gerne zusagten. Die Umsetzung gestaltete sich dann gar nicht so einfach, war es doch eine logistische Herausforderung, einen freien Zeitrahmen für die drei vielbeschäftigten Musiker zu finden; glücklicherweise klappte es dann doch, für die Aufnahmen von „Bondeko“ zusammenzukommen.

Und wie schon das Vorgängeralbum wurde „Bondeko“ vom No Format!-Labelgründer Laurent Bizo produziert. Es ist ein sowohl verspieltes wie auch hintergründiges Album, virtuos, aber spontan, künstlerisch, aber nicht künstlich.

Sinnliche Melodien und flüssige, schwungvolle Rhythmen überlagern sich wie Wurzeln und drei unverwechselbare musikalische Persönlichkeiten werden zu einer, ihre Stimmen verwachsen dabei so wunderbar miteinander - eine Dreieinigkeit von Stimmen, vielfältig und doch mit einer gemeinsamen Vision: Freundschaft. Brüderlichkeit, wie man „Bondeko“, den aus der kongolesischen Sprache Lingala stammenden Begriff übersetzen kann. Anspieltipps: „Bukavu“ und „Je Kango“.

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KW 02 - Monika Hoffman / Let's Run Away (Isolde Records)

Die in Malmö lebende Sängerin Monika Hoffman hat eine bewegte musikalische Reise hinter sich. Geografisch ist sie dabei in den USA, in Ungarn und Kanada vor Anker gegangen, musikalisch bewegt sie sich zwischen Klassik, Latin Jazz und Pop. Auf ihrem Debütalbum „Let‘s Run Away“ zeigt sie die breite Farbpalette lateinamerikanischer Musik. 

Monika Hoffman, die aus einer Musikerfamilie mit ungarisch-deutschen Wurzeln stammt, geht mit diesem bunten Erbe sehr bewusst um. Ihre Songs schreibt sie in Englisch, Schwedisch und Ungarisch: „Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, sein Erbe zu bewahren. Ungarisch ist eine unglaublich schöne Sprache, die vor allem in Balladen gut zur Geltung kommt. Schwedisch ist meine Muttersprache und Englisch ist mir sehr vertraut, weil mein Vater in L. A. aufgewachsen ist. Ich versuche, mich sprachlich nicht selbst einzuengen.“ 

Sie studierte am Berklee College of Music in Boston, wo sie mit Legenden wie Michael Brecker and Charlie Hayden auftreten konnte. Ihr Talent wurde aber auch in Schweden erkannt, wo sie Stipendien der Sandviken Big Band und bei Jazz Under Stjärnorna (Jazz unter sternenklarem Himmel) in Brantevik erhielt. 

Alle Songs auf Let‘s Run Away sind aus Monika Hoffman’s Feder, mit Ausnahme des Latin Klassikers „Perhaps, Perhaps, Perhaps“ und des traditionellen schwedischen Sommerwendeliedes „Visa Vid Midsommartid“. An einigen der Eigenkompositionen hat Monikas Schwester Erika Hoffman als Co-Autorin mitgewirkt. „Shooting Star“ und „Everytime You’re Near“ waren von Anfang an als Latin angelegt, aber die meisten Kompositionen, insbesondere „Show Me“ und „Through With You“, haben auch einen deutlichen Pop Touch. 

Monikas Liebe zum Latin Jazz hat sich während ihres Studiums in Berklee noch verstärkt. Sie lernte dort die Professoren Oscar Stagnaro (b) und Mark Walker (dr) kennen, beide langjährige Mitglieder in der Band des legendären und mehrfachen Grammy Preisträgers Paquito D’Rivera, und beide auch auf „Let’s Rub Away“ zu hören,  Oscar Stagnaro hat zudem alle Songs auf dem Album produziert und arrangiert. Außerdem mit dabei: Pianist Tim Ray (Aretha Franklin, Soul Asylum und Tony Bennett) und Percussionist Paulo Stagnaro (Paquito D’Rivera, Ricky Martin). Paquito D’Rivera selbst ist als Gast in zwei Nummern vertreten. 

„Let’s Run Away“ schleicht sich auf durchaus angenehme Weise in die Gehörgänge, um dort auch für längere Zeit zu verweilen, den/die Hörer/in in nachhaltig entspannte, heiter-melancholische Stimmung versetzend. Anspieltipps: „Shooting Star“ und „Through With You“.

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KW 01 - Hanne Boel / Unplugged 2017 (Sundance Records)

Seit Hanne Boel mit ihrem zweiten Solo-Album „Dark Passion“ (1990) der künstlerische und kommerzielle Durchbruch gelang, hat die dänische Sängerin bis heute nicht weniger als 20 Aufnahmen veröffentlicht und eine ganze Reihe von Preisen und Auszeichnungen gewonnen. Nachdem sie sich in den letzten Jahren mehr ihrer Tätigkeit als Professorin und Konrektorin am Kopenhagener Konservatorium gewidmet hat, soll nun die „Musikpraxis“ in der Vordergrund treten.

"Ich habe mich gerade verliebt, oder vielleicht meine Liebe neu entfacht. Ich bin glücklich, wiederdas zu tun, was ich wirklich liebe, nämlich mit großartigen Musikern zusammen für ein Publikum zu spielen, das ein schönes Konzert erleben will und vielleicht auch ein bisschen nachdenken möchte“, so Hanne Boel, der das mit „Unplugged 2017“ nahezu perfekt gelungen ist.

Mit dem neuen Album glänzt sie mit ihrem regelmäßigen akustischen Trio - den Gitarristen Jens Runge und Jacob Funch - in einem eher seltenen musikalischen Setup, ergänzt durch Anders Bach am Keyboard, Jacob Andersen am Schlagzeug und das Streichquartett LiveStrings.

Das Material für „Unplugged 2017“ ist während der Konzerte im „Musikkens Hus“ in Ålborg und dem „Koncertsalen“ in Kopenhagen am 11. bzw. 12. Februar 2017 aufgenommen worden, mit völlig neuen Versionen von Songs aus ihrem umfangreichen Backkatalog, darunter "Don't Know Much About Love", "Black Wolf" oder auch "Starting All Over Again" und einer Sängerin in absoluter Hochform.

Und wenn dann der Tontechniker zwei „Sahnetage“ erwischt hat (mitunter erinnert die Tonqualität an Kunstkopf-Aufnahmen), dann ist es durchaus nicht unangemessen zu behaupten, Hanne Boel und allen Beteiligten ist mit  „Unplugged 2017“ ein kleines Meisterwerk gelungen – vom luftig-leicht daherkommenden Trio-Setup bis zur großen Pop-Hymne mit Keyboard und Streichern.

Anspieltipps: „You Kept Me Waiting“ und die (sensationelle) fast 12-minütige neue Version von „Black Wolf“, dem Titelsong ihres Debütalbums aus 1988.

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KW 51 - Van Morrison / Versatile (Caroline Records)

Natürlich ist auf einem Album, auf dem Van Morrison drauf steht, auch Van Morrison drin – dennoch ist der Titel des neuen Werks des großen nordirischen Grantlers perfekt gewählt und beschreibt dessen künstlerische Schaffen mit einem Wort – bei aller individuellen Wiederkennbarkeit eben auch immer mal wieder mit anderen Facetten aufwartend.

Keine drei Monate ist es her, dass Van Morrison mit "Roll With The Punches" den Größen des Blues huldigte und nebenher seiner eigenen Diskographie das nächste qualitative und kommerzielle Highlight hinzufügte. Doch statt zunächst kräftig durchzuatmen und sich Zeit für ein entspanntes altersgemäßes „Dasein“ zu nehmen, betritt der Nordire gleich die nächste musikalische Bühne.

Diesmal auf der persönlichen Gästeliste: Frank SinatraChet BakerTony Bennett und viele mehr, deren Songs oder Interpretationen heute zum Kulturschatz des großen amerikanischen Songbüchleins gehören. Dass Van Morrison trotz der kurzen Pause zwischen den Alben nicht minder ambitioniert vorgeht, lässt sich auf den Beginn seiner musikalischen Laufbahn zurückführen. Der Jazz, so Morrison, habe ihn in jungen Jahren erst zum Singen motiviert.

Und tatsächlich, sein Alter ist dem ewigen Grantler gar nicht anzumerken. Die Songs klingen frisch, und der Spaß während der Aufnahmen ist der - im Übrigen großartigen - Band deutlich hörbar anzumerken. Auch der Chef selbst zeigt sich in Höchstform: Die einzelnen Arrangements verlangen ihm als Sänger alles ab, eine Aufgabe, die er wie nicht anders zu erwarten souverän löst.

Mit „Versatile“ knüpft Van Morrison an die Strategie des Vorgängers an: Etabliertes und auch Eigenes geht ineinander über. "Broken Record", der einzige aus der Feder des Meisters stammende Song, ist dabei der swingende Einstieg in "Versatile", in dem es um eine nicht enden wollende Party geht. Die Vorbereitung auf den musikalischen Ruhestand klingt jedenfalls anders.

Van Morrison erweist sich als Interpret von Klassikers wie "Makin' Whoopee", Cole Porters "I Get A Kick Out Of You" und "I Left My Heart In San Francisco" als begnadeter Sänger. Ganz groß trumpft er auch noch einmal am Ende des Albums mit seiner Version von George und Ira Gershwins "They Can't Take That Away From Me" auf - eindringlicher kann man als Musiker einen solchen Song  kaum interpretieren.

Mit "Versatile" liefert Van Morrison das zweite herausragende Album innerhalb von nur drei Monaten ab. Eine mehr als respektable Leistung – ein „echter Morrison eben. Anspieltipps: „A Foggy Day“ und "I Left My Heart In San Francisco".

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KW 50 - Ralf Gustke / Flying Days (Mochemusic)

Ralf Gustke gehört zu den stilprägenden und zugleich stilistisch vielseitigsten Schlagzeugern Deutschlands. Er versteht es wie kaum ein anderer, unterschiedlichste Grooves zwar äußerst komplex und virtuos, dabei jedoch stets dezent und geschmackvoll zu interpretieren - technisches Können ist für Gustke immer nur Mittel zum Zweck. 

Und hinter seiner filigranen Arbeit am Instrument entdeckt man weitere Eigenschaften an Guskte, mit denen er den uralten Kalauer „Zutritt nur für Musiker und Schlagzeuger“ eindrucksvoll widerlegt: ein leidenschaftliches Gespür für die Musik als Ganzes sowie die Fähigkeit, zuzuhören und mit dem Schlagzeug nicht lediglich Rhythmik vorzugeben, sondern tatsächlich Musik zu machen.

Mit „Flying Days“ legt der in Mannheim lebende Schlagzeuger nun sein Debütalbum vor. Seit Jahrzehnten mit internationalen Stars auf den größten Bühnen unterwegs, auf weit mehr als 150 Tonträgern und DVDs vertreten, Protagonist zahlreicher Drummer-Lehrvideos, gefragter Musical Director in großen Produktionen - er arbeitete u.a. mit Chaka Khan, Wolf Maahn, Edo Zanki, Gianna Nannini, Georg Danzer, Nena, Schiller, Daniel Wirtz, Söhne Mannheims und Xavier Naidoo. Und dennoch bis vor kurzem kein eigenes Soloalbum?

Das störte auch den Bassisten Claus Fischer, der Gustke mit dem Pianisten und Keyboarder Jesse Milliner zusammenbrachte. Mit Trompeter Joo Kraus zum Quartett erweitert, war eine Band geboren, bei der sich die Mitstreiter auf Anhieb blind verstanden. Nach ein paar Proben und in nur wenigen Tagen gemeinsam eingespielt, klingen die zehn Eigen-/Bandkompositionen auf „Flying Days“ wie aus einem Guss, wie es eben nur gelingt, wenn man nicht jahrelang daran herumproduziert.

Im Lauf der Jahre hatte der gebürtige Heidelberger aber immer schon Abstecher in andere Stilrichtungen gemacht und beispielsweise durch seine Zusammenarbeit mit Electric Outlet, De Phazz, Max Mutzke, Michael Schlierf, Kosho oder Adam Holzman demonstriert, dass er auch ein exzellenter Jazz- und Fusion-Drummer ist.

Mit „Flying Days“, seinem ersten „eigenen“ Album, legt Gustke nun den Sound auf den Tisch, der ihn und sein Spiel und seine Musikalität seit mehr als 30 Jahren geprägt hat: Groovige Songs à la Steely Dan, jazziger Fusion auf den Spuren von Billy Cobhams „Spectrum“ oder funkige Titel mit Beats, die an Herbie Hancocks „Headhunters“ und an John Scofield erinnern. Anspieltipps: „Indian Summer“ und „Apollo“.

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KW 49 - Paul Hankinson / Echoes Of A Winter Journey (Traumston)

Wenn der australische Pianist Paul Hankinson jene besonderen Schubert-Momente Revue passieren lässt, die sein rein instrumentales Solo-Piano-Album inspiriert haben, dann ist allen eines gemeinsam: Es sind keine musikalischen Nebenbei-Momente, sondern Miniaturen purer Emotion, die ab der ersten Sekunde ihrer Entfaltung ein beeindruckendes Eigenleben entwickeln. 

Auf „Echoes Of A Winter Journey“ hat Hankinson, der seit 2006 in Berlin lebt, 10 Schubert-Motive neu interpretiert. Intuitiv, aber in der Albumfassung dennoch nicht improvisiert – es sind bewusst definierte Stücke. Allerdings wurden nur zwei davon tatsächlich von Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ (1827) inspiriert. Den Albumtitel möchte der 41-Jährige auch eher verstanden wissen als „Einladung in die Stimmung der Platte (…) dieses Schubert-Gefühl, und insbesondere meine Erinnerungen an einige von Schuberts magischen Momenten. Irgendwie steckt in ihnen allen der Winter.“ 

Es ist das Feine, Filigrane, Fokussierte. Aber auch: das Vergängliche, Schneedeckenschwere, Kontemplative. Und dennoch haben die Stücke auf „Echoes Of A Winter Journey“ - spätestens im Nachklang und trotz aller Melancholie - immer etwas Hoffnungsvolles. Es ist zudem Musik, die alle die Nuancen der Stille zwischen den Tönen als gleichwertigen Teil des Stückes begreift und die Raum lässt für eigene Gedanken, Gefühle, Erinnerungen. 

Die Idee zu dem Konzept-Album entstand mitten im Alltag: „Ich war gerade im Supermarkt“, erzählt Hankinson, „und plötzlich hatte ich das Motiv von „Gretchen am Spinnrade“ im Kopf. Das rotierende Spinnrad als rhythmische Keimzelle – im Grunde ein Popsong! Schubert war 17, als er dieses geniale Stück schrieb. Ich ging nach Hause und erlaubte mir nicht, es anzuhören, sondern begann aus meiner Erinnerung heraus mit dem Motiv zu spielen, zu improvisieren.

Aufgenommen wurde „Echoes Of A Winter Journey“ von Wolfgang Loos im labeleigenen Studio in Berlin-Spandau, das in den 50er Jahren ein altehrwürdiger Ballsaal war und über eine brillante Akustik verfügt. Auch die musikalische Umsetzung wurde – genau wie die Stücke selbst – auf das Essentielle reduziert: Nur Hankinson und ein Steinway-Konzertflügel. In Symbiose. Die Aufnahmen dauerten lediglich zwei Tage, editiert wurde kaum. Denn es ging nicht um Perfektion, sondern um das beherzte Konservieren von Emotionen. Es ging darum, etwas zu erschaffen, das auch als Alltagsbegleiter funktioniert. Als meditative Oase der Ruhe.

„Echoes Of A Winter Journey“ ist das nahezu perfekte Album, das „Hamsterrad“ des oft so hektischen Alltags zum Stillstand zu bringen, für Augenblicke der Ruhe und Entspannung, lassen HörerInnen sich auf diese wunderbare Musik ein. . Anspieltipps: „ Augenblick“ und „Liebesglück“.

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KW 48 - Daniel Kahn & The Painted Bird / The Butcher's Share (Oriente)

Mit dem neuen Album „The Butcher’s Share“, dem ersten seit fünf Jahren, machen Daniel Kahn und seine Band The Painted Bird ihrem Ruf als „radical Yiddish borderland bandistas“ mit Punkattitüde alle Ehre. Es ist das bis dato kraftvollste und komplexeste Werk der Band und stellt sich den großen politischen und persönlichen Themen unserer Zeit. Kahns revolutionäre Lieder für die Apokalypse sind wie eine Kriegserklärung an die Gegenwart.

Seit dem letzten Album „Bad Old Songs“ ist viel passiert. Der in Detroit geborene, aber seit 2005 in Berlin beheimatete Daniel Kahn hat die Band mit neuen und auch alten Weggefährten umbesetzt. Christian Dawids Klarinetten, Saxophone und Blechblasinstrumente klingen wie ein sturzbetrunkenes Matrosenorchester, das uneingeladen eine jüdische Hochzeit kapert, Jake Shulman-Ments Violine schneidet sich nur so durch die Lieder und Kahn ist als Sänger und Gitarrist in Topform.

Manchmal voller Witz, manchmal wie ein Albtraum, manchmal tieftraurig schmuggeln sie die Originalstücke, Übersetzungen und Adaptierungen über die Grenzen von Sprache, Geschichte, Kultur und Genre. Punk, Klezmer, Jazz, Brecht, Waits, Folk-Balladen, Tiger Lilies und mehr reichen sich die Hand und Produzent Thomas Stern „bringt seine ganze Kreuzberger Punkrock-Sensibilität mit in das Projekt ein“ so Kahn.

Als Gäste dabei sind Sasha Lurje und Lorin Sklamberg (The Klezmatics), mit denen Daniel Kahn im letzten Jahr gemeinsam beim Semer Ensemble gewirkt hat; darüber hinaus sind auf dem Album Sarah Gordon, Michael Alpert und Psoy Korolenko zu hören.

Stücke wie „Freedom Is A Verb“ und „99%“ erzählen über den konkreten Moment ebenso wie über den ewig andauernden Klassenkampf. Balladen wie „Children In The Woods“ und „Sheyres Hora“ erforschen die Tiefen von Traum und Trauma und der tiefschwarze Song „No One Survives“ erinnert an David Bowies von Mut geprägter Hoffnungslosigkeit in seiner letzten Lebensphase.

Im Titelstück „The Butcher’s Share“ wird das fetischistische Konsumverhalten und die bourgeoise Moral thematisiert. Man könnte Kahns Ansatz auch „Groucho Marxismus“ nennen, aber immer versehen mit einem Killer-Beat. Unterstützung für das Album kommt vom renommierten Maxim Gorki-Theater in Berlin, an dem Kahn als Musikkurator und Hauslyriker tätig ist.

Inspiriert von seiner Arbeit dort entwickelten sich die lyrischen und musikalischen Grundideen für das neue Album oder wie Kahn selbst sagt: „Dieses Album entstand im Umfeld des Berliner Gorki Theaters, in dem Künstler verschiedenster Herkunft einen gemeinsamen Boden finden, auf dem es nicht um gespaltene Identitäten sondern um radikale Vision und komplizierte Narrative geht.“

Im Gorki-Theater fand am 10.11. auch das Album-Release-Konzert statt, im Januar geht es dann auf Deutschland-Tour, und es bleibt zu hoffen, dass diese sanfte, kraftvolle, wütende, melancholische, versöhnende Musik demnächst auch in unserer Region live zu hören sein wird. Anspieltipps: „The Butcher's Share“ und „Two Brothers“.

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KW 47 - Alessio Bondì / Sfardo (Malintenti Dischi)

"Sfardo" heißt das Debütalbum des italienischen Singer/Songwriters Alessio Bondì. In seinen Songs pflegt er die Wurzeln einer sizilianischen Musiktradition, die für ihn die Atmosphäre seiner Kindheit widerspiegeln. Bondì spricht und singt sizilianisch; und so wird er auch schon mal mit Volkssängerin Rosa Balistreri verglichen, der Ikone traditioneller sizilianischer Musikt

Seine Konzerte sind hochemotional und faszinierend - Gitarre, Stimme und viel Herz sind die Zutaten auf seiner melancholischen Reise, die Freude und Zurückhaltung gleichermaßen zum Ausdruck bringt. 

Neben seinen vielen Auszeichnungen für seine Musik - etwa dem begehrten „De André Award“ -  sammelte er in den letzten Jahren auch reichlich Erfahrungen als Theater- und Serienschauspieler, bevor er sich ausschließlich auf die Musik konzentrierte und das relativ schnell mit großem Erfolg.

In Italien ist Alessio Bondì auf dem besten Weg, ein Star zu werden, konzertiert aber auch im europäischen Ausland (Berlin, Paris, Barcelona) und den USA, nahm an zweisprachigen Parallelprojekten mit ausländischen Künstlern teil, etwa mit dem brasilianischen Songwriter Nega Lucas.

Nun also sein Solo-Debüt - "Sfardo" ist ein von vielen Dingen inspiriertes Album, enthält 10 Titel von erstaunlicher Anmut, einer Mischung aus zeitgenössischen Rhythmen und dem exotischen Klang seiner Muttersprache, dem Dialekt seiner Heimatstadt Palermo. 

Die Themen seiner Lieder sind Kindheit, Geschichten eines weit entfernten Landes, Nostalgie wie in „Granni Granni“, in dem er davon singt “wie wir es früher getan haben, als wir Kinder waren; wir suchten uns einen speziellen Ort, um Geheimnisse und kostbare Dinge zu verwahren. Mit diesem Lied baute ich mit meine eigene Hütte, wo ich meine heiligsten Dinge, mein erstes Fahrrad, oder auch nur einen Holzlöffel versteckte.“

Alessio Bondì beschreibt in seinen Liedern den Konflikt des jungen Künstlers, der auf der Suche nach seinem Platz ist, aber auch Einblicke in sein Privatleben gewährt (Rimmillu Ru' Voti), der sich entschieden hat, seinen eigenen Weg „auf Band“ aufzunehmen. Dazu sagt er: Es ist das intimste Lied, das ich je geschrieben habe. Jedes Mal, wenn ich es spiele, bin ich von einer tiefen Emotion durchdrungen. Ich habe es während einer Nachmittags-Session aufgenommen, allein, Gitarre, Stimme und Mundharmonika. Danach hatte ich nie mehr das Gefühl, etwas Ähnliches schaffen zu können.

Wenn dann auf Bondì’s Suche nach dem „Deja Vu“ ein solch wunderbares Album wie "Sfardo" entsteht, kann man dem Sizilianer nur zurufen: Bravo e continua così! Anspieltipps: „Rimmillu Ru' Voti“ und „In Funn'o Mare“.

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KW 46 - Inga Lühning & André Nendza / Hodgepodge Vol. 1 (Jazzsick)

Als Duo agieren Sängerin Inga Lühning Und Bassist André Nendza zwar erst seit 2016, kennengelernt haben sie sich aber schon zu Beginn der 2000er Jahre während einer Studioproduktion, bei der Inga Lühning als Gast auf  dem Album „Spectacles“ von André Nendza´s A.Tronic mitwirkte. Nach dem ein oder anderen Zusammentreffen in anderen Projekten und der „Entdeckung“ gemeinsamer musikalischer Vorlieben ist dann schließlich die Idee zu einer Duo-Produktion entstanden, „gereift“ und nun mit „Hodgepodge Vol. 1“ in die Tat umgesetzt worden.

In vielen Proben ist das musikalische Material auf seine Duo-Tauglichkeit überprüft worden, die Reaktion des Publikums bei Testkonzerten tat dann ihr Übriges, das Projekt Wirklichkeit werden zu lassen – „Hodgepodge Vol.1“ ist also das Debüt-Album von Sängerin Inga Lühning und Bassist André Nendza, beide bisher in unterschiedlichen (auch eigenen) Formationen erfolgreich unterwegs.

Im Kern klassisch jazzmäßig live aufgenommen, sind die Aufnahmen durch Toningenieur Christian Heck mit viel Liebe zum Detail zu einem besonderen Klangerlebnis verfeinert worden. Und dieses Klangerlebnis lebt im Wesentlichen von Klarheit; manchmal nur eine wunderbare Stimme und einige tiefe Noten des Basses, dazu, im Sinne klanglicher Abwechslung und unvoreingenommener Spielfreude, neben den Hauptinstrumenten auch Klatschen, Fingerschnipsen, Kazoo, Bass-Schlitztrommel und manches mehr…

Auch dieser Klangfarbenreichtum lässt die CD keinen Moment langweilig werden, sondern lädt vielmehr zum wiederholten Hören ein. Die Klarheit der Besetzung spiegelt sich auch im Grundthema der Auswahl des musikalischen Materials. Es dreht sich immer um Songs. Hier allerdings setzen Lühning & Nendza bewusst auf fantasievolles Durcheinander. Und so wird der Titel der CD „hodgepodge“ im Sinne von wildem Mischmasch zum Programm.

Das Duo spannt in seinen Songs ein großen Bogen von den Jackson 5 über Paul Simon, Ron Sexsmith bis hin zu zwei Franz Josef Degenhardt Chansons, denen Inga Lühning und André Nendza durchaus überraschende neu Facetten abgewinnen können – frei nach dem Motto alles ist erlaubt, es muss nur stimmig sein.

Sowohl bei der Interpretation der Fremdkompositionen wie auch den Arrangements den eigenen Stücke für diese Duo-Formation geht es den beiden vor allem darum, das Besondere der Songs zu erhalten, diese gleichzeitig aber auch, und das mit spielerischer Leichtigkeit, in die eigene klangliche Welt von Stimme und Bass zu transportieren.      

Inga Lühning und André Nendza gelingt mit „Hodgepodge Vol.1“ eine spannende, kreative musikalische „Achterbahnfahrt“, die die geneigte Hörerschaft durchaus mitnimmt auf ein musikalisches Abenteuer mit einigem Überraschungs-Potential. Anspieltipps: „Graceland“ und „Wölfe mitten im Mai“.

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KW 45 - Patty Moon / Head For Home (Traumton)

Ginge es nach den bisherigen Reaktionen von Presse und Publikum, hätte das neue Album von Patty Moon schon längst erscheinen sollen. Schon ihre zweite CD "Lost In Your Head" (2008) wurde allseits hochgelobt. Der Stern bezeichnete die Produktion als „magisch“, der Kritiker der Jazzthetik beschrieb sie als „echtes Gesamtkunstwerk“ und das HiFi-Magazin Audio zeigte sich vom „filigranen Folk-Pop“ begeistert.

Der tangoeske Song "Straight Alone" fand den Weg in Wolfgang Murnbergers Film "Mein bester Feind" mit Moritz Bleibtreu. Zwei Jahre später schrieb Patty Moon gleich drei Stücke für Hans W. Geissendörfers Kino-Produktion "In der Welt habt ihr Angst" mit Anna Maria Mühe und Axel Prahl.

Das drittes Album "Mimi And Me" (2011) wurde erneut gefeiert, zumal es teilweise mit Melodien überraschte, die unaufdringlich-elegant ins Ohr gingen. „Ein Wunderwerk, in dem man Elfen tanzen hört“ jubelte die Hörzu und Melodie & Rhythmusbefand: „rätselhafte, herrliche Musik, die einer Kate Bush oder Tori Amos […] an Originalität in nichts nachsteht“.

"Head For Home" knüpft nun daran an und zeigt gleichzeitig neue Facetten. Die nachdenkliche Haltung ist noch da, ebenso wunderbar atmosphärische Arrangements mit kammermusikalischen Streichern und die für Patty Moon typische, bildgewaltige Poesie.

Vielleicht sind ihre Melodien heute noch etwas traumverlorener, erscheinen zusammen mit manchen Harmoniewechseln bisweilen wie eine Schwarzwälder Antwort auf isländische Pop-Melancholiker. Die Musik klibgt noch sparsamer und persönlicher, näher an der Sängerin und am Hörer; ähnlich einem Club-Konzert, bei dem die Künstlerin keine drei Armlängen entfernt sitzt und ganz direkt, ohne elektronische Effekte, beim Publikum ankommt. 

Außerdem ist aus dem ehemaligen Duo- ein Solo-Projekt geworden, was zur Folge hat, dass neben den Kompositionen und Songtexten nun auch Arrangements und Produktion weitgehend von Patty Moon (Judith Heusch) verantwortet werden. Ohne ihren langjährigen musikalischen Partner fließen nun einige Aspekte fokussierter in die Songs.

Ein Faible für verschattete Töne hatte Patty Moon schon immer, wobei Melancholie nicht mit Trauer oder gar klagender Melodramatik verwechselt werden darf. Davor schützen Patty Moons Klaviermotive, die auch von Yann Tiersen sein könnten, und natürlich ihre glockenklare Stimme, der tremolierendes Pathos fremd ist. Auch wenn Patty Moon vieles in die eigenen Hände genommen hat, beispielsweise auch die verschiedenen Stimmen der zart-romantischen Streicher am Rechner vorbereitete, wollte sie "Head For Home" nicht völlig im Alleingang aufnehmen.

Für Geigen, Bratsche, Cello und Kontrabass - sie nehmen neben Partty Moons Flügel eine zentrale Rolle ein - hat sie sich an der Freiburger Hochschule "bedient". Punktuell leuchten weitere Instrumente auf: Zwei Hörner, Bass und Schlagzeug liefern relativ vertraute Sounds, singende Gläser oder Beatboxing sind da schon unkonventioneller. Anspielttipps: "Sound On Me" und "The Man With The Hat On".

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KW 44 - Laura Perrudin / Poisons & Antidotes (L´autre distribution)

Bereits mit vier Jahren entdeckte die (1990) in der Bretagne geborene Laura Perrudin die klassische keltische Harfe für sich. Je älter sie wurde, desto weiter entwickelte sich ihr musikalisches Verständnis, und so orientierte sie sich fortan mehr und mehr in Richtung Jazz.

Doch die klassische Harfe bot ihr nicht die nötige Freiheit, ihre Harmonien und Kompositionen zu entwickeln, was sich jedoch im Alter von 18 Jahren ändern sollte: als sie nämlich den Harfenbauer Philippe Volant kennenlernte und dieser ihr eine individuell angefertigte Harfe (chromatisch, aber ohne Pedal) baute, eröffnete ihr dieses innovative Instrument endlich die Möglichkeiten, die ihren eigenen modernen Jazz-Entwurf erst möglich machten.

Nach ihrem viel beachteten Debüt-Album „Impresions“ (2015)  legt Laura Perrudin nun ihr neues Album „Poisons & Antidotes vor. Ihre Musik spielt mit verschiedenen Musikstilen und flirtet mit Jazz, Electronica, Neo-Soul und experimentellem Folk. Sie setzt dabei, neben ihrer Stimme, auf ihr einzigartiges Instrument: dieelektrische chromatische Harfe!

Gift und Gegengift, die Metapher des Pharmakons durchdringt sowohl musikalisch als auch lyrisch ihr neues Album. „ Manche Tiere benutzen Tinte als Gift, um sich zu wehren, uns Menschen kann das Schreiben (mit Tinte)  Erleichterung von seelischen Qualen verschaffen, „erklärt Laura Perrudin die Bedeutung des Albumtitels, „ ein Adrenalinstoß erinnert uns daran, dass wir am Leben sind. Ein Verzicht bringt Erleichterung. Aus einem schrecklichen Albtraum kann ein beeindruckendes Gemälde entstehen.“

Mit ihrem ungewöhnlichen Instrument und ihrer Stimme schafft Laura Perrudin einzigartige musikalische Universen, die an Björk, Portishead oder auch Flying Lotus erinnern mögen, in denen sich aber auch Anklänge von Debussy, Ravel finden oder Wayne Shorter zitieren. Auf ihrem „Poisons & Antidotes“ unterläuft sie gekonnt alle Hörgewohnheiten: Mit verführerischer Stimme und präparierter Spezialharfe träufelt sie süchtig machendes Gift in die Ohren ihrer Zuhörer. Erfreulicherweise liefert sie das Gegengift gleich mit.Anspieltipps: "Ghosts Song" und "The Sick Rose".

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KW 43 - Andy Pfeiler / Brain Boogie (Herbie Martin Music)

Er ist ein viel gefragter Session Musiker und das weltweit, außerdem festes Mitglied der Funk Unit von Nils Landgren, zu deren vor kurzem erschienenen Album „Unbreakable“ er auch einige Songs beigesteuert hat – und obwohl durchaus gut beschäftigt, findet Andy Pfeiler immer wieder Zeit und Muse ein Solo-Album zu produzieren.

Mit „Brain Boogie“ legt der schwedische Gitarrist und Sänger (mit österreichischen Wurzeln) sein mittlerweile fünftes Solo-Album vor, das von Anfang an klar macht, dass sich Pfeiler treu bleibt: Grooviger Funk, knackig-trockener Soul-Sound, eingestreut Jazziges und eine durchaus erkennbare Pop-Attitüde vereinen sich auf „Brain Boogie“ zu einer klanglichen Melange, die schon dem ersten Ton zu überzeugen weiß..

Sind seine bisherigen Alben, zuletzte „Futureman“ (2014)  stilistisch zwar ähnlich gelagert, waren sie jedoch mehr das Produkt eines kleinen Musikerkollektivs (seiner Band Jideblaskos), wogegen Andy Pfeiler „Brain Boogie“ im Alleingang schrieb, komponierte, arrangierte und produzierte.

„Dieses mal wollte ich mich einschränken, indem ich nur zwei Musiker neben mir selbst hatte. Ein Funk Power Trio“ beschreibt der Schwede dieses Weniger als Mehr - Thobias Gabrielson (b, keyb) und Tobias Tagesson (dr) sind jene zwei weiteren Säulen von „Brain Boogie“, die durch dezente Backing Vocals von Tochter Astrid Pfeiler ergänzt werden.

Dass auch der im Albumnamen vorkommende Boogie seinen Platz findet, ist bei einem Vollblutmusiker wie Andy Pfeiler nicht ungewöhnlich, arbeitet er doch immer mal wieder auch mit retrospektiven Momenten, die so auch einer Tower Of Power-Ballade oder einem Blue Eyed Soul-Titel der kalifornischen Bay Area des Jahres 1974 hätten entnommen werden können.

„Brain Boogie“ ist eine Hommage an den Funk, mit einem Sound bestimmt von knurrigen Synth.-Basslinien, poppigen Gitarren und Drums wie auch atmosphärischen Samples und souligen Vocals. „Ich mochte schon immer das Überraschungsmoment in der Musik und versuche das auch in meinen eigenen Songs und Arrangements umzusetzen. Ebenso möchte ich, dass jedes Album etwas völlig anderes als das Vorangegangene ist. Das ist die Herausforderung, die mich wirklich antreibt“ sagt Andy Pfeiler.

Eine Herausforderung, die er auf „Brain Boogie“ mit verblüffender Leichtigkeit meistert. Anspieltipps: „On & On“ und „ATBF“.

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KW 42 - Silje Nergaard / For You A Thousand Times (Okeh/Sony)

Sie gehört zu den erfolgreichsten europäischen Jazzsängerinnen. Schon als 16-jährige trat sie 1982 in Molde auf, dem berühmtesten Festival ihrer Heimat, zusammen mit den Musikern aus der ehemaligen Band von Jaco Pastorius.

Dann entdeckte Pat Metheny die Sängerin und verhalf ihr zu ihrem ersten Plattenvertrag. Seit ihrem Debütalbum „Tell Me Where You’re Going“, mit dem sie 1990 Platz 7 der norwegischen Pop-Charts erklomm, ist sie aus der genreübergreifenden skandinavischen Musikszene nicht mehr wegzudenken. Sie zählt zu den wenigen Protagonisten des Jazz, die sich auch in der Popwelt großer Beliebtheit erfreuen, denn jede Art von Scheuklappen sind ihr fremd. 

Für ihr neuestes Werk hat sie unter dem Titel „For You A Thousand Times“ Lieder geschrieben, die von vergangenen Begegnungen und der Kraft der Erinnerung inspiriert wurden. Zehn Songs hat Nergaard für das Album aufgenommen, überwiegend mit einer perfekten Balance von Pop und Jazz, dazu eine Prise Weltmusik.

Außerdem - das ist neu bei Nergaards Musik - werden auf dem neuen Album, zwar durchaus sparsam eingestreut, elektronische Einflüsse deutlich hörbar. Unterstützt wurde die Norwegerin bei der Produktion von Andreas Ulvo (keyb), Audun Erlien (b), Sidiki Camara (pec), Wetle Holte (dr, perc), Mathias Eick (tp), Håkon Aase (vl) und Håkon Kornstad (sax).

Jeder der zehn Songs auf „For You A Thousand Times“ ist eine musikalische Erzählung, in denen Nergaard vergangene Begegnungen und persönliche Erfahrungen mit mitreißenden Melodien in einem subtil arrangierten Klangpanorama gegenwärtig macht.

„Ich habe Bilder davon gesehen, wie sich Familien aus Nord- und Südkorea nach Jahrzehnten der Trennung wieder getroffen haben. Alle haben vor Freude geweint und waren von Glück erfüllt, trotz der langen Zeit ohne jeden Kontakt. Daraus ist der Song „For You a Thousand Times“ entstanden” erinnert sich Nergaard an den Schlüsselmoment für die Entstehung des gesamten Albums.

„Viele Menschen sind von Kriegen getrennt und verbringen ihr ganzes Leben voller Sehnsucht. Ihre Liebe füreinander verblasst aber nicht.“ Unter diesem Eindruck fand Silje Nergaard auch in ihrem Alltag überall Geschichten von dieser magischen Kraft, die sie in Songs zu porträtieren begann. Einen der intimsten Momente verarbeitet sie in „Hush Little Bird“, einem Schlaflied für ihren kleinen Adoptivsohn Jonah, der vor dem Einschlafen in seiner Herkunftssprache brabbelt. Seine Worte sind als Intro des Songs zu hören.

Auch die leichte Sommerballade „Cocco Bello“ wird von Samples aus dem Leben eröffnet: Am Strand von Sizilien hat Nergaard den Werbegesang eines afrikanischen Kokosnusshändlers aufgenommen und darum einen Song komponiert. „Es ist der Moment einer kurzen Begegnung zwischen zwei Kulturen, wie sie ineinander verschmelzen.“

„For You A Thousand Times“ ist voll solcher Geschichten über unsichtbare Verbindungen, die Sehnsucht und Liebe. Es ist Nergaards persönlichstes Album und eine musikalische Erzählung voller Hoffnung, ein überragendes musikalisches Statement für eine „bessere“ Welt, dazu noch in einer exzellenten Aufnahmequalität. Anspieltipps: „It's Gonna Rain“ und „Breathe“.

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KW 41 - Melanie De Biasio / Lilies (PIAS)

Nach dem wunderbaren Album "No Deal" (2014) und der EP mit dem grandiosen 25-minütigen Epos „Blackened Cities“ (2016) demonstriert die belgische Sängerin und Multi-Instrumentalistin Melanie De Biasio mit den 9 Songs auf „Lilies“, dass sie eine würdige Erbin etwa einer Nina Simone ist und eine Jazz-Sängerin, die den Blues spürt und den/die Hörer/in unwiderstehlich in den Bann ziehen und verzaubern kann.

Melanie De Biasio hat sich eigentlich immer in tiefster, bedrückendster Finsternis am wohlsten gefühlt, doch zu Beginn ihres dritten Albums scheint es so, als würde sie das Licht hereinlassen. Nicht nur ist das von hellen Grautönen geprägtes Album-Cover auffallend weniger dunkel als das Titelbild des von der Kritik gefeierten Vorgängers „No Deal“, auch ist "Your Freedom Is The End Of Me" wohl der zugänglichste Song, den De Biasio bisher auf Tonträger präsentiert hat.

Mit Pianotupfern beginnend, öffnet er sich später der Eingängigkeit, wenn an Portishead erinnernde Drums einsetzen und sich der wie ein Mantra wiederholte Titel zur Ohrwurm-Hook entwickelt. De Biasios Melodien legen sich wie Samt über ein groovendes Gerüst, das zum Ende hin komplexer wird, mit unwirklich, fast verweht daherkommenden Gitarrentönen fasziniert.

Zwar erscheint "Lilies" instrumental variabler, aber gleichzeitig auch rhythmisch gestraffter - das präzise, markante Drumming von "No Deal" ist kaum noch zu hören, stattdessen basieren alle Songs auf einem spärlichen und teilweise elektronischem Percussion-Gerüst, sind geprägt von hypnotischer Repetition und nur sehr nuancierter Variation.

Jazz iund Blues sind, neben sparsamen Dub und Post Electronica-Einsprengseln, die wichtigste Quelle dieses Albums, das textlich wie musikalisch in den Bann zieht und von der unwirklichen, besonders eindrucksvoll im lediglich von Fingerschnipsen begleiteten "Sitting In The Stairwell" unter die Haut gehenden Stimme von De Biasio und der hypnotisierenden dunklen Album-Atmophäre getragen wird. Anspieltipps: „Cold Junkies“ und „Afro Blue“.

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KW 40 - Christoph Grab / Reflections (Lamento Rec.)

"Ich widme mich in meinem neuen Trio-Programm mit meinen beiden langjährigen musikalischen Weggefährten Pius Baschnagel und Lukas Traxel der Musik des Pianisten Thelonious Monk (der am 10. Oktober 100 Jahre alt geworden wäre).

Dabei ist es mir wichtig, eine eigene Lesart der Musik von Monk zu finden. Ich habe mir dafür vor allem Monks wunderbare Balladenmelodien vorgenommen und lasse diese mit meinem Trio in einem ganz neuen Licht erscheinen“ sagt Christoph Grab zu diesem Album und dessen Konzept und weite: „Das klavierlose Saxophontrio-Format von Reflections ist bewusst gewählt und gibt uns noch mehr Freiheit für eine ganz eigene Interpretation von Monks sehr pianistischer Musik"

Das Trio des Alt- und Tenorsaxophonisten Christoph Grab rückt auf "Reflections" sowohl ein sehr bekanntes Stück wie die romantische Ballade „Round Midnight“ als auch die obskure Hürdenlauf-Nummer „Gallop’s Gallop“ in ein neues Licht. Monk wird von Grab & Co. nicht als Klamaukbruder missverstanden, sondern als genialer Melodiker und als Vermittler zwischen Tradition und Moderne gewürdigt.

Die Stücke werden mit Ausnahme der Fragmentierung von „Ask Me Now“ nicht zerpflückt oder zerstückelt. Durch den Verzicht auf ein Harmonieinstrument sowie ein paar wenige sorgfältige Umdeutungen (z.B. Tempobeschleunigung oder Wechsel der Taktart) wird die Aufmerksamkeit der Zuhörer zusätzlich aktiviert: Die Musik lässt genießerisches Zurücklehnen und Zungenschnalzen durchaus zu, aber die Ohren sollte man schon stets offen halten.

Die lust- und kunstvolle Musizierweise des Trios ist geprägt durch Emphase und Empathie und entwickelt sehr oft einen unheimlich mitreißenden Swing-Drive. Wie wichtig Monk ein exuberantes Swing-Feeling war, belegen nicht nur einige seiner Verlautbarungen: In Monks Œuvre stößt man nicht zufälligerweise immer wieder auf atemberaubende Swing-Passagen.

Monk liebte den Schlagabtausch mit impulsiven Schlagzeugern wie Art Blakey, Shadow Wilson, Roy Haynes oder Frankie Dunlop und er setzte auf bärenstarke Bassisten wie Oscar Pettiford, Ahmed Abdul-Malik, Butch Warren oder Larry Gales. Mit Pius Baschnagel hat Christoph Grab Grab einen Schlagzeuger in sein Trio geholt, der ebenfalls durch ein stets richtig dosiertes Maß an Durchschlagskraft überzeugt. Und Lukas Traxel lässt die Saiten seines Kontrabasses mit viel kinetischer Energie schwingen.

Bei diesem Trio lautet die Devise eindeutig: Vitalität statt Verkrampfung! Grab, Traxel und Baschnagel spielen sich weder als Gralshüter noch als Konzeptkünstler auf, sondern machen sich auf der Basis von Jazztugenden (Risikobereitschaft, interaktive Spielfreude, Flow) auf die Jagd nach dem erfüllten Augenblick und bescheren uns dabei viele wunderbare Monk-Momente. Anspieltipps: „Round Midnight“ und „Ruby My Dear“.

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KW 39 - Jeff Cascaro / Love & Blues In The City (Herzog)

Jeff Cascaro ist Jahrgang 1968 und singt, seit er denken kann. Seine Profi-Karriere begann bereits mit 18 Jahren als Gewinner von "Jugend jazzt". Erfahrungen sammelte er unter anderem als Backgroundsänger und Gastmusiker mit den Bigbands von NDR, SWR, Rias, HR, mit Ute Lemper, den Fantastischen Vier, Sasha, Joe Sample von den Crusaders, Götz Alsmann, Klaus Doldinger's Passport, den Guano Apes und Paul Kuhn - um nur eine Auswahl zu nennen. 

Und einen Einblick in das genreübergreifende Musik-Verständnis des Mannes aus dem Ruhrpott zu geben, der so unüberhörbar das Herz auf dem rechten Soul-Fleck hat. Seit 2000 ist der vielseitige Praktiker noch dazu Professor für Jazz-Gesang an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar und gibt bis heute Master Classes für bekannte Sänger wie Xavier Naidoo oder Sasha.

Sein Debüt unter eigenem Namen bereitete Jeff Cascaro sorgfältig vor - und zeigte schließlich 2006, was es heißt, die "Soul Of A Singer" (so der Titelsong) zu haben. In seinem zweiten Album "Mother and Brother" (2008) geht es um die schicksalhaften Höhen und Tiefen im Leben. 2012 wird "The Other Man" veröffentlicht,  danach mit „Any Place I Hang My Hat Is Home“ zusammen mit der HR-Bigband eine wunderbare Einspielung mit neu arrangierten Versionen von Songs aus dem „Great American Songbook“ von der Songschreiber-Legende Harold Arlen.

Nun also mit "Love & Blues in the City" sein Debüt-Album als Jazzsänger - seine musikalische Wurzeln liegen zwar nach wie deutlich hörbar im Soul und doch ist in den 10 Songs eine „neue“ Facette des gebürtigen Bochumers zu hören.

Anders als bei den zurückliegenden Soul-Jazz-Alben ist es luftiger und feiner in den Nuancen geworden, eine Hinwendung zum klassischen Jazz Gesang: „Die Zeit war reif, eine jazzigere, vielleicht sogar intimere Platte aufzunehmen. Ich hatte Lust, die Stimme stärker in den Vordergrund zu stellen.“ Damit einhergehend hat Jeff Cascaro  die Besetzung geändert und aufs Notwendige reduziert.

Am Piano sitzen mit Roberto Di Gioia und Hendrik Soll ausgewiesene Jazz Cats. An den Drums Jörg Achim Keller und Flo Dauner. Bassist und zugleich Produzent des Albums ist Christian von Kaphengst, eine Quartett Aufnahme also, die auch allen Mitwirkenden den verdienten Klangraum bietet. 

Das Aufeinandertreffen der Top Musiker im Studio war penibel vorbereitet und doch wurde großer Wert darauf gelegt, die Musik auch zu „spielen“: „Nicht alle Parts der Aufnahme sind fixiert, es sollte unbedingt Raum für Einfälle und Spontanität geben. Jazzige Lebendigkeit und Dynamik sollten erhalten bleiben und sind mir einfach wichtig“ so der Sänger und weite: „intensiv war die Songauswahl. Wir haben ungeheuerlich viel Material geprüft. Unsere Idee war es, eine Klangfarbe zu finden, die in allen Songs angelegt und auch musikalisch umgesetzt werden kann.“

10 Songs sind es final geworden: 7 Cover Songs und 3 Eigenkompositionen und alle kreisen sie um das Thema Love & Blues und sind in einen urbanen, modernen Sound gewandet, gleichermaßen stilsicher, wie originell – und stets getreu der alten Weisheit, dass ein Song nur dann wahrlich interpretiert ist, wenn ein Musiker ihn sich ganz zu eigen gemacht hat.

Mit "Love & Blues in the City" ist Jeff Cascaro ein überzeugender Nachweis gelungen, einer der besten Sänger der Republik zu sein und ein Album vorzulegen, das wohl über die Landesgrenzen hinweg für Aufmerksamkeit sorgen dürft, und: Jeff Cascaro ist nicht nur einer der bedeutendsten Jazz-Sänger des Landes, sondern auch ein Instrumentalist - seine sorgsam „eingestreuten“ Trompeten- und Flügelhorn-Soli setzen einer rundum gelungenen Produktion noch das eine oder andere I-Tüpfelchen auf. Anspieltipps: „Since I Fell For You“ und „A Taste Of Honey“.

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KW 38 - Valparaiso / Broken Homeland (Zamora)

So etwas kann auch schon mal gründlich schiefgehen, frei nach dem Motto „viele Köche verderben den Brei“. Eine Ansammlung von absoluten Individualisten, wenn auch überwiegend jeweils in erfolgreiche Bandkonzepte „integriert“, garantiert noch längst nicht ein schlüssiges und vor allem künstlerisch überzeugendes Werk – mit „Broken Homeland“ aber liegt nun ein Album vor, das am Ende des Jahres in der Liste „Album des Jahres“ ganz weit oben stehen wird. 

Aber auf Anhang: Der chilenische Seehafen Valparaiso war schon immer ein endlos weit entfernter und mystischer Ort für Seeleute und Reisende. Für das Musikkollektiv Valparaiso steht der Name für einen Hafen, in dem Künstler für eine Zeit verweilen, gehen und vielleicht wieder dorthin zurückkommen.

Im Namen des Projekts steckt aber auch noch eine andere Bedeutung: aus der Verehrung der Werke des chilenischen Photographen Sergio Lorrain und des 1964 entstandenen Films von Joris Ivens und Chris Maker über eine Reise nach Valparaiso entwickelte die Band eine Gesamt-Ästhetik für das Projekt, die sich in Musikvideos von Regisseur Richard Dumas (u.a. Videos für die Tindersticks) und Amaury Voslion, Photographien und dem Bühnenbild äußert.

Im Kern besteht das in Paris beheimatete Musikerkollektiv Valparaiso aus den in Indie-Kreisen bekannten Musikern (und Cousins) Hervé Mazurel (g) und Thierry Mazurel (b) sowie Matthieu Texier (g), Thomas Belhom (dr) und Adrien Rodrigue (vl, vib), aber für ihr Projekt Valparaiso laden sie sich immer wieder unterschiedliche Musiker in ihren musikalischen Hafen mit dem so verheißungsvollen Namen ein.

Für das Debütalbum „Broken Homeland“ sind das mit Howe Gelb, Dominique A, Josh Haden, Shannon Wright, Rosemary Standley, Phoebe Killdear, Marc Huygens und Julia Lanoë einige der spannendsten Persönlichkeiten der internationalen Musikszene. Jeder Gastmusiker ist auf einem Track zu hören – und zwar nicht nur als ausführender, sondern auch als kreativer Gast, denn die Texte und Vocals wurden mit absoluter künstlerischer Freiheit von ihnen alleine bestimmt und von Produzent John Parish in Bristol dann zusammengefügt.

Entstanden ist so ein Album, das den Hörer vom ersten Ton an „gefangen“ nimmt, das auch beim wiederholten Anhören nichts von seiner Faszination verliert, sind doch immer wieder neue Facetten hörbar. Und obwohl, um im obigen Bild zu bleiben, viele unterschiedliche „Köche“ an diesem „Festmahl“ beteiligt waren, ist ein Werk entstanden, das in all seiner Vielfalt dennoch wie aus einem Guss daherkommt – einfach nur brillant und ganz „großes Kino“. Anspieltipps: „Fireplace“ (feat. Rosemary Standley) und „Rising Tides“ (feat. Phoebe Killdeer & Howe Gelb).

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KW 37 - Florian Peters Trio / 11 Waves (GLM)

Florian Peters Musik ist ein Abbild dessen, was er erlebt hat und was er ist. Seine Liebe gilt den englischen, italienischen und französischen Singer/Songwritern, traditioneller Folklore, aber auch dem melodisch-rhythmischen Jazz. Die Farbigkeit, der Humor und die Echtheit, mit denen seine Geschichten im Triokontext erzählt werden – eine Mixtur, die von hiesigen Künstlern nicht allzu häufig zu hören ist..

Für den perfekten Sound war dem Trio offenbar kein Weg zu weit. Bis nach Oslo reisten Florian Peters (voc, g, p), Roland Duckarm  (dr, perc) und  Gunther Rissmann (a- und e-bass) im Mai 2016, um im weltberühmten Rainbow Studio zusammen mit Jan Erik Kongshaug, einem der besten Toningenieure weltweit, ihr zweites Album aufzunehmen. Das Ergebnis kann sich hören lassen:

Rezensierte die Süddeutsche Zeitung das Anfang 2013 erschienene Debüt-Album „NÀU“ unter der Rubrik „hörenswert“ als „bewusst zwischen vielen Stühlen platziert“, geht das Florian Peters Trio mit „11 Waves“ einen Schritt weiter. Die Stühle stehen noch weiter auseinander – haben sich im ersten Album noch Stile vermischt, stehen sie jetzt mutig nebeneinander. Florian Peters liebt die Vielfalt und überrascht mit jedem Song. Dabei färbt der größte Konzertflügel der Welt den Sound blauer, klarer, weiter.

Jeder der elf handgemachten Songs steht dabei für eines der unerwarteten, nicht immer planbaren Ereignisse im Leben, die uns beschäftigen, durch die wir gehen, mit denen wir wachsen. Und genau wie die Wogen des Lebens auf und ab gehen, wechseln sich auch hier melancholische Momente und frech swingende Up Tempo-Nummern ab. Mal schwappt dem Zuhörer eine sanfte Welle von Wehmut entgegen, mal türmt sie sich energetisch auf, bricht, macht sich Raum, immer aber mit größter Intensität.

Die Kompositionen klingen facettenreich, mal nach Jazz-Song, mal nach klassischem Folk, mal nach Pop-Ballade und mal nach modernem Singer-Songwriting. Die entspannt-angenehme Stimme des Bandleaders fügt sich dabei perfekt in die Arrangements – wobei jeder der drei perfekt aufeinander eingespielten  Musiker kunstvoll sein eigenes, schmuckvoll verziertes Geschichtchen dazu erzählt. Anspieltipps: „Paradox“ und „Nice And Dead“.

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KW 36 - Judy Dyble & Andy Lewis / Summer Dancing (Acid Jazz)

Judy Dyble war die erste Sängerin von Fairport Convention, verließ die Band aber schon nach deren Deüpt-Album Mitte 1968, nahm dann mit Giles, Giles & Fripp einige Songs auf, bevor diese Band zu King Crimson mutierten und veröffentlichte ein Album mit der kurzlebigen Band Trader Horne.

Doch bereits 1973 kehrte sie dem Musikbusiness den Rücken, arbeitete fortan als Bibliothekarin. 2004, im zarten Alter von 55 Jahren, wollte sie es allerdings nochmal wissen, seitdem entstanden diverse Alben – zunächst mit überschaubarer Resonanz - doch „Talking With Strangers“, 2009 mit Kollegen wie Robert Fripp, Simon Nicol und Pat Mastelotto aufgenommen, servierte feinen Folk-Prog.

Mit Andy Lewis, Produzent und ehemals Bassist bei Paul Weller, fand sie nun einen Bruder im Geiste und lädt die Hörer zum „Sumemr Dancing“ ein:14 Stücke, erneut zwischen Folk-Pop, Psy­che­delic und Prog der zugänglichen Sorte changierend.  Das großartige „A Message“ fügt dem Ganzen noch einen deutlichen Trip-Hop-Aspekt hinzu, bei „Night Of A Thousand Hours“ flirrt und wabert es bewusstseinserweiternd, bevor ein elegantes Jazz-Piano nächtliche Bar-Atmosphäre verströmt.

„Summer Dancing“ ist ein sanftes Werk, bisweilen ro­­mantisch, erfreulicherweise nur sehr selten ein bisschen zu sehr süß-sanft daher kommend, dafür aber stets auch ein wenig mysteriös. Judy Dybles Songs und ihre Stimme überzeugen, Andy Lewis‘ spacige Produktion, tief verwurzelt in britischer Psychedelic gegen Ende der 60er-Jahre, sorgt für das nötige Ambiente.

Den beiden ist mit diesem Album etwas Außergewöhnliches gelungen, ein ganz großer Schritt in die 60er und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man gar vermuten, die Musik sei tatsächlich in jenen Jahren entstanden, die Authentizität sprüht aus jedem Ton.

Die Stimme von Judy Dyble ist zwar, der Natur geschuldet, mittlerweile etwas tiefer und nicht mehr ganz so mädchenhaft klingend wie vor 50 Jahren, verfügt aber nach wie vor über diesen gewissen Zauber, der schon zu Beginn ihrer Karriere faszinierte. Anspieltipps „A Message“ und „Treasure“.

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KW 35 - Miu / Leaf (Herzog Records)

Nach einer Reise nach New York und einem Auftritt im legendären Club The Bitter End beschließt die junge Hamburger Soulsängerin Miu sie sich nunmehr ausschließlich der Musik zu widmen, unterschreibt einen Plattenvertrag  beim Jazzlabel Herzog Records und veröffentlicht im August 2015 mit „Watercoloured Borderlines“ ihr erste Album. 

Ihre Musik beschreibt sie als "Soul-Pop mit links und rechts weggucken". Diese Wegguckblicke schweifen in die Notenwelten von Alicia Keys, Norah Jones, Lauryn Hill, Adele, Ella Fitzgerald oder Amy Winehouse - Mius faszinierender Gesang atmet die Kraft und die Wärme der Timbres dieser großen Frauen. 

Nun erscheint mit „Leaf“ zwei Jahre später das zweite Album der Hamburgerin, auch das nicht dem Trend folgend mit deutschen Texten. Da ist Miu fast schon stur –   „Deutsch funktioniert für Singer/Songwriter, aber nicht für mich. Für die Art von Musik, die ich mache“, sie ließe sich notfalls zwischen Soul, Pop und etwas Jazz verorten, wenn’s denn sein muss, „finde ich deutsch nicht so passend. Ich möchte mich auch nicht auf den Zeitgeist trimmen lassen oder große Vorschüsse im Nacken haben, die das Miteinander einer Band belasten können.“

Mit dieser spielt die Hamburgerin nun seit gut vier Jahren zusammen, mitunter werden neben dem Bandkern - Daniel Otte (b), Nando Schäfer (dr), Arne Vogeler (git) und Joscha Farries (keys) -  weitere Musiker miteinbezogen, bei den Aufnahmen zu „Leaf“ sind manchmal 12 Leute mit einem Song beschäftigt, aber eben nicht immer.

„Die Ideen für die Songs kommen oft von mir oder von Arne und mir“, beschreibt Miu die Arbeitsweise ihrer Band, „einen Song haben wir komplett im Team im Proberaum entworfen und arrangiert. Was im Quintett funktioniert, also mit Bass, Drums, Gitarre, Keyboards und mir, wird überdacht, wir stellen uns die Frage, ob noch was dazukommt. Es muss Sinn machen, es geht nie um die möglichst große Besetzung“.

Als Produzent von „Leaf“ stand mit Gregor Hennig kein Unbekannter im Studio Nord Bremen, er produzierte bereits Rhonda, Me and my Drummer, Niels Frevert, Vierkanttretlager, Bernd Begemann und Die Sterne. Auch ihm ist zu verdanken, dass „Leaf“ nun tatsächlich so organisch klingt, wie Miu seine Entstehung beschreibt.

Zudem ist das Album auch so abwechslungsreich wie die Auftritte der Band, anders als im Kräftedreieck von Soul, Pop und Jazz sonst oft üblich, trägt nicht jeder Song dasselbe Soundgewand, der rote Faden bleibt stets die Stimme der Sängerin.

Im letzten Jahr hat Miu, lange vor deren Eröffnung, zwei ausverkaufte Test-Konzerte in Hamburgs Elbphilharmonie gegeben, „unsere besten Auftritte bisher.“ Nach wie vor ist sie bei einem Label unter Vertrag, das die Branche als „eher klein“ bezeichnen würde, „aber ich erhalte mir so meine Freiheiten.“

Und sie praktiziert ihre erstaunlichen Grundsätze, “für mich passen Kapitalismus und Musik oder Kultur generell nicht zusammen, weil es nicht das erste Ziel von Kunst ist, sich zu rechnen. Da hatte Richard von Weizsäcker schon Recht.“ Ihr Song „Next Big Thing“ drehe sich um genau solche Dinge.

Das gesamte Album „Leaf“ dreht sich um Dinge, die im TV-Casting keine Vorrunde überstünden, deshalb ist es ja auch ein Glücksfall. Mius Hoffnungen bleiben dennoch auf dem Boden. „Für mich hieße Erfolg“, sagt sie, „mit meiner Band noch möglichst lange und ohne viele Vorgaben meine Musik machen zu können. Und ich möchte mir ein Publikum erhalten, das mir auch mal etwas Neues verzeiht oder es sogar mag. Ich bin mir sicher, dass es einen Markt für meine Musik gibt.“

Und der dürfte, um im Wirtschafts-Sprech zu bleiben, mit diesem gelungenen und überzeugenden Album um Einiges größer werden. Anspieltipps: „Ohana“ und „Next Big Thing“.

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KW 34 - Tango Fuego / Confesión (Westpark)

Das Quartett Tango Fuego wurde 1992 gegründet und spielt seit 1994 in der Besetzung Detlef Strüwe (Piano, Komposition, Produktion), Sebastian Reimann (Violine, Konzertleitung), Sergio Fabian Carbone (Bandoneon) und Fritz Roppel (Kontrabass) unverändert zusammen.

Die Band ist Gewinner des deutschen Folk-Förderpreises und häufiger Gast auf dem internationalen Tango-Festival Zürich und dem Bandoneon-Festival Krefeld. Hinzu kommen Arbeiten mit Rolando Villazon und Auftritte in der Kölner und Münchener Philharmonie. Tango Fuego entfaltet mit einem tiefen, gereiften Verständnis für die Geschichte des Tangos einen für alle Zuhörer verständlichen und erlebbaren Sound, der von der Presse „als geschliffen und orchestral zupackend mit dem für den Tango notwendigen Quäntchen Dreck“ beschrieben wird.

Mit dem über die Jahre gewachsenen Repertoire bereitet es den Musikern sichtlich Vergnügen, einen Konzertabend mit Lust an der Abwechslung zu gestalten; Klassiker, Nuevos, Milongas, eigene Kompositionen, die von Einflüssen unterschiedlicher Genres geprägt sind, die Kompositionen für den Filmklassiker Metropolis, dabei alles aufeinander aufbauend und mit Leidenschaft präsentiert, zum Lauschen und Träumen, dann wieder zum Tanzen verführend, begeistert Tango Fuego nicht „nur“ live.

Mit „Confesion“ (dt. Beichte) versetzt das Ensemble sein Publikum in die gefliesten Hinterhöfe, Straßen und Bordelle Buenos Aires' der 1930er-Jahre. Auf der CD kreiert die Gruppe ein mitreißendes Programm aus tanzbaren Tangos, die trotz ihres traditionellen Anstrichs Ausdruck moderner Kammermusik sind. Anspieltipps: „Anhelo“ und „Adios Nonino“.

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KW 32 - The Isley Brothers & Santana / Power Of Peace (Sony)

Zunächst einmal ist Skepsis angesagt. Da ist das Cover-Photo von „Power Of Peace“, das doch allzu sehr an naiv-friedensbewegte Zeiten erinnert und dann auch noch die Auswahl der Songs - mit einer Ausnahme Blues- und Soul-Standards, was den Verdacht nahelegt, dass da ohne große Anstrengung noch einmal Kasse gemacht werden soll. 

Ein Verdacht aber, der sich beim ersten Anhören wie von selbst erledigt. Da sind Musiker am Werk, die niemandem auch nur irgendetwas beweisen müssen, die genau wissen was sie tun und die außerdem hörbaren Spaß an dem haben, was sie tun.

Möglicherweise wird der Produktionsprozess von „Power Of Peace“ dadurch zusätzlich befördert, dass es sich dabei um eine Art Familienunternehmen handelt, hat doch Santana Ehefrau Cindy Blackman-Santana, selbst eine exzellente Musikerin - als Schlagzeugerin (vornehmlich eher im Jazz zuhause) sicher auf einer Stufe mit Terri Lyne Carrington - einen großen Anteil am Gelingen des Werks, hält mit ihrer Rhythmik den Sound sowohl zusammen wie auch am köcheln.

Und da die künstlerischen Qualitäten der beiden Gitarristen Carlos Santana und Ernie Isley, selbst in den etwas schwächeren („Kritik“ auf hohem Niveau) Momenten, ohnehin außer Frage stehen, braucht es noch einen Leadsänger, der das „betagte“ Songmaterial zum Teil mit der Muttermilch aufgesogen, bzw. an seiner Entstehung mittelbar/unmittelbar beteiligt war. Und da kommt dann eben (auch das Familie) mit Ronald der zweite Isley ins Spiel, ein Sänger, dessen Intonation sowohl „kräftig zupackend“, wie auch filigran schwebend daher kommen kann.

Das alles aber würde eine zwar technisch exzellente, emotional aber eher „blutleere“ Angelegenheit, wäre da nicht der besondere Geist, der während der Aufnahmen geherrscht haben muss, sonst hätte eine solch kompakte Platte nicht entstehen können, die (fast) alles anbietet, was das Genre ausmacht. Dass Carlos Santana die Isley Brothers mal als „Brüder im Geiste“  bezeichnet haben soll, bestärkt diesen Eindruck, selbst wenn der Satz Legende ist.

Und so ist „Power Of Peace“ ein völlig überzeugendes Album geworden, mit dem das (musikalische) Rad natürlich nicht neu erfunden wird, das aber ebenso wunderbare wie spannende Facetten von Altbekanntem anbietet – ein absoluter Hörgenuss, da auch die Aufnahmetechnik nichts zu wünschen übrig lässt. Anspieltipps: „Higher Ground“ und „I Just Want To Make Love To You“.

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KW 31 - Tingvall Trio / Cirklar (Skip Records)

Piano Trios gibt es weltweit viele, die klassische Basisformation des Jazz hat in den letzten Jahres ein fulminantes Revival erlebt. Doch wenn man nach der Essenz aller derzeit tourenden Trios dieser Bewegung sucht, sticht, wenn es um die Akzeptanz beim Publikum und den unverwechselbaren, eigenständigen Sound geht, aus internationaler Perspektive das Tingvall Trio aus Hamburg hervor.

Konzerte in mehr als 30 Ländern, eine Handvoll Auszeichnungen mit dem Echo Jazz als „Ensemble“ und „Live Act“ des Jahres, Jazz Awards in Gold für jedes einzelne ihrer Studioalben, Platz 1 der Jazzcharts, ja sogar hohe Platzierungen in den Pop Charts, die Popularität der drei ist auf dem Niveau aktueller Popbands angekommen.

Erfolg, zumindest in Deutschland gelegentlich als Makel von der Hochkultur gebrandmarkt, sucht sich seinen Weg zum Publikum, gerade erfuhr das Tingvall Trio die Ehre, in der neueröffneten Elbphilharmonie zwei Testkonzerte zur Erprobung des Raumsounds zu spielen und wird dort auch 2017 noch konzertieren

Drei Jahre nach dem Erfolgsalbum „Beat“ erscheint nun der vom Publikum langersehnte Longplayer „Cirklar“. Martin Tingvall, Pianist, Hymnenschreiber und Namensgeber der Band über die neuen Kompositionen: „Am Anfang stehen für uns immer die Songs. Bei diesem Album habe ich versucht, so zu komponieren, dass uns die Musik neue Wege aufzeigt. Wir testen neue Ausdrucksformen, aber möchten gleichzeitig natürlich als Tingvall Trio wiedererkannt werden. Diesmal ist ganz eindeutig die Musik der Chef, nicht das Trio.“ 

Martin Tingvall komponiert die Songs – aber was am Ende dabei heraus kommt, kann er erst wissen, wenn Omar Rodriguez Calvo(Kontrabass) und Jürgen Spiegel (Schlagzeug) sich mit ihm gemeinsam der Komposition angenähert haben. Jedes Stück: ein Kampf, ein Spiel, ein Drama, das sich in Kreisen (Cirklar) dreht, bis es „fertig“ ist.

Es geht um Geschichten, die das Leben schreibt und um die ganz persönliche differenzierte Empfindung des Erlebten je nach Lebensabschnitt. Martin Tingvall: „Seit ich Kinder habe, und das geht ja allen Eltern so, habe ich das Gefühl, eigentlich keine Minute mehr für mich selbst zu haben. Manchmal scheint es, als rinne die Zeit mir zwischen den Fingern davon.“

„Bumerang“ heißt eines der Stücke auf dem neuen Album. Ein vorwärts treibender Song, der mit kräftigen Schlagzeug–Rhythmen beginnt, gefolgt von einer musikalischen Phrase, die dem Zuhörer immer wiederkehrend entgegengeworfen wird, bis sie zuletzt verschwindet. Ein unendliches Spiel, ein musikalischer Kreislauf. 

„Mir kommen die Gegensätze im Empfinden von Zeit manchmal so seltsam vor“, reüssiert Tingvall. „Die Generation meiner Eltern wird jetzt gerade alt. Ihre Uhren ticken nach einem ganz anderen Rhythmus, im Gegensatz zu meinem hektischen Alltag erscheint mir das oft fast unwirklich.“ 

Dies Empfinden findet man in der Ballade „Evighetsmaskinen“, einem Song, der – ganz untypisch für das Trio – aus beinahe meditativen Klängen und Rhythmen besteht und in die Ewigkeit hinein zu führen scheinen. „Karussellen“, „Det Gröna Hotellet“, „Skansk Blues“ – auf diesem Album wird der Hörer an vielen Stellen durch neue Sounds des Trios überrascht – und doch ist es unverkennbar die Musik Martin Tingvalls. „Cirklar“ ist das vielleicht musikalisch vielfältigste Album des Trios bislang. Anspieltipps: "Skansk Blues" und "Det Gröna Hotellet".

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KW 30 - Nicole Johänntgen / Henry (Hofa)

Obwohl sie schon früh in der Band ihres Vaters zusammen mit ihrem Bruder und einem Repertoire von Rock, Pop, Jazz unterwegs war, war der Berufswunsch von Nicole Johänntgen zunächst Bankkauffrau zu werden. Glücklicherweise aber hat sich dann doch die Musik durchgesetzt, die Saxophonistin, Komponistin, Bandleaderin  begann ein Musikstudium und die Dinge gingen ihren mitunter beschwerlichen aber zielstrebigen Weg.

Und dass dieser schnurstracks geradeaus führt, ohne nach links oder rechts zu sehen, ist offenbar nicht „das Ding“ von Nicole Johänntgen, die mit Hingabe auch Funk und Rock spielt. "Ich bin offen für alle Einflüsse", sagt die aus dem Saarland stammende Wahlschweizerin. Neue Impulse suchte sie in der ersten Jahreshälfte 2016 in New York - einem halbjährigen Stipendium der Stadt Zürich sei Dank. In der Weltmetropole des Jazz jammte Johänntgen sowohl mit Mainstream- wie auch mit  Avantgarde-Jazzern.

Nachhaltigstes Erlebnis ihres Amerika-Aufenthalts wurde jedoch ein Abstecher nach New Orleans. In der Geburtsstadt des Jazz traf Johänntgen, abseits von Nostalgiker-Wallfahrstorten, wie der "Preservation Hall", junge Musiker, die neben den traditionellen Blasinstrumenten elektrische Gitarren und Keyboards nutzen, die in ihre Stücke auch Blues- und Pop-Klänge einbringen und mitreißende Calypso-Rhythmen spielen.

Und mit einigen dieser Musiker hat sie in New York entstandene Kompositionen im Word of im Mouth Studio in New Orleans aufgenommen. Sieben dieser Kompositionen sind nun auf „Henry“ zu finden, dem vor kurzem erschienenen neuen Album der Saxophonistin, auf dem sie zusammen mit Jon Ramm (Posaune), Steven Glenn (Sousafon) und Paul Thibodeaux (Schlagzeug) den New Orleans-Jazz neu aufleben lässt.

Nicole Johänntgen hat ihre Mitmusiker, die allesamt in New Orleans leben, über gemeinsame Bekannte kennengelernt. Zum Zusammenspiel mit dem Sousaphon inspirierte sie der amerikanische Saxophonist Arthur Blythe, der in den 90ern mit Tuba, Conga und Cello auf sich aufmerksam machte. Eine weitere Inspirationsquelle ist Vater Heinrich „Henry“ Johänntgen; der zu ihren Schulzeiten in den frühen Morgenstunden die Posaune als Weckruf spielte, dass es Zeit sei aufzustehen. Das Album ist also auch eine Hommage an ihre Familie.

„Henry“ kommt mit einem mitreißenden Klangbild daher, der fulminante und legendäre „Second Line“-Schlagzeug-Groove von New Orleans trifft auf das pumpende Sousafon, die den Bassbereich bedient und den harmonischen Boden legt für feurige Improvisationen zwischen Posaune und Saxophon. Und um eine alte „Weisheit“ zu bemühen: „das ist der Rhythmus, wo jeder mit muss“. Anspieltipps: „The Kids From New Orleans“ und „Take The Steam Train“.

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KW 29 - Kenny Clarke & Francy Boland Big Band / All Smiles (MPS)

Ohne jemals Zugeständnisse an den Zeitgeist zu machen, wurde The Kenny Clarke Francy Boland Big Band über ein Jahrzehnt lang zum Synonym für zeitlose Jazzorchester-Kunst und lieferte den Beweis, dass der Jazz mit Musikern von beiden Seiten des Atlantiks zu besonderen Höhenflügen ansetzen kann. Das sicherlich wichtigste, bikontinental besetzte Orchester spielte 15 LPs ein, davon rund die Hälfte auf MPS und SABA.

„All Smiles“ fängt The Kenny Clarke Francy Boland Big Band im Mai 1968 auf einem der Höhepunkte ihres intensiven Schaffens ein. Und sie zeigt, was unter dem geflügelten Wort zu verstehen ist, mit dem das US-Europäische Unternehmen oft belegt wurde – nämlich dass es die "traditionellsten zeitgenössischen Arrangements" spielte.

Unter den Solisten, die in den 10 Stücken immer wieder mit Kurzporträts hervorstoßen, sind unter anderem die Trompeter Benny Bailey und Idrees Sulieman, am Saxophon Johnny Griffin und Ronnie Scott, und als besonderer Gast der siebzehn Mann starken Combo auch der Vibraphonist Dave Pike. 

Vom leichtfüßigen Walzer „I‘m All Smiles“ über das bluesige Kabinettstückchen „By Strauss“ und das sinnliche Thema der Gloria geht die Reise bis zum furiosen Rausschmeißer „High School Cadets“. Abwechslungsreiche Detailarbeit statt massiver Gesamtklang: The Kenny Clarke Francy Boland Big Band gelang es, die große Orchestertradition gegen alle Modeströmungen erfindungsreich hochzuhalten. 

„Die neu arrangierten Jazz-Klassiker belegen, dass die Entertainment- Welt amerikanischer Prägung im Europa des Jahres 1969 ihre Attraktivität bei den Big Bands noch nicht verloren hatte und immer noch ernst genommen wurde.“ (Jazzthetik 7/2017). Nun ist die längst vergriffene legendäre Aufnahme aus dem Hause MPS vor kurzem wiederveröffentlicht worden und das ist auch gut so! Anspieltipps: „Get Out Of Town“ und „When Your Lover Has Gone“.

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KW 28 - Jewish Monkeys / High Words (Greedy For Best Music)

Die Jewish Monkeys sind Meister im Spiel mit Identitäten, Ritter des Absurden, Musiker und Komödianten, brechen mit Vorliebe ethnisch-religiöse Tabus und holen zu satirischen Befreiungsschlägen aus.

Ihre neo-jiddische Klangfusion pendelt zwischen zirkushaftem Chanson und punkig-energetischem Pop, ihre Sprache zwischen Englisch und Jiddisch. Ihr Publikum bringen sie so gut wie immer zum Tanzen: ob syrische Flüchtlinge im Dresdner Übergangslager oder Anti-Pegida-Demonstranten, ob in deutschen, dänischen, israelischen, tschechischen, französischen oder East Londoner Clubs.

Die Monkeys machen keine Witze auf Kosten anderer, sondern sehen sich in einer Linie mit den großen jüdischen Komödianten, die die hohe Kunst des sich selbst auf die Schippe Nehmens beherrschten. Sie erinnern an die Marx Brothers und deren Lust am Unlogischen, sich austobenden Unbewussten und der absurd-aggressiven Komik.

Gegründet wurden die Jewish Monkeys von Jossi Reich und Roni Boiko, zwei ehemaligen Chorknaben der Frankfurter Westend-Synagoge, die mehr als ein Vierteljahrhundert später in ihrer neuen israelischen Heimat mit Gael Zaidner einen ähnlich Verrückten trafen.

Mit Hilfe des renommierten Theater-, Ballett- und Filmmusikkomponisten Ran Bagno (Akkordeon, Keyboards) fassten sie ihre Ideen in Musik. Andere Musiker, u.a. von der Middle-Eastern-Surfband Boom Pam, halfen ein Album einzuspielen, das gerade auch bei der deutschen Presse mit hymnischen Kritiken gefeiert wurde. „Mania Regressia“ drückt schon im Titel den Hintersinn der Band aus. Der Bassist und Betreiber des Tel Aviver Underground-Clubs Tahat, Yoli Baum, kam dann an Bord und baute eine Live-Band auf.

In der aktuellen Formation sitzt Henry „The Rose“ Vered am Schlagzeug, der im Hardrock wie auch im Jazz versiert ist. Gitarrist Omer Hershman ist ein angesehener Produzent sowie Mitglied der Indieband Panic Ensemble und driftet mit seiner Gitarre schon seit jeher in Richtung rockiger Zirkus- und Kabarettmusik. Ein Powerhaus ganz anderer Art ist Posaunist Moran Baron – von Jazz bis Funk ist ihm nichts fremd und die wichtigsten israelischen Rock- und Pop-Ensembles stehen bei ihm Schlange, damit er ihren Alben seinen goldenen Touch verpasst.

Auf „High Words“, ihrem neuen Albumm lassen zwei hitverdächtige Stücke aufhorchen: Der Song „Alte Kacker“ spielt, wie der Titel erahnen lässt, zynisch-trocken und mitleidlos-selbstbemitleidend auf die auf uns alle wartende Beschwerlichkeit des Alters an und lässt uns dabei munter zum Gitarrenrock-Stakkato auf und ab hüpfen. Der Song „High Words“ gibt wiederum der Wut auf ein Establishment Raum, welches uns im neuen Global-Warming-Zeitalter in die Demagogie vergangener Weltkriegszeiten abrutschen lässt.

Ihre jiddischen Lieder sind frivole und sozialkritische Songs. Wilde Kapriolen schlagende Instrumentals feiern in neuer, moderner Klezmer-rockiger Größe eine Wiederauferstehung. Das zu Lachtränen und Sehnsucht animierende Liebes- und Anti-Liebeslied „Pupik“ ist eine Ode an die Geliebte, bei der schon in der Eingangszeile die Selbstverständlichkeit anklingt, dass neben der Auserwählten das Auge auch auf andere begehrenswerte Frauen geworfen wird.

Bleibt noch die Frage: Was soll das mit diesem nicht leicht zu verdauenden Band-Namen, der in einigen arabischen Ländern gar als arges Schimpfwort im Umlauf ist? Da zucken die Monkeys nur mit den Achseln: „Wir Juden dürfen das! Dass wir uns trauen, politisch unkorrekt zu sein und uns selber als Juden verarschen ist seit jeher unser Überlebensrecht gewesen. Aber am Ende suchen wir das Gemeinsame und nicht das Trennende. Wir wollen Gräben einreißen und Brücken bauen – deshalb auch unsere große Freude, für Menschen aus Syrien oder Afghanistan zu spielen.“

Natürlich verändert Musik nicht grundlegend das Zusammenleben in einer immer komplizierter werdenden Welt, kann es aber - ohne die ja mehr als genug vorhandenen Probleme zu negieren - um einiges lebenswerter und freudvoller machen, was mit „High Words“ besonders gut gelungen ist. Anspieltipps: „Pupik“ und „Shprayz Ikh Mir“.

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KW 27 - Alessandro D'Episcopo / That's All (Altrisuoni)

Geboren wurde Alessandro d‘Episcopo in Neapel und schon mit 13 Jahren entschied er, sein Leben der Musik zu widmen. Obwohl seit seiner frühesten Jugend durch die Musik von Chick Corea und Keith Jarrett geprägt, studierte er zunächst klassische Musik am Konservatorium S. Pietro a Majella in Neapel. 1979 zog er dann nach Mailand, damals das Zentrum des italienischen Jazz, später in die Schweiz..

Dort hat sich Alessandro D‘Episcopo im Trio mit dem Bassisten Hämi Hämmerli und dem Schlagzeuger Elmar Frey einen Namen gemacht. Mit ihnen teilt er seit mehr als zehn Jahren regelmäßig die Bühne, hat außerdem mit Chet Baker, Tony Scott, Gianni Basso, Billy Cobham und Toots Thielemans gespielt.  

Der in Luzern lebende neapolitanische Jazzpianist und Trio-Bandleader hat nun mit "That‘s All“ sein erstes Soloalbum eingespielt. Neben vier Eigenkompositionen finden sich darauf auch Klassiker des Jazz - sowie eine Hommage auf Lucio Battisti, den Vertreter der Musica Leggera.   

Der Pianist legt mit diesem Soloalbum sein über die Jahre angereichertes musikalisches Inventar auf den Tisch: Dabei lässt er aber nicht nur sich selbst zu Wort kommen, er gibt auch seinen Idolen eine Stimme. Allen voran Alan Brandt, Autor des Stücks „That‘s All“, das dem Album den Namen gibt, auf dem Alessandro D‘Episcopo Jazzklassiker mit modernen Improvisationen verbindet.

Außerdem hält sich der Pianist nicht zurück, wenn es darum geht, Elemente aus der Klassik, der World-Music und dem Jazz zu einem neuen, modernen und gleichzeitig milden, feinen Klangerlebnis zu vereinen. Mit „That‘s All“ zieht er, wie man vermuten könnte, keineswegs den Schlussstrich unter seine Arbeit. D‘Episcopos Offenheit, Virtuosität, Erfahrung und Neugier treiben ihn vielmehr stets zu neuen Zielen.

Besonders auffällig auf „That’s All“: hier wird nicht Virtuosität um der Virtuosität willen vorgelegt, hier besinnt sich der Pianist grundsätzlich auf das Wesentliche, auf besinnliche Momente, die den Vorrang haben vor halsbrecherischen Improvisationen.

Neben ganz ruhigen und wirklich „schönen“ Songs gibt es aber auch solche mit etwas mehr Feuer und Intensität wie “Triads“, das auch die klassische Ausbildung widerspiegelt. „That’s All“ kommt mit Musik daher, die zum entspannenden Hörvergnügen einlädt! Anspieltipps: „A Japanese Tree“ und „You And The Night And The Music“.

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KW 26 - Lia Pale / A Winter's Journey (Lotus Records)

Sechs Jahre nach Beginn ihrer musikalischen Zusammenarbeit und fünf Jahre nach ihrer intensiven Auseinandersetzung mit Franz Schuberts weltberühmten Liedzyklus nach Texten von Wilhelm Müller legen die beiden Grenzgänger - Vokalistin Julia Pallanch alias Lia Pale und der Gründer des Vienna Art Orchestra, Pianist & Arrangeur Mathias Rüegg, nun ihre Interpretation eines zu den bedeutendsten Werken der Romantik zählenden Stückes europäischer Musikgeschichte vor:

Die 24 Titel umfassende Komplettversion von Schuberts Winterreise mit dem erklärten Ziel, bei aller Treue zum Werk „Neues“ zu schaffen! So entstand ein Album im Spannungsfeld zwischen Klassik, Jazz und Pop, das auch am internationalen Markt seinesgleichen suchen dürfte. „A Winter s Journey“ ist ein Stück europäische Musikgeschichte, aufbereitet für ein neues Jahrhundert!

Lia Pales Adaptionen der Texte ins Englische war ein grundsätzliche Überlegung, da die englische Sprache der vorliegenden Rhythmisierungen näher kommt als die deutsche, die sich grundsätzlich besser für (romantische) Musik ohne durchgehenden Puls eignet.

Rüeggs taktgenaue Bearbeitungen und Pales genaue Wiedergabe der Schubert-Melodik sind nahe am Original; Rhythmik, Phrasierung und Klang sowie die Instrumentalsoli über die gesungenen Formen hingegen erweitern die Originale beträchtlich und transformieren sie in eine gänzlich andere Welt.

Eine Welt, die gleichzeitig sehr weit weg vom Geiste Schuberts und Müllers, gleichzeitig aber auch wieder sehr nahe ist. Pales eindrückliche Interpretationen in einem bisher nicht bekannten Niemandsland zwischen Jazz, Klassik und auch Pop berühren und gehen unter die Haut, und wecken gleichzeitig die Lust, sich wieder neu mit der Originalvorlage zu beschäftigen.

Lia Pale und Mathias Rüegg (Piano, Melodica) vollführen gemeinsam mit ihrer Band, bestehend aus Ingrid Oberkanins (perc), Hans Strasser (b) und Fabian Rucker (reeds) und den Gastmusikern Harry Sokal (sax), Mario Rom (tp) und Roman Janoska (vl) - die immer wieder mit ganz wunderbaren Soloeinlagen aufwarten - den Spagat zwischen der Tradition und der Moderne auf eine wirklich beeindruckende Weise.

„A Winter‘s Journey“ ist ein Album, das die Hörer nicht unberührt lässt. Es zeigt, dass Klassisches nicht ewig im Klang der Klassik verharren muss, sondern sehr wohl auch neue musikalische Blüten treiben kann. Eine rundum schöne Geschichte. Anspieltipps: „Backward Glance“ und „Footprints Can't Be See“ oder: sich die Zeit nehmen und den kompletten Zyklus „am Stück“ genießen.

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KW 25 - Fredda / Land (Le Pop/Groove Attack)

Der Titel „Land“ gibt das Grundthema aber auch die musikalische Philosophie des Albums vor. Dazu Fredda: „Das Wort „Land“ beschreibt eine Gegend oder eine Landschaft, die so nur durch den Menschen definiert wird. Ich habe es aber auch gewählt, weil es ein deutsches, englisches und französisches Wort ist. So präsentiert sich das Album als ein offenes Areal für alle, die es gern in Besitz nehmen möchten, egal woher sie kommen.“

Die Anklänge an aktuelle Migrationsströme sind gewollt, genauso wie die mehrsprachige Bedeutung des Wortes. Fredda ignoriert musikalische Grenzen und schafft neue Verbindungen. Zugleich spielen aktuelle Themen wie Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Nomadentum eine Rolle in den Songtexten.

Aber Freddas Reflex ist nicht die Flucht, sondern die Schaffung eines eigenen imaginierten musikalischen Territoriums. Dieses „Land“ ist Freddas fünftes Album und es markiert einen weiteren Meilenstein in der bemerkenswerten musikalischen Entwicklung der Künstlerin, deren Songwriting inzwischen eine Reife und eine Selbstverständlichkeit erreicht hat, die jedes ihrer Chansons wie einen Klassiker erscheinen lässt: alles hat hier seinen Platz und ist perfekt ausbalanciert.

Aber die vermeintliche Leichtigkeit, mit der die Songs in der Schwebe gehalten sind, ist das Ergebnis akribischer Arbeit und eines beharrlichen Perfektionismus seitens der Künstlerin. So hat sie das eigentlich schon fertige Album eine Weile beiseite gelegt und noch einmal gänzlich neu aufgenommen – weil sie plötzlich eine ganz klare Vision vom Charakter der Songs und vom Klang des Albums hatte.

Ihr Partner bei Aufnahmen und Arrangements war dabei zum wiederholten Male Pascal Parisot. „Ich habe mich dieses Mal bei Produktion und Arrangements mehr eingebracht. Man muss sich weiterentwickeln und nicht befangen sein. Ich bin gereift und heute weiß ich ganz genau, wie ich gehört werden möchte. Ich wollte mich mehr von der spielerischen Seite Pascals entfernen, allerdings ohne den Sound schwerer oder trauriger wirken zu lassen.

Nach den Aufnahmen – mit dem Gitarristen Stéphane Louvain (French Cowboy) sowie ihrer Live-Rhythmus-Gruppe Nicolas Desse (Bass) und Alexandre Viudes (Schlagzeug) – fehlte noch ein entschiedenes Puzzleteil auf dem Weg zum „Land“: für den Mix begab Fredda sich in die Waterworks-Studios nach Tuscon/Arizona. Die kongeniale Zusammenarbeit mit dem Produzenten Jim Waters (u.a. Calexico) verleiht dem Sound des Albums die Weite amerikanischer Landschaften, die sich perfekt mit Freddas Songwriting ergänzt.

Durch Jim Waters’ Mix wurde Land zu dem was es ist: ein perfekt ausbalanciertes Album, ein funkelndes Juwel, in dem jeder Song auf der musikalischen Landkarte Freddas seinen Platz findet: „Wie bei meinem vorletzten Album „L’ancolie“ ist die Natur hier sehr präsent – sie ist die Leinwand“.

Von der atmosphärischen Leichtigkeit von „L’Ancolie“ über die ansteckende Energie von „Le Chant des Murmures“ nimmt Freddas musikalisches Territorium nun mit „Land“ immer deutlichere Konturen an – als ein Kosmos vollendeter Chansons, die Melodien, Gesang, Arrangement und Sound zu einer künstlerischen Einheit verbinden, die unverkennbar der starken Persönlichkeit Freddas entspricht – die hier endgültig zu sich selbst gefunden hat. Anspieltipps: "Maintenant" und "Sur La Lande".

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KW 24 - Ani DiFranco / Binary (Righteous Babe)

Mit „Binary“ kehrt die Singer/Songwriterin/Aktivistin/Poetin/DIY-Vorreiterin in ein Revier zurück, das ihr schon vor mehr als 25 Jahren weltweit Anerkennung einbrachte. 1990 war sie eine der ersten Künstler(innen), die ihr eigenes Label gründeten, sie ist anerkannt im feministischen Pantheon für ihren Unternehmergeist, ihr soziales Engagement und ihre direkten politischen Texte.

In einer Zeit des globalen Chaos und der Verwirrung überzeugt Ani DiFranco mit einem breit gefächerten Angebot an Songs, sowohl musikalisch als auch was die Themenvielfalt anlangt. Geschrieben noch vor der US-Wahl 2016, scheinen die Songs auf „Binary“ die aktuelle politische Situation in den USA vorauszuahnen.

Das musikalische Rückgrat bildet wieder DiFranco's langjährige Rhythmussektion, bestehend aus Bassist Todd Sickafoose und Drummer Terence Higgins, auf einem Großteil des Albums aber wird das Trio erweitert durch ein Aufgebot an All-Star Gästen – die virtuose Violinistin Jenny Scheinman sowie Keyboard-Genie Ivan Neville bei über der Hälfte der Songs, mit dabei auch der legendäre Maceo Parker, Justin Vernon (Bon Iver) und Gail Ann Dorsey (Langzeitbassistin bei David Bowie).

Die in New Orleans ansässige Ani DiFranco ist besonders stolz auf den Crescent City Funk, eingeführt von den dort heimischen Higgins und Neville auf einer Vielzahl von Songs. “Their souls are of this place,” sagt sie. “The feel they bring is something they got in utero.” Das Abmischen übernahm Tchad Blake (The Black Keys, Pearl Jam), der für einen kräftigen bleibenden akustischen Eindruck verantwortlich ist und die 11 Songs auf eine neue Ebene hievt.

Ani DiFranco verbrachte die meiste Zeit 2016 auf der „VOTE DAMMIT“-Tour, um klarzumachen, wie notwendig es ist die Stimme bei den Lokal-, Kongress- und Präsidentschaftswahlen abzugeben und um die Fans zu ermutigen, politisch aktiv zu werden, ihrem Beispiel zu folgen.

So nahm sie am Women's March in Washington teil und trat auf der offiziellen Women's March Afterparty für Planned Parenthood auf. In diesem Jahr wird sie zum ersten Mal seit 2014 wieder in Europa auftreten, z.B. beim Glastonbury Festival, im London Palladium und am 9. Juli beim TFF Rudolstadt (18 Uhr auf der Großen Bühne im Heinepark).

Mit „Binary“, ihrem mittlerweile 20. Album, hat Ani DiFranco der Reihe exzellenter Alben ein weiteres hinzugefügt, das sowohl durch seine Texte wie auch durch die perfekte musikalische Umsetzung (kein Ton ist zuviel) mehr als „nur“ überzeugt – ein Meisterwerk! Anspieltipps: „Zizzing“ und „Sasquatch“.

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KW 23 - Accordion Affairs / Elle (Jazzsick Records)

Unter den Instrumenten des Jazz firmiert das Akkordeon sicherlich nicht an dominanter Stelle – trotz Richard Galliano oder etwa dem Vertreter der jüngeren Generation von virtuosen Jazzmusikern auf dem Instrument, Vincent Peirani.

Im deutschsprachigen Raum hat das Handzuginstrument eher weniger Tradition als etwa im französischen oder italienischen. Umso überrascht „Elle“, das neue Album des Trios Accordion Affairs, das mit einer stilistischen Vielfalt jenseits des Musette- oder Bandoneons-Klischees daherkommt. Jörg Siebenhaar (acc, p), Konstantin Wienstroer (b) und Peter Baumgärtner (dr) präsentieren hier spannende Musik im lebendigen Dialog dreier exzellente Musiker.

Beim beschwingten Opener „Vas-Y“ mit eingängiger Melodie und Latin-Rhythmus hört man noch einen vierten, wie auf allen anderen Stücken: einen Pianisten. Das Rätsel löst sich, wenn man weiß, dass Jörg Siebenhaar auch den Flügel bedient, ja, in der Regel synchron mit dem Akkordeon.

Für Siebenhaar ist dieses instrumentelle Multitasking nicht nur kein Problem, sondern die CD sprüht geradezu von multistilistischen und solistischen Einfällen, die dem raffinierten Einsatz aller Instrumente geschuldet sind. Nada entführt den Zuhörer mit einer Tango-Melancholie in die Klangwelt Argentiniens.

Ein Stilelement von Accordian Affairs wird hier exemplarisch für die gesamte CD deutlich: mit Melodie, Begleitstimme und Soli wechselt der jeweilige Instrumenteneinsatz. Konstantin Wienstroer erweist sich als großer Melodiker, wenn sein Kontrabass über die rhythmische Begleitung hinaus zu wunderschön summend-singenden Linien ansetzt, meist nur von wenigen Klavierakkorden und einem wohltuend zurückhaltenden Schlagzeug begleitet - ein Solospiel, das wiederum anschließend dem virtuosen Akkordeon Raum lässt.

Das Knappengebet – ein „Klassiker“ aus dem Repertoire der Bergarbeiterchöre - wird zunächst kinderliedartig im Ein-Finger-System auf dem Piano eingeführt, um in eine anrührende komplexe Instrumentalversion des Trios übersetzt zu werden. Ähnlich liedhaft die Komposition Crusade von Jörg Siebenhaar, bei der der Kirchenorgelklang des Akkordeons dominiert, bis das Schlagzeug zu einer variierenden Durchführung mit allen Instrumenten und einem wunderbaren Solo auf dem gestrichenen Bass einleitet, das zu einem temperamentvollen Tutti übergeht.

Mit „Elle“ hat Accordion Affairs eine Platte eingespielt, die mit ihrer heiter-melancholischen Grundstimmung nicht nur die Liebhaber von Akkordeon-Musik begeistern wird; auch Hörer, die bisher mit dem „Schifferklavier“ nicht allzu viel anzufangen wussten, dürften hier neu für dieses Instrument gewonnen werden. Anspieltipps: „Don Quixote“ und „Crusade“.

KW 22 - Robert Cray & Hi Rhythm / Robert Cray & Hi Rhythm (H'ART)

Mit insgesamt fünf Grammys und über 20 gefeierten Alben hat sich Robert Cray in den letzten 40 Jahren einen Namen damit gemacht, die Grenzen zwischen Blues, Soul und R&B zu überbrücken. Durch seine Zusammenarbeit mit Musikern wie Stevie Ray Vaughan und George Thorogood wurde der US-amerikanische Blues-Gitarrist und Sänger seit den 1980ern einem größeren Publikum bekannt und 2011 schließlich in die Blues Hall of Fame aufgenommen. 

Produzent Steve Jordan und Robert Cray lernten sich 1987 während der Arbeit am Konzertfilm „Hail! Hail! Rock and Roll“ – einer Hommage an Chuck Berry – kennen. Jordan produzierte Crays Grammy-Album “Take Your Shoes Off” im Jahr 1999 sowie einige weitere Alben, inklusive „4 Nights of 40 Years Live“. Für „Robert Cray & Hi Rhythm“ reisten die beiden Ausnahmekönner nach Memphis, um ein klassisches Soul Album mit Hi Rhythm aufzunehmen - der Band, die diesen Sound in den 70ern kreierte.

Steve Jordan war die tiefe Liebe Robert Crays zu O.V. Wright und anderen Soul Legenden aus Memphis bewusst und somit regte er dazu an in die Royal Studios zu gehen, wo Wright, Ann Peebles, Al Green, Syl Johnson, Otis Clay und viele andere mit dem geschätzten Produzenten, Songwriter, Arrangeur und Techniker Willie Mitchell zusammenarbeiteten.

Und obwohl Mitchell 2010 verstorben ist, die Seele von Mitchells Hi Rhythm Band ist an diesem Ort nach wie allgegenwärtig. Innerhalb eines alten Theaters gelegen, sieht das kuriose Royal Studio noch immer so aus wie zu der Zeit als Al Green seine Klassiker für Hi Records produzierte.

Gitarrist Teenie Hodges ist ebenfalls verstorben, aber sein Bruder Rev. Charles Hodges (org, p) sowie Leroy „Flick“ Hodges (b), zusammen mit ihrem Cousin Archie „Hubbie“ Turner (keys), waren noch da. „Es war wie ein Soul, Rhythm und Blues Fantasy-Camp für uns. Diese Typen spielten seit 50 Jahren in diesem Raum“, erzählt Jordan.

Der Opener des Albums ist eine soulige Version von Bill Withers „The Same Love That Made Me Laugh“ und klingt, als käme sie von einer Hi Rhythm Aufnahme der frühen Jahre. Als Cray zwei Songs von Tony Joe White für das Album auswählte, kam White als großer Robert Cray Fan kurzerhand aus Nashville gereist, um an dem Projekt mitzuwirken.

Als Hommage an O.V. Wright und Hi Rhythm kommt die Version von „You Must Believe in Yourself“ daher, „bei I Don’t Care“ von Sir Mac Rice (u.a. “Mustang Sally” und viele andere Songs) erklingt eine unvergessliche Hook und auf “Honey Bad” – ebenfalls von Rice – zeigt sich das brillante Gitarrenspiel von Robert Cray.

In der Zusammenarbeit zwischen Steve Jordan und Robert Cray zeigt sich auf „Robert Cray & Hi Rhythm“ eine ganz besondere Symbiose, die die alten Zeiten der legendären Hi Rhythm wieder aufleben lässt. Anspieltipps: „You Had My Heart“ und „The Same Love That Made Me Laugh“.

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KW 21 - The Phunkguerilla & Cosmo Klein / Kingdom On Fire (Mochemusic)

Vier Jahre nach ihrem Debütalbum „Let’s Work“ veröffentlicht die vom 30-köpfigen Musikernetzwerk zur Band gereifte Phunkguerilla unter der kreativen Schirmherrschaft von Cosmo Klein und der musikalischen Leitung von Claus Fischer ihren zweiten Longplayer. „Kingdom On fire“ erzählt vom Leben und den gesellschaftlichen Irrwegen unserer Zeit.

Songorientierter Funk als wichtigster Bestandteil ihres Schaffens ist geblieben, dennoch war die Herangehensweise an das von langer Hand geplante Projekt-Album dieses Mal so ganz anders. Entstand „Let‘s Work“ noch ‚track by track‘ am Computer von Cosmo und seinem langjährigen Weggefährten Claus Fischer, so entschied man sich früh, das zweite Werk – als eine Art Reminiszenz an die gute alte Zeit des Funk – live mit Band im Studio aufzunehmen.

In unzähligen Live-Jams („Guerilla-Sessions") wurden Songmaterial und Bandbesetzungen getestet. Es kristallisierte sich ein harter Kern sattelfester Profimusiker heraus, der die Band The Phunkguerilla bildet. Was als Netzwerk begann, ist heute eine Band: Felix Lehrmann (dr), Raymond Blake (b), Nicolas Börger und Tobias Philippen (keyb), Maya Saban (Backing Vocals) sowie diverse Bläser-Fraktionen.

Last but not least Claus Fischer. Der Multiinstrumentalist ist Cosmo Kleins „Partner in Crime" und bei der Phunkguerilla für die Produktion verantwortlich. Ein profunder Musikdozent und mit allen Wassern gewaschener Studio- und Livemusiker.

So fanden sich die sechs festen Phunkguerilla-Mitglieder für eine Woche in der westfälischen Idylle des Red Horn Districts zusammen, um die Songs einzuspielen. Schon nach kurzer Probezeit und wenigen Takes waren alle neun Stücke im Kasten. Die Arbeit an „Kingdom On Fire“ war angetrieben von der Idee, dem Funk eine Frischzellenkur zu verpassen und ihn - bei aller Verbeugung vor Künstlern wie Prince, Chic, Marvin Gaye und James Brown - ins Jetzt zu holen. Die Mischung aus Soul, Funk und Pop mit intelligentem Songwriting, den Groove stets im Fokus und eine tief beseelte, mitreißend kraftvolle Stimme, die mühelos das komplette Spektrum von Erotik bis Attacke abdeckt.

Mit der Entscheidung, Claus Fischer ins Boot zu holen, nahm das Projekt immer mehr Fahrt auf. Fischer hatte zuvor bereits mit Künstlern wie Chaka Khan, Lionel Richie und in Stefan Raabs Showband Heavytones überzeugt, an mehr als 300 Alben mitgearbeitet und in 800 TV-Shows mitgewirkt.

Hier traf nun also ein vom Popbusiness verheizter Straßenmusiker mit Ambitionen auf einen autodidaktischen Multiinstrumentalisten mit riesigem Background. Und die zwei teilten eine Vision. Der Weg bis zum fertigen Album war eine Reise mit vielen Stationen, von denen „Kingdom On Fire“ die aktuellste, aber sicher nicht die letzte ist. Anspieltipps: „Homezone“ und „Kingdom On Fire“.

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KW 20 - EvenSanne / What If (Berthold Records)

Was geschieht… wenn eine Musikerin einen Anruf von einem Kollegen erhält, um einen Gig in einem italienischen Restaurant auf die Beine zu stellen? Es entsteht musikalische Chemie. „Das war ein magischer Abend“, erinnert sich Eran Har Even.

Der in Israel geborene Gitarrist hatte die niederländische Sängerin Sanne Huijbregts eingeladen, an jenem Abend mit ihm aufzutreten. Es war die Geburtsstunde von EvenSanne. Vier Jahre später bringt das Duo nun sein drittes Album "What If" auf den Markt. 

Diese „überaus starke Verbindung“ – wie Sanne sie bezeichnet – hat ein bemerkenswertes und höchst originelles Album produziert, auf dem sich Sannes unverkennbarer, einprägsamer Gesang und Erans stimmungsvolles, expressives Gitarrenspiel perfekt ergänzen. Begleitet werden die Beiden von Itai Weissman am Blaswandler (dem EWI, einem ungewöhnlichen, elektronischen Blasinstrument) und Jeroen Batterink am Schlagzeug.

Schon die beiden Vorgänger "Something So Sweet" und die EP "Still" (beide 2014 erschienen) kamen bei den Kritikern gut an. „Einprägsame Melodien und erfrischende Harmonien schlängeln sich durch künstlerisch anspruchsvolle Kompositionen“, lobte die US-amerikanische Folk Jazz-Musikerin Becca Stevens, der israelische Komponist und Gitarrist Gilad Hekselman beschrieb EvenSanne als „einzigartig und magisch – dank des klanglichen und harmonischen Reichtums und dem ungewöhnlichen, kreativen Bandansatz.“

Sämtliche Songs von What if stammen aus der Feder von Sanne Huijbregts und Eran Har Even. Eine echte Duo-Produktion also. Neben den Songs – die in einer Storyline verpackt sind – enthält das Album mehrere Zwischenspiele, die als atmosphärische Atempause dienen. Das ist vermutlich auch nötig.

„Wir sind wie Hund und Katze, die um den begehrten Platz auf dem weichen Kissen kämpfen. Denn wir alle haben eine ausgeprägte Meinung und ganz eigene Vorstellungen“, schmunzelt Sanne und ergänzt: „Im einen Moment sind wir ausgesprochen stur, im nächsten wieder beste Freunde.“ Die dabei freiwerdenden Emotionen sind das Fundament von "What If", mit denen die preisgekrönte Band das Publikum auch auf Live-Konzerten in ihren Bann zieht.

Mitunter kommt „What If“ als nicht ganz einfache musikalische Koste daher, als Hörer/in sollte man bereit sein, sich darauf einzulassen, wird dann belohnt mit spannenden und immer wieder überraschenden Wendungen, die das Album bereit hält. Anspieltipps: „Clockwork“ und „ABCD-Tale“.

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KW 19 - Juana Molina / Halo (Crammed Discs)

Schon das Cover des neuen Albums der argentinischen Musikerin weist auf die mitunter durchaus „geheimnisvoll“ daherkommende  Klangwelt auf „Halo“: Ein Knochen schaut den Betrachter intensiv an - ein Zeichen des Vergänglichen, des letzten Überbleibsels, nachdem die Aasgeier, Hyänen, Nagetiere und Würmer schon längst da gewesen sind.

In der Legende Südamerikas sind begrabene Knochen die Ursache für das sogenannte „luz mala“ (das böse Licht – auch bekannt als Irrlichter), der Halo, der über dem Boden schwebt und Reisenden bei Nacht Angst einjagt. Bei allem Geheimnisvollen, auch Unwirklichem, sind Juana Molinas Songs aber weder finster noch furchteinflößend – viel mehr nahezu magisch, mal spielerisch, mal ernst und immer Bilder evozierend, Musik die – um eine abgedroschene Metapher zu benutzen – unwillkürlich ein immer wieder neu entstehendes Programm im „Kopfkino“ starten.

„Halo“ ist ihr siebtes Album und es folgt dem experimentellen, unverwechselbaren Pfad, den Juana Molina vor Jahren zum ersten Mal beschritten hat. Sie ist auf einer „von ihr selbst bestimmten evolutionären Reise“ (Pitchfork) und ihre „gespenstische, hypnotische“ Musik erklimmt dabei „immer eindrucksvollere Höhen“ (Spin).

Die zwölf Stücke stecken voller hypnotischer Rhythmen, die ihre Energie aus zeitlosen Ritualen zu schöpfen scheinen; Klangfarben werden erforscht und ihre Klanglandschaften verändern sich beständig. Die geheimnisvollen Texte beschäftigen sich oft mit Hexerei, der Vorahnung oder Träumen und werden von Juana Molina als Metaphern für Gefühlszustände genutzt. Stimmen bewegen sich manchmal weg von Wort und Bedeutung, um zu abstrakten Phonemen und Lautmalerei reduziert zu werden.

Juanas Musikansatz ist sehr körperbetont und intuitiv. Jedes Instrument und jede elektronische Ressource ist eine Erweiterung ihres Körpers und drückt ihre Gefühle und Stimmungen aus. Es ist magisch im ältesten Sinne des Wortes: Kunst oder „Techne“ artikuliert Wissen durch Tun, um etwas zu schaffen, das vorher nicht existiert hat.

„Halo“ bietet die perfekte Musik für das langsame Hineingleiten in die Nacht, aber auch aus dem Dunkeln hinein in den beginnenden Tag – „schadet“ aber nicht zu jedweder „hellen“ Tageszeit. Was Juana Molina uns hier anbietet, ist ganz großes Kino, um im obigen Bild zu bleiben – das Album ist ein ganz heißer Favorit auf die Top Ten der besten Alben des Jahres. Anspieltipps: „Los Pies Helados“ und „Ando“.

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KW 18 - Quatuor Ébène feat. Michel Portal / Eternal Stories (Erato/Warner Classic)

Während des Zweiten Weltkriegs beschließt ein sechsjähriger Junge in Bayonne/Baskenland, der Musik sein Leben zu widmen. Nach klassischem Studium und etlichen Preisen für sein Klarinettenspiel nutzt er, was der kulturelle Schmelztiegel Paris ihm bietet:

Morgens im Studio mit Edith Piaf oder Jacques Brel, nachmittags Theatermusik, abends in die Jazzclubs. Stockhausen und Boulez wollen mit ihm arbeiten, an den ersten Free Jazz-Alben ist er beteiligt, und Piazzolla schenkt ihm ein Bandoneon. Seine Auftritte bei den Festivals der Gegenkultur werden zu Happenings.

Seine Kooperation mit dem Quatuor Ébène ist ein wunderbares musikalisches Ereignis abseits aller Normen. “Ein Streichquartett, das sich unversehens in eine Jazzband verwandeln kann”, schrieb die New York Times. Ihre Haydn-, Bartók-, Brahms- und Schubert-Einspielungen fanden international höchstes Lob. Über ihre erste Begegnung mit Michel Portal 2013 bei einem Jazzfestival in Paris – die Künstler spielten dort ebenfalls Werke von Piazzolla – schrieb Le Monde: “Große Lektion, wundervolles Treffen, echte Konversation.”

Vielleicht wird „Eternal Stories“ mal eine der besten Portal-Platten, die er je aufgenommen hat. Möglich, dass er an seinen geliebten Charlie Parker dachte, der sich 1947 den Traum erfüllte, mit einem Streichquartett aufzunehmen. Diese „Eternal Stories“ sind jedoch kein Remake, sondern durchweg neue Stücke nebst zwei neu arrangierten Klassikern Portals, einem Spätwerk Piazzollas und erstaunlichen Beiträgen des Quatuor Ébène.

Man könnte Portal mit der Sprache von Film und Theater einen großen Charakterdarsteller nennen. Wie Sonny Rollins ist auch für ihn das Betreten eines Tonstudios zur Aufnahme einer Platte “eine traumatische Erfahrung”. Er braucht die Bühne und das Publikum, möglichst jeden Abend, immer mit einem anderen Programm. Quälend der Gedanke, das Fließende, Unwiederholbare in der Musik festhalten zu wollen.

Weil er sich damit so schwer tut, gibt es zu wenige Alben von ihm. Doch diese „Eternal Stories“ mit dem Quatuor Ébène sind ein Ereignis und ein Werk von großer Anziehungskraft. Anders als sein Idol Charlie Parker wählte Portal nur einige wenige Stücke, die zu den stärksten in seinem Repertoire gehören und schrieb neues Material als Ergänzung.

“Jazz bietet mir die einzige Möglichkeit, frei zu sein, zu schweben, zu träumen” sagt Michel Portal  – bleibt zu wünschen, dass der mittlerweile 81-jährige diese „Freiheit“ noch lange genießen kann und mit den „Eternal Stories“ noch längst nicht alles erzählt ist. Anspieltipps: „Judy Garland“ und „Plus L'Temps“.

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KW 17 - Pat Appleton / A Higher Desire ((Edel)

Pat Appleton verfügt über eine dieser Stimmen, die - egal in welchem musikalischen Kontext sie agiert - sofort als die ihre identifiziert werden kann. Die meisten kennen die liberianisch-deutsche Sängerin natürlich als „die Stimme“ des Lounge-Jazz-Kollektivs DePhazz, durch ihre Zusammenarbeit mit der Jazzkantine, Bahama Soul Club, Nighthawks oder Eccomoreno.

Seit nunmehr 10 Jahren aber setzt Pat Appleton vermehrt auch auf Soloprojekte und bringt nun mit „A Higher Desire“ ihr drittes Album in „eigener Sache“ heraus, auf dem sie sich gewissermaßen neu erfindet. War ihr Debüt "What's Next?" (2007) noch eine Fortsetzung des bis dato Erreichten unter eigener Regie, kam das zweite Werk, "Mittendrin" (2011), bereits - als radikale Abkehr davon - mit deutschen Texten daher und bot musikalisch ein breit gefächertes Spektrum zwischen Soul-, Rock-, und Songwriter-Pop.

Bleiben wir bei den „Schubladen“, dann ist „A Higher Desire“ ein Jazzalbum, ohne große elektronische Schnörkeleien, eher klassisch akustisch instrumentiert daherkommend, was dieses wunderbare warme dunkle Timbre der Wahlberlinerin noch mehr in den Vordergrund stellt. 

Für die Produktion des Albums hat Pat Appleton ein Quartett aus exzellenten Musikerin - Martin Auer (tp, flh), Sebastian Weiß (p), Olaf Casimir (b), Michael Kersting (dr) - zusammengestellt, die neben ihrer ausgewiesenen musikalischen Qualität über den Vorteil verfügen, dass sie nahezu ausnahmslos „um die Ecke“ wohnen, was für eine regelmäßige Probenarbeit einen unschätzbaren Wert bedeutet – ein Quartett im übrigen, das mehr ist als nur ihre „Begleitband“.

Die Texte drehen sich – natürlich - um Liebes- und Beziehungsdinge, aber auch um Gedanken, die sich Pat über ihre Position im Business, in den Sozialen Medien und dem Leben im Allgemeinen macht, aber auch um „heiße“ Themen wie historische Kollektivschuld in „The Blame Game“.

Die Kompositionen wurden von den Bandmitgliedern Sebastian Weiß und Martin Auer beigesteuert und - in klassischer, akustischer Quartettbesetzung mit Piano und Trompete - gemeinsam im Neuköllner Studio zu einer stilistisch breit gefächerten Melange zwischen R'n'B, Jazz, Pop und Soul - bis hin zur avantgardistischen Klangmalerei - umgesetzt, in dem jeder Ton seine Daseinsberechtigung hat.

Bei aller Vielfalt ist „A Higher Desire“ aber auch ein fast puristisches Album geworden, das gerade durch den Verzicht auf zu offensichtliche Effekte, bemühte Modernismen und stilistische Manierismen ein wunderbares Beispiel dafür ist, das weniger mitunter eben doch mehr ist -  Pat Appleton ist da ein ziemlich großer Wurf gelungen. Anspieltipps: „Abstract“ und „Peach Blossom“.

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KW 16 - Somi / Petite Afrique (OKeh/Sony Music)

Die Medien haben Somi bereits mit Ikonen wie Miriam Makeba, Dianne Reeves und Nina Simone verglichen und  „The Lagos Music Salon“, ihr erstes vom nigerianischen Lagos inspiriertes Album, schlichtweg mit „Beeindruckend“ rezensiert - und das zu Recht: Die US-amerikanische Jazz- und Soulsängerin mit ostafrikanischen Wurzeln hat eine wunderbar soulige Stimme und verbindet Jazz, Soul und Pop mit traditioneller afrikanischer Musik.

Somi, deren Eltern aus Uganda und Ruanda stammen, arbeitet von Harlem aus an ihrer ganz eigenen Mixtur, wobei die Sängerin mit ihrer lasziven Stimme sich auch als talentierte Songschreiberin erweist. Zackige kleine Bläsersätze, die aus südafrikanischen Townships stammen könnten, komplexe westafrikanische Rhythmen, der geschmeidige Bass von Michael Olatuja: Bei ihr kommt vieles zusammen, das von ihren überragenden vokalen Fähigkeiten zusammengehalten wird.

Das neue Album ist erneut eine spannende Verschmelzung aus Jazz, afrikanischer Musik sowie tiefgründigem Singer-Songwriter-Material und diesmal eine Hommage an das Harlem-Viertel „Little Africa“ bzw. „Petite Afrique“, das mit seiner vibrierenden, afrikanischen Migranten-Community nicht mehr aus New York City wegzudenken ist.

Man höre nur, wie Somi sich in „The Gentry“ an Aloe Blacc misst, wie sie Stings „Englishman In New York“ in „Alien (African In New York)“ umdichtet und ihr außerdem vielschichtige Balladen gelingen, die glatt von Joni Mitchell stammen könnten. Das Versprechen, das Somi mit ihrem Debüt-Album gegeben hat, löst sie mit „Petite Afrique“ mehr als überzeugend ein.

Somis 14-teiliger Liederzyklus basiert auf Gesprächen, die sie mit diversen Mitgliedern des Stadtteils über brandaktuelle Themen wie Transnationalismus, kulturelle Differenzen und Anpassung geführt hat. Um diese Dialoge auch musikalisch fortzuführen, hat sie Songs mit Gastmusikern wie Aloe Blacc oder Jazz-Saxofonist Marcus Strickland aufgenommen.

Mit ihren Bandmitgliedern Liberty Ellman (Gitarre), Michael Olatuja (Bass), Nate Smith (Drums) und Toru Dodo (Piano) schafft sie ein pulsierendes Gesamtwerk, durch das sie sich einmal mehr als Vokalistin, Musikerin, Songwriterin, Kulturanthropologin sowie stolze Harlem-Bewohnerin profiliert. Mehr davon! Anspieltipps: „Alien“ und „Like Dakar“.

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KW 15 - Gewürztraminer / Tanzverbot (CrackedAnEgg)

Begonnen haben die Gewürztraminer 2009 als akustisches Trio. Kontrabassist Daniel Schober und die beiden Gitarrist Marco Filippovits und Julian Wohlmuth kennen sich schon lang, seit Klosterneuburger Schul- bzw. Musikschulzeiten, mit einem Faible für Django Reinhardts Gitarrenspiel als verbindendem Element.

Als Nächstes stieß der aus München stammende Gitarrist Gidon Oechsner dazu. Er arbeitete damals gerade beim Instrumentenhändler City Music und spitzte die Ohren, als Julian Wohlmuth Gypsy-Jazz-Saiten kaufen wollte. Alle anderen, die in der näheren und weiteren Umgebung solche Saiten brauchen, habe er nämlich gekannt, erinnert sich Oechsner; man begann noch im Geschäft zu jammen.

Später rapportierte Wohlmuth seinen Kollegen, dass er jemanden gefunden habe, „der unsere Musik wirklich spielen kann“. Blieb noch die Suche nach einem Akkordeonisten – ein offenbar eher schwieriges Unterfangen. Man fand ihn in Gestalt des Linzer Mazedoniers Atanas Dinovski auf Facebook. Seither ist der Balkan-Einfluss stärker.

Spätestens seit dem Einstieg des Schlagzeugers Daniel Neuhauser in die Band ist die Musik - getragen von den treibenden Grooves der Gitarristen Gidon Oechsner, Julian Wohlmuth und Marco Fillipovits - dem Jazz-Genre Gypsy Jazz entwachsen und die Gewürztraminer finden mit ihren humorvollen Texten und den oft tanzbaren Grooves mittlerweile in der jugendnahen Clubszene eine neue Heimat.

Auf „Tanzverbot“, dem neuen Album gesellen sich zu den Standards für diese Musik untypische Stücke, wie beispielsweise alte Schlager von Hildegard Knef oder Bill Ramsey. Gelegentlich verirrt sich auch ein Wienerlied ins Programm, ganz zu schweigen von den extravaganten Eigenkompositionen - alles zusammen ergibt eine aufgeweckte Mischung mit mehrstimmigem Gesang und rasanten Solo Parts, beschwingtem Django-Jazz und abgefahrenen Bebop-Lines.

Die Gewürztraminer spielen  eine spezielle Sorte des Gypsy Jazz, wie man sie wohl nur in Österreich findet! An den Südhängen der Donau gereift, mit Wiener Charme liebevoll veredelt und mit feinsten Zutaten aus Bayern zu einem Genuss für alle Sinne komponiert. Aus einer alten Tradition heraus, die bis heute würdevoll gepflegt und geehrt wird, erwächst ein erfrischend neuer Ansatz, der selbst den Kenner noch das ein oder andere Mal in Verzückung versetzt. Anspieltipps: „Efendi“ und „Angst“.

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KW 14 - Viviane de Farias / Vivi (IN + OUT)

Das brasilianische Portugiesisch beherbergt einen Reichtum an Wörtern, die sich in keine andere Sprache eins zu eins übersetzen lassen. „Ginga“ ist ein solches Wort; kann einen leichtfüßigen Swing bezeichnen oder den Gang einer Hüften schwingenden Morena charakterisieren, steht aber auch für ein einzigartiges Lebensgefühl, das eines jeden Cariocas, eines jeden Bewohners von Rio.

In seiner Komposition „Ginga Carioca“ hat der großartige Hermeto Pascoal dieses Lebensgefühl mit all seinen Widersprüchlichkeiten aufgefangen. Viviane De Farias hört in dem turbulenten Stück des brasilianischen Freigeistes die Polizeisirenen, die Schüsse aus der Favela, die Hektik einer verrückten Stadt, in der jeder einen Therapeuten hat – aber auch den Stolz, am schönsten Ort der Welt zu leben. Deshalb musste sie einfach einen Text schreiben auf diese instrumentale „Ginga“.

„Ich habe gelebt“ - das bedeutet die Kurzform ihres Namens: „Vivi“. All die Facetten und Phasen, die Viviane de Farias ge- und durchlebt hat, sind auf diesem Album zu einem faszinierenden Songzyklus gebündelt - ihre Erinnerungen, Sehnsüchte, Träume, ihre musikalischen Visionen zwischen Rio de Janeiro und dem Rest des Erdballs.

Mit ihrem exzellenten Quintett kreiert sie dabei eine Spannung von Innenschau und Bewegung, von Ausgelassenheit und Traurigkeit, und immer wieder von Gestern und Heute: Die Zeit, sie ist das große Thema in den Texten von „Vivi“, die in einer Familie aufwuchs, in der Eltern und Geschwister bei der Fluggesellschaft arbeiteten. Und so hat sie über den Wolken häufig Bekanntschaft gemacht mit diesem Zwischenreich der Zeitzonen.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sie in ihrer Stimme Qualitäten vereinigen kann, die von zeitlosem Wert sind und die sich so wenig um Klassifizierungen oder Stile kümmern müssen: Da ist der klassische Operngesang, auf dessen Basis sie immer noch aufbauen kann, da sind die Scats des Bebop, die mit den portugiesischen Worten eine Färbung fern des US-Jazz bekommen. Und da ist immer die Schönheit der klaren Linie und Phrasierung, ein Gesang, der nahe an der Sprachmelodie ist – eine hohe Tugend gerade in Brasilien.
 
Meisterhaft wird diese Stimme von ihrem Quintett in Szene gesetzt. Ohne Paulo Morello, sagt Viviane, würde dieses Album gar nicht existieren. Denn er ist nicht nur der Virtuose an der Gitarre, von ihm stammen auch viele der Kompositionen. Bevor sie ihre Lyrik erdachte, hat er diese eigens auf ihre Vokalkunst zugeschneidert und schließlich mit raffinierter Detailarbeit arrangiert.

Mit Morello bildet Kim Barth seit langen Jahren ein künstlerisches Doppelgestirn, der gewiefte Multiinstrumentalist an Flöten und Saxophonen steuert seine luftige Arbeit immer passgenau und mit Esprit bei. Und dann ist da Vivianes Partner Mauro Martins, der an den Drums mit einem unfassbaren Gefühl für Metrum und perkussiver Varianz gesegnet ist, und ebenfalls für Komposition und Arrangements verantwortlich zeichnet.

Knackig und elegant gleichermaßen Bassmann Dudu Penz mit einem Sinn für tropisches Funkfeeling. Tastenmann Tizian Jost, der querstehend und komplex am Piano, aber auch fließend an den Vibes agiert. Summa summarum: Eine Gruppe von Musikern, die mehr Begeisterung, Respekt und Flexibilität teilen, kann man sich kaum denken, ihrer ideenreichen Spielfreude zuzuhören, ist ein Genuss

„Vivi“ flimmert in aufregenden Gegensätzen, ganz wie das Leben selbst: In sanfte Erinnerungen ans sonntägliche Rio lässt uns die Sängerin mit „Domingo“ eintauchen. Das glimmende Fender Rhodes und ein wunderbar entspanntes Saitensolo beschwören die Faulenzernachmittage der Kindheit herauf.

Fast klassisches Flair, wie der getragene, majestätische Gesang eines Schumann-Lieds scheint in „More Than Friends“ auf, die Geschichte einer unmöglichen Liebe, die in eine andere Zeit fliehen möchte. „Aéroporto“ hebt ab zu einem träumerischen Flug durch den Kosmos, der Zeitreise und Geleit ins Reich des Schlafs zugleich ist, gesungen mit der Zärtlichkeit und dem Dank der Mutter an ihre Tochter.

Ihr widmet Viviane de Farias ebenso den heimlichen Star des Albums, „Luminosa“, aus der Feder des unvergleichlichen Raul de Souza. Die über 80-jährige Posaunenlegende aus Rio ist ein wandelndes Lexikon des brasilianischen Klangkosmos, hat mit Cannonball Adderley, George Duke, Herbie Hancock, Airto Moreira & Flora Purim gespielt und sprudelt voller Anekdoten.

Dass er mit seinem warmherzigen Ton für „Vivi“ gewonnen werden konnte, garantiert einen Gastauftritt, der die Verankerung in der Musikhistorie des Zuckerhuts wunderbar abrundet.

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KW 13 - China Moses / Nightintales (MPS Records)

Zuallererst ein Versprechen des Schreibers dieser Zeilen: zum letzten Mal soll thematisiert werden, dass China Moses die Tochter der großen Dee Dee Bridgewater und des Kultregisseurs Gilbert Moses ist, und auch die Metapher vom Apfel, nicht weit von Stamm… soll fürderhin nicht mehr bemüht werden.

Nach 20 Jahren im Musikgeschäft und spätestens mit den beiden Alben „This One’s For Dinah“ (2010) und „Crazy Blues“ (2013) hat sich die Wahlpariserin alles Recht der Welt verdient, als individuelle Künstlerin wahrgenommen zu werden. Vor allem mit „This One’s For Dinah“, ihrer grandiosen Hommage für Blues-/Jazzlegende Dinah Washington, hat sich China Moses endgültig als eigenständige Sängerin und große Entertainerin etabliert.

Nun erscheint mit „Nightintales“ ihr neues Album, das erstmals ausschließlich mit Eigenkompositionen daherkommt und noch mehr als die beiden Vorgänger-Alben die künstlerische Bandbreite der Sängerin, aber auch der Songschreiberin demonstriert. Gerade mal fünf Tage (vor allem Nachte!) brauchten China Moses und der britische R&B- und HipHop-Produzent Anthony Marshall (u.a. Craig David, Nelly Furtado, ...) für die neuen Songs.

„Vieles an diesem Album entstand aus dem Moment heraus“, erklärt China Moses: „Deshalb klingt es so frisch. Wir wollten zeitlose Musik machen, etwas, das man in vielen Jahren noch hören kann. Es sollte so live wie möglich klingen und doch so verdichtet, wie in den alten Jazzsongs. Die waren auch meist nur zwei, drei Minuten lang. Unser Album dauert gerade mal 50 Minuten. Aber da ist alles drin. Die langen Versionen gibt es dann im Konzert.“

Eine exzellente Band aus London, mit Luigi Grasso an Alt- und Baritonsaxofon, Pianist Joe Armon Jones, Luke Wynter am Bass sowie Marijus Aleksa am Schlagzeug, bildet ein Fundament, auf das China Moses bauen kann. Eine echte Soul Diva mit unverwechselbarem musikalischem Charakter und purer Energie in der Stimme.

Eine Nacht weiß viel zu erzählen, heißt es. China Moses ist die Erzählerin der Nacht und „Nightintales“ ein faszinierender Trip durch nächtliche Geschichten. Mit warmer, wandelbarer Altstimme lässt China Figuren und Orte im Kopf der Zuhörer/innen Gestalt annehmen, formt Bilder und Stimmungen.

Die 11 Songs, die vom Rausch der Liebe („Hungover“) und ihrem bitteren Ende („Whatever“) erzählen, von Lastern („Nicotine“) und Leidenschaften („Put It On The Line“), von Aufbruch und Mut („Running“) erzeugen ein funkelndes Kaleidoskop aus Soul, R&B, Jazz, Blues und Pop. Anspieltipps: „Put It On The Line“ und „Disconnected“.

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KW 12 - Yasmine Hamdan / Al Jamilat (Crammed Disc)

Fast vier Jahre sind seit Yasmine Hamdans Solodebüt „Ya Nass“ vergangen und in dieser Zeit ist viel passiert: Das Album erhielt in Europa, den USA, Nordafrika und dem Nahen Osten große Aufmerksamkeit; ihren Auftritt in Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ empfanden viele als einen der Höhepunkte des Films und der Song „Hal“ aus dem Film stand auf der Longlist der Oscar-Nominierungen.

Ihre Live-Shows in unterschiedlichen Band-Konstellationen bescherten ihr eine treue Fan-Gemeinde und mit „Aleb“ stieg sogar einer ihrer Songs in die deutschen Singlecharts ein. Im Sommer 2014 erhielt Yasmine, die in Beirut geboren wurde, aber seit vielen Jahren in Paris lebt, vom französischen Kulturminister den Titel „Chevalier des Arts et des Lettres“.

Das neue Album „Al Jamilat“ (Die Schönen) hat Yasmine Hamdan mit einem neuen Team produziert – neben ihr selbst waren Luke Smith (Depeche Mode, Lily Allen, Foals) und Leo Abrahams (Brian Eno, Carl Barat) als Koproduzenten tätig und bei den Aufnahmen wirkten unter anderem Shahzad Ismaily (Laurie Anderson, Lou Reed…) und Steve Shelley (Sonic Youth) mit.

Während Yasmines Stimme klar die Traditionen der arabischen Musik mit einem unkonventionellen und frischen Ansatz wiederspiegelt, sind die Strukturen und Arrangements der Stücke weit von deren Wurzeln entfernt. Sie bedienen sich an zeitgenössischer westlicher Elektronik, Pop und Folk Music.

Yasmine Hamdanist eine Wanderin zwischen den Welten, sie hat in einem halben Dutzend Länder gelebt und sich in deren Kulturen eingefühlt. Das neue Album ist somit eine Reise in viele Kulturen geworden, während derer sie Sounds und Ideen gesammelt und miteinander verschmolzen hat.

Inspirationen für die Texte kamen neben den Themen Beziehungen, Manipulation, Reflektion und Lust, Sünde, Angst, Liebe und Rebellion auch über die Taxifahrer in Beirut, offenbar eine ganz besondere Spezies: „Taxi drivers in Beirut“, so Hamdan, „are outspoken, and political. Many have reached a boiling point, caused by a rotten political and economical system. I have met unusual characters, ex-criminals, perverts, war fighters, gigolos, poets, drug addicts…“

Musikalisch schließt „Al Jamilat“nahtlos an „Ya Nass“ an, geht aber noch einen Schritte weiter; mehr Vielfalt in der Instrumentierung, mehr elektronische Elemente, der Sound ist noch „westlicher“ geworden – eines aber ist geblieben: diese einschmeichelnde, geheimnisvolle Stimme, dieser faszinoerende, mitunter fast unwirkliche Gesang Yasmine Hamdans. Anspieltipps: „Douss“ und „Café“.

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KW 11 - Valerie June / The Order Of Time (Caroline)

TV-Auftritte auf der ganzen Welt, Touren mit Sharon Jones + The Dap Kings und Norah Jones. Der Hyde Park mit den Rolling Stones, eine Einladung von Michelle Obama ins Weiße Haus. Valerie June, eines der “most intriguing, fully formed new talents“ (New York Times) veröffentlicht ihr neues Album.

Als Straßenmusikerin begonnen, schaffte June 2013 mit ihrem Debüt „Pushin' Against a Stone“ den Durchbruch, dessen von ihren Fans sehnsüchtig erwarteter Nachfolger nun „The Order Of Time“ ist. Darin beschäftigt sie sich mit der Zeit als „der Herrscherin des Erdrhythmus‘“, wie sie es nennt. „Wenn wir es zulassen, kann sie eine mächtige Führerin sein, unsere größten Hoffnungen und Träume Realität werden zu lassen.“

Aber genau so, wie sie diesen philosophischen Unterbau in ihren Songs zu nachvollziehbaren Geschichten werden lässt, so „down to earth“ ist auch ihre Musik. Selten rauscht und blubbert es im Hintergrund ganz leicht wie bei aktuellen Future-R’n’B-Produktionen, aber Valerie June ist in „heart and soul“ June Carter-Cash, Emmylou Harris, Nina Simone und Joni Mitchell oder aktuelleren Traditionalisten wie Sharon Jones & The Dap Kings, Junip und Alabama Shakes viel näher.

Sie hebt in ihren Songs gerne auf die afroamerikanische Musiktradition der Südstaaten ab, ihre Stimme birgt eine emotional weitreichende Palette und ihr wohnt eine hohe Klarheit inne, so dass sie sich ideal als Spitze des Ausdrucks uramerikanischer Spielarten wie Bluegrass, Folk, Americana bis hin zu Blues und Rock, aber auch Country-Soul eignet, deren Stimmungen, Intensitäten und Instrumentierungen sie in ihren bisweilen minimal und intim wirkenden, selten auch ausladenden Arrangements aufgreift und mit Songwriting unterschiedlicher Ausrichtung und Schwerpunkten vermengt.

„The Order Of Time“ kommt wie der Film über eine lange Zugfahrt durch alte Landschaften zwischen Sümpfen und weiten Weiden daher, ist gewissermaßen der Soundtrack dazu - mit Vintage-Orgeln, Honky Tonk Piano, Walking Bass, Akustik- und Bottleneck-Gitarre und mit Verweisen zu Joni Mitchell, Elmore James, Van Morrison, Bob Dylan oder Leonard Cohen.

Die Songs handeln nicht nur zum großen Teil von der Bedeutung der Zeit ("Long Lonely Road", "Just In Time", "Slip Slide On By"), sondern enthalten so viel Immersionspotenzial, dass deren lineares Verstreichen beim Hören tatsächlich außer Kraft gesetzt zu sein scheint. Anspieltipps: „Astral Plane“ und „Two Hearts“.

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KW 10 - Digger Barnes / Near Exit 27 (Barnes & Quincy)

Seit 10 Jahren dokumentiert der Singer-Songwriter Digger Barnes auf seinen Platten das Leben on the road. Geschichten voller Sehnsucht, Melancholie und morbidem Charme sind sein Markenzeichen und liefern den Stoff für die "Diamond Road Show", ein Roadmovie der besonderen Art, ein Bastard aus Kino und Konzert. Digger Barnes hat dieses Show-Format zusammen mit dem Maler und Trickfilmkünstler Pencil Quincy erfunden.

In den letzten Jahren wurden von Barnes viele Kilometer zurückgelegt, um die "Diamond Road Show" im In- und Ausland auf die Bühne zu bringen, ist auf seinem Road Trip in Friedhofskapellen, alten Tankstellen, Eisenbahnwaggons und besetzten Häusern aufgetreten und schreckte auch nicht vor Shows in psychiatrischen Einrichtungen, Staatstheatern und Flugzeughangars zurück. Durch das ständige Unterwegssein verschwimmt das reale Leben von Digger Barnes mit den Episoden der "Diamond Road Show", und auch auf seinem neuen Album "Near Exit 27" verwischen Realität und cineastische Fiktion.

Eigentlich kommt er aus Hamburg und eher aus der Punk-Szene. Und, kaum überraschend, heißt er auch nicht wirklich Digger Barnes, sondern Kay Buchheim. Den Künstlernamen borgte er sich von einer Figur aus der Fernsehserie „Dallas“ aus. Dort war Digger Barnes einst Gegenspieler des Ewing-Clans, sein Sohn Cliff ein ewiger Verlierer,

Immer wieder findet man bei Digger Barnes Themen wie Entwurzelung, Aufbruch und Flucht als Zustandsbeschreibung des Individuums in der Welt, und eben diesem ewig reisenden und nie ankommenden Outsider setzt Barnes mit “Travelin’ Man“ ein musikalisches Denkmal. Die Streichersektion von Produzent Friedrich Paravicini schmeichelt hierbei Barnes’ Stimme wie einst die Arrangements von Claus Ogerman der Stimme von Antonio Carlos Jobim.

In “Way Too Long“ entwickelt Barnes seine vollen Erzählerqualitäten. In Tradition der minimalistischen Kurzgeschichten eines Raymond Carver oder Sam Shepard wird dieser lakonische Bericht einer Trennung hauptsächlich von Barnes’ warmem Bariton getragen. Dobro und stoisch gezupfte Rhytmusgitarre rufen einem dabei das zerfurchte Gesicht von Harry Dean Stanton in Wim Wenders’ Roadmovie “Paris, Texas“ in Erinnerung.

Mit “His Name Is Dan“ und “Last Dance“ finden sich auf “Near Exit 27“ auch zwei Songs aus der Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Franz Dobler wieder. 2014 eröffnen Barnes, Quincy und Dobler als künstlerischen Ableger der “Diamond Road Show“ das “Diamond Motel“, eine heruntergekommene Rock’n’Roll Herberge im Bühnenformat und verbinden dabei Kino, Konzert und Autoren-Lesung.

Neben dem sonst überwiegend akustischen Instrumentarium, kommt auch ein Synthesizer der 20er Jahre zum Einsatz: das neben dem Theremin eher unbekannte Ondes Martenot. Schon in der frühen elektronischen Musik wurde es als expressives Pendant der menschlichen Stimme geschätzt, und verleiht dem Song “Homeward Bound“ eine unheimliche, außerweltliche Atmosphäre. Sowohl “Homeward Bound“ als auch “You Can’t Run From The Devil“ schrieb Barnes für die Uraufführung des Theatertextes “Krieg. Stell dir vor, er wäre hier.“ der dänischen Schriftstellerin Janne Teller.

Auf “Near Exit 27“ finden sich immer wieder popkulturelle Verweise und Zitate, und so verwundert es nicht, dass das Album mit einer klaren Verbeugung vor dem texanischen Songwriter Billy Joe Shaver endet. Ein letztes mal wird das gesamte Instrumentarium der Produktion aufgefahren. Harmonium, Vibraphon und Hornsatz verhelfen “Shine Like A Diamond“ zu epischer Größe und vollenden ein Americana Album von dunkler, zeitloser Schönheit.  Anspieltipps: am besten en Suite zu hören!

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KW 09 - Ron Carter & Richard Galliano / An Evening With (In&Out)

Vielleicht ist es Neugier, vielleicht aber auch die Klugheit, schon früh begriffen zu haben, dass die Beschränkung auf sich selbst niemanden voran bringt, sondern eher zu Stillstand, manchmal gar zu Rückschritt führt. Also ließen sich Ron Carter und Richard Galliano zum zweiten Mal nach 1990, als sie ihr gefeiertes Album „Panamanhattan“ in Paris einspielten, auf das Wagnis einer interkontinentalen Kollaboration ein.

Hier der französische Akkordeonmeister, dessen Finger mit akrobatischer Leichtigkeit über die Tastatur fliegen und das Instrument in Melancholie weinen oder vor Freude jubilieren lassen. Dort die amerikanische Bassinstanz, deren tief gestimmte Saiten mehr als 2500(!) Einspielungen veredeln und der zu den Eckpfeilern des Gesamtkunstwerks von Miles Davis, Eric Dolphy, Archie Shepp, Herbie Hancock, Aretha Franklin, Roberta Flack und Antonio Carlos Jobim zählt.

Zwei, die in ihrer eigenen Welt längst Heldenstatuts erlangt haben und eigentlich nur verlieren könnten, wenn sie das Terrain des jeweils anderen betreten. „Glaub mir, es gibt nichts Wahrhaftigeres als mit einem Zocker auf die Bühne zu gehen“, schwärmt Carter von der aufgefrischten Liaison mit seinem gallischen Kumpel.

Den einst verlorenen gegangenen roten Faden entdeckten beide im März 2016 bei der Jazz Woche in Burghausen als kleines Intermezzo im Rahmen eines gemeinsamen Auftritts mit der WDR Big Band wieder. Den vorläufigen Höhepunkt bildete dann die Aufnahme im Theaterstübchen in Kassel am 29. Oktober.

Galliano erinnert sich: „Bevor wir loslegten, sagte ich zu ihm: ´Da kann du mal sehen: 27 Jahre sind vergangen, wir sind immer noch dieselben und ich spiele immer noch dasselbe Akkordeon. Worauf Ron nur entgegnete: „Und wir haben immer noch dieselben Finger!“

Mit diesen 20 flinken Werkzeugen bewegen sich die beiden Protagonisten des musikalischen Joint Venture ohne Berührungsängste aufeinander zu. Keiner verharrt in seiner angestammten Position. Wie zwei furchtlose Alpinisten balancieren sie über dem gähnenden Abgrund und vollführen waghalsige Manöver, springen gegenseitig immer wieder in die Bresche.

Je länger die intimen Wanderungen voller subtiler Zwischentöne und feinsinniger, tänzerischer Eleganz dauern, umso größer scheint die Vertrautheit zu werden: Nichts hat sich verändert. „Richard ergreift wirklich jede rhythmische und harmonische Gelegenheit“, wundert sich der Amerikaner über seinen französischen Partner.

Und der kontert galant: „Ron sieht immer noch so jung, frisch und smart aus wie vor drei Jahrzehnten. Und er ist nach wie vor enthusiastisch, unkompliziert und kommt ohne Umschweife auf den Punkt.“

Selten passte ein häufig gebrauchtes Bild besser, als an diesem ganz besonderen Abend: Ron Carter und Richard Galliano kreieren ein universelle musikalische Sprache, deren Vokabeln aus Noten bestehen. Nachzuhören ist die Magie dieses Abends auf dem Live-Album „An Evening With …“ (Live im Theaterstübchen Kassel). Anspieltipps: „Einbahnstraße“ und „Tea For Toots“.

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Tagestipps 26.02.

In Region aktuell (7-9/17-19 Uhr) u.a.: Neues vom Löwentor: Dauerbrenner-Thema Hertie-Areal in Wolfenbüttel / Licht an: Erste Details zum Braunschweiger Nachtlauf 2018 / Und: Kompakte Nachlese – das Sport-Wochenende in der Region.

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Blickpunkt Glaube (9 Uhr) - "Auf die Wunder fertig los...werde auch du zum Wunder Entdecker" heißt die Ausstellung mit biblischen Erzählfiguren in der St. Thomaskirche in Heidberg. (Wdh. von So.)

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Pandora Spezial (10 Uhr) - Kurt Volland und Uwe Flake blicken im 2. Teil auf weitere Highlights des 15. Satirefestes in der Brunsviga. (Wdh. von So.)

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Dabei nach Drei (15 Uhr) - "Die Polizei rät: der Enkeltrick". Auskunft gibt Herr Voiß von der Polizeilichen Beratungsstelle der Polizeiinspektion Braunschweig. Er schildert, wie die Täter vorgehen und gibt wertvolle Hinweise zur Prävention.

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Stargazer (23 Uhr) - Der exklusive Rock- und Popladen mit Florian Damm und Musik u.a. von: Courtney Barnett, Tuys, Frequency Drift und I'm With Her.

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